Roger Mintey fahndet nach Münzen. Fast 10.000 Hobbyarchäologen in Großbritannien gehen auf Schatzsuche © Reiner Luyken

Roger Mintey schlüpft in eine warme Jacke, zieht die vom letzten Ausflug noch lehmverschmierten Gummistiefel über seine Waden, schnallt Schutzpolster um die Knie und holt den tragbaren Metalldetektor und einen Spaten aus seinem Toyota Corolla. Er stapft auf eine Weide hinter den Stallungen der Clifton Cottage Farm in der Grafschaft Sussex. Ein südenglisches Idyll, Schafe grasen unter jahrhundertealten Eichen und Buchen, neugeborene Lämmer probieren ihre wackeligen Beine aus. Jenseits der heckenbesäumten Wiesen ragen die Kalkfelsen der North Downs auf. Die Morgensonne wirft lange Schatten.

Mintey fährt mit der tellergroßen Sonde über das Gras. Lange tut sich nichts. Dann piepst die Maschine. Er schaltet von Suchmodus auf Fundbetrieb um. Das Gerät brummt, offenbar ein vielversprechendes Zeichen. »Ich will’s mal versuchen«, murmelt Mintey und zückt den Spaten. Er hebelt einen kreisrunden Soden aus.

In Deutschland wird die Suche mit der Sonde hoch bestraft

Zwanzig Zentimeter unter der Oberfläche fördert er ein verschmutztes Etwas zutage, so groß wie eine Zwei-Euro-Münze. Vorsichtig reibt er den Lehm ab. »A ha’penny«, verkündet er, ein halber Penny, 18. Jahrhundert. Ich finde das aufregend. Für Mintey ist es ein alltäglicher Fund. Er will »eine fette Münze aus gehämmertem Silber« aufspüren. Mittelalter. Seit sechs Jahren ist ihm ein solches Kleinod nicht mehr zwischen die Finger gekommen. Sein ungewöhnlichster Fund auf der Clifton Cottage Farm stammte von 1833, eine von einem Verband in Großbritannien ansässiger Polen geprägte Medaille.

Aber man kann ja nie wissen. Der Farmer, ein Mister Leadbeater, hatte uns auf eine Unebenheit in der Bodenkontur aufmerksam gemacht. Das seien die Reste einer mittelalterlichen Straße, auf alten Landkarten sei sie noch eingezeichnet. Mintey ist Schatzsucher. Solange er die Erlaubnis eines Landbesitzers hat, darf er nach Preziosen suchen, ganz gleich, ob diese aus der Bronzezeit, der Ära der römischen Besatzung oder dem Mittelalter stammen.

Deutschen Archäologen stehen die Haare zu Berge, wenn sie nur das Wort »Metalldetektor« hören. Die Schatzsuche mit Metalldetektoren werde in Deutschland zu Recht hoch bestraft, glaubt Christian Möller, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte. Er verurteilt Ausgrabungen von Hobbyschatzsuchern als »Albtraum eines jeden Archäologen«. Bei von Amateuren ausgebuddelten Schätzen sei die Rekonstruktion von Geschichte oft nicht mehr möglich, erklärt seine Kollegin Susanne Heun, weil die entscheidenden Fund- und Befundzusammenhänge zerstört wurden. Der Altertumskunde komme es nicht auf den namenlosen Fund an, sondern auf das Gesamte. Die Hobbyarchäologie sei also »Diebstahl am Kulturerbe der Gesellschaft«.

In England sieht man das anders. Hier haben sich die Schatzsucher in einer landesweiten Organisation zusammengeschlossen, dem National Council for Metal Detecting . Mintey ist Vorsitzender der Region Süd. Das Council wird von der Regierung anerkannt. Diese Politik des Laisser-faire ist ziemlich einzigartig. Im benachbarten Irland ist sogar der Vertrieb von Fachliteratur und einschlägigen Zeitschriften verboten.

Doch ohne Amateure könnte der Archäologie langsam das Material ausgehen. Die Funde römischer Münzen erreichten in Europa Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Heute sind sie auf den Stand von Mitte des 18. Jahrhunderts zurückgefallen. Auch auf der Insel ging ihre Zahl bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts zurück. Dann kamen die ersten erschwinglichen Metalldetektoren auf den Markt. Heute werden hier fast drei Mal so viele römische Goldstücke wie im restlichen Europa entdeckt.

Die meisten Altertumsfunde gehen auf das Konto jener 10.000 Enthusiasten, die bei Wind und Wetter mit Metallsonden über die Felder ziehen. Nur noch fünf Prozent aller Fundstücke stammen aus akademischen Ausgrabungen. Die archäologische Sammlung des Stadtmuseums von London besteht fast ausschließlich aus Material, das Mitglieder der Society of Thames Mudlarks liefern. Die fünfzig Moddergräber buddeln bei Ebbe im Uferschlick der Themse nach Schmuckstücken und Scherben. Sie alle sind Amateure.

 

Mintey fand vor zwanzig Jahren zwei irdene Gefäße mit mehr als 6000 mittelalterlichen Gold- und Silbermünzen. Die 300 bemerkenswertesten Stücke dieses Horts liegen heute im Archiv des British Museum in London. Eine Münze und die zwei Gefäße sind im Stadtmuseum der Bezirksstadt Guildford ausgestellt. Für sich selbst behielt Mintey damals 25 Taler, er verwahrt sie in einem ordentlich beschrifteten Schaukasten in seinem sonst ziemlich unordentlichen Junggesellenhaus.

Den Rest ließ er auf einer groß angekündigten Auktion in London versteigern, auf der sogar Händler aus den USA Gebote abgaben. Der Erlös, 185.000 Pfund, wurde vom Finanzamt als nicht zu versteuerndes Glückslos eingestuft – wie ein Treffer im Lotto. Er hatte doppeltes Glück. Einem 1882 verabschiedeten Gesetz zufolge gehörte der halbe Schatz dem Finder, die andere Hälfte dem Landbesitzer. Der Multimillionär, auf dessen Grund Mintey ihn fand, verzichtete auf seinen Anteil.

Minteys Reingewinn addierte sich in heutiges Geld umgerechnet auf gut und gerne eine halbe Million Euro. Er hängte seinen Job an den Nagel – er hatte seinen Lebensunterhalt nach einem Psychologiestudium in Oxford als Wirtschaftsmanager bestritten – und führt seither ein Leben als Privatier. Der Reiz seines Hobbys bestehe für ihn vor allem in der immer neuen Hoffnung, etwas, das er gefunden habe, in einem Museum ausgestellt zu sehen. Dann könne er sagen, »ich habe das ausgegraben«.

Natürlich gibt es schwarze Schafe im Metier, auch in England. Manche können der Versuchung nicht widerstehen, Funde zu verheimlichen und im Handel verschwinden zu lassen, damit sie den Erlös nicht mit dem Grundbesitzer teilen müssen. Raubgräber machten sich seit 1983 wiederholt über eine römische Tempelstätte unweit der Clifton Cottage Farm her. Die Schatzsuche in archäologisch abgegrenzten Bereichen ist selbstverständlich verboten. Von den Erträgen aus diesem Hobby kann ohnehin so gut wie niemand leben. Viel zu selten sind wirklich wertvolle Funde. Es sei eine Liebhaberei, erklärt Mintey, die floriere, solange sich jeder an einen Verhaltenskodex halte und an unter Gentlemen getroffene Vereinbarungen.

Roger Bland glaubt, das funktioniere sehr gut. Bland leitet die Abteilung für antiquarische Einzelstücke und Schatzfunde des British Museum, der größten kulturgeschichtlichen Sammlung der Welt . Er veröffentlicht jedes Jahr Berichte mit detaillierten Beschreibungen aller als treasure definierten, archäologisch bedeutsamen Funde, deren Meldung seit 1996 obligatorisch ist. Die Aufstellungen werden immer umfangreicher. Der letzte Band ist 434 Seiten stark. Auf seinem Computer hat Bland darüber hinaus Zugriff auf eine Datenbank weniger wichtiger Objekte, deren Meldung freiwillig ist. Sie verzeichnet über eine halbe Million Einzelstücke und wächst von Tag zu Tag.

Der Numismatiker und Experte für Relikte der Römerzeit führt zwei für die Altertumswissenschaft besonders wichtige Funde an, die ohne mit Metallspürgeräten ausgerüstete Laien vermutlich nie gemacht worden wären, ein Wikingergrab in Cumwhitton im nordwestenglischen Cumbria und eine ganz außergewöhnliche römische Trinkschale mit keltischen Motiven und Inschriften der vier Kastelle des Hadrianswalls. Das Heidemoor, aus dem sie zutage gefördert wurde, war nie auf dem Radarschirm der Archäologen aufgetaucht. Und in der Grafschaft Wiltshire fanden detectorists sogar 43 bis dahin unbekannte Römerstätten. Die Schatzsucher, davon ist Bland überzeugt, erwiesen der Wissenschaft einen großen Dienst.

 

Wie steht es mit dem Vorwurf, dabei werde kulturelles Erbe vernichtet? Bland holt das Foto einer römischen Goldvase aus dem Regal. Ein Hobbyausgräber fand sie in einem Acker in der Grafschaft Kent. Sie sieht aus, als sei sie aus dem zehnten Stock eines Hochhauses gefallen. »Wissen Sie, was die größte Gefahr für Antiquitäten ist? Der Pflug und in der Landwirtschaft verwendete Chemikalien.«

Landmaschinen dringen tief in den Boden ein, starke Traktoren schleppen sie immer schneller durch die Erde. An der Goldvase kann man deutlich die Stelle erkennen, an der ein Ackergerät sie aufgerissen und durch das Erdreich geschleift hat, bevor sie liegen blieb. Niemand kann mehr sagen, in welche Bodenschicht sie eingebettet war. Nicht der Schatzsucher zerstörte den archäologischen Kontext, sagt Bland, sondern die Landwirtschaft.

Das alte Argument, die Zeugnisse der Vergangenheit seien nirgends besser aufgehoben und konserviert als im Boden, verliert an Schlagkraft. Neun von zehn Funden werden auf Ackerland gemacht, in den meisten Fällen nahe der Oberfläche. Tiefe Funde sind nur bei einer großen Masse Metall möglich. 1979 fand ein Schatzsucher 64.000 in einer Bleikiste versteckte römische Münzen zwei Meter unter der Oberfläche. Das blieb eine Ausnahme. Auch moderne Geräte können eine kleine keltische Münze nur bis sechs Zentimeter unter der Erde aufspüren.

Auf hundert Quadratmetern lagen 1585 Kostbarkeiten aus Gold und Silber

Bland zeigt ein weiteres Foto. Auf ihm ist eine filigrane, mit Edelstein eingelegte Spange zu sehen. Sie liegt, teilweise von Erde bedeckt, zwischen jungen Getreidehalmen. So wurde das Schmuckstück gefunden. Es gehört zum Staffordshire Hoard. Am 5. Juli 2009 spürte ein Terry Herbert den aufsehenerregenden Gold- und Silberschatz auf. Landmaschinen hatten 1585 Kostbarkeiten auf einem über hundert Quadratmeter großen Areal verstreut. Dieser bislang umfangreichste Fund aus der angelsächsischen Zeit der Insel sorgte für Schlagzeilen rund um die Welt. Er nötigte Geschichtswissenschaftler, Archäologen und Kunsthistoriker, ihre Vorstellungen vom Leben im England des 7. und 8. Jahrhunderts grundlegend zu revidieren.

Der Finder meldete seine Entdeckung ordnungsgemäß dem für seine Grafschaft zuständigen Verbindungsmann des von Roger Bland geleiteten Programms zur Erfassung von Fundstücken. Es wird von vierzig über ganz England und Wales verteilten Helfern und zehn im British Museum beschäftigten Mitarbeitern verwaltet.

Warum ist Schottland nicht eingeschlossen? Bland schmunzelt: Seit die Schotten 1999 ihr eigenes Parlament erhielten, bildeten sie sich ein, sie seien den Engländern in allem überlegen. Er druckt eine Grafik aus. Auf der hat er für jedes Jahr die Zahl aller wichtigen Schatzfunde auf der Insel eingetragen. Bis 2002 waren die schottischen und die englisch-walisischen Zahlen vergleichbar. Danach stiegen sie im Süden der Insel von 300 auf knapp 800 an, im Norden fielen sie unter 200.

Warum? In England und Wales haben Museen ein Vorkaufsrecht auf wichtige Schätze. Aber sie müssen den Findern den Marktwert ihrer Beute zahlen. Nach schottischem Recht gehören archäologische Fundstücke automatisch dem Staat. Ist es da ein Wunder, dass sie unterschlagen werden?

Bland hat mit seinem französischen Kollegen Xavier Loriot ähnliche Aufstellungen für Kontinentaleuropa ausgearbeitet. In Frankreich herrscht eine noch restriktivere Gesetzgebung als in Schottland. Die Funde römischer Goldmünzen nehmen dort dennoch zu. Archäologen und Schatzsucher haben sich insgeheim darauf geeinigt, die Gesetze zu ignorieren. Auch in Deutschland werden Funde wieder häufiger. Ein Kollege aus dem Kultusministerium in Kiel steht in engem Kontakt mit Bland. Er prüft Wege, das englische System in Schleswig-Holstein zu kopieren.

Die Kosten wirken abschreckend. Ein Expertenausschuss taxierte den Marktwert des Schatzes von Staffordshire auf umgerechnet 3,7 Millionen Euro. Das Gesetz gibt Museen vier Monate Zeit, um das Geld aufzubringen. Schon drei Wochen vor dem Stichtag am 17. April hatten die städtischen Sammlungen von Birmingham und Stoke-on-Trent den Betrag beisammen. Ein aus Steuermitteln und Lotteriegewinnen finanzierter Fonds zur Sicherung nationalen Kulturerbes steuerte über eine Million Pfund bei, einzelne Bürger beteiligten sich mit 900.000 Pfund, Stiftungen und Vermächtnisse besorgten den Rest. Das englische System ist auf das Engagement der gesamten Gesellschaft angewiesen.

Ich lege Bland die bescheidene Ausbeute meines Ausflugs mit Roger Mintey vor. Drei Halfpennys , ein 1945 geprägter ten pence , eine von Mintey auf das 17. oder 18. Jahrhundert taxierte Bleimünze, vier Knöpfe. Einer stammt von der Jacke eines Fuchsjägers. Bland holt eine numismatische Fibel hervor und nimmt die abgenutzten Halfpennys in Augenschein. Auf einer Münze kann er gar nichts erkennen, die zweite stammt aus der Regierungszeit Georgs II. 1729 bis 1754, die dritte aus der seines Nachfolgers Georgs III. Auf der Rückseite zeichnen sich die Konturen der Inselgöttin Britannia ab.

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