Eine Bettwanze schätzt das Dunkel. Tagsüber duckt sie sich unter den Lattenrost, wohnt hinter Bilderrahmen oder zwischen den Seiten der Bibel auf dem Hotelnachttisch. Dass sich Parasit und Mensch ein Zimmer teilen, bemerkt Letzterer erst am nächsten Morgen: wenn die Stiche jucken, die der blutgierige Mitbewohner in seine Haut gebohrt hat.

Cimex lectularius, etwa fünf Millimeter kurz, rotbraun und behaart, war aus Deutschland so gut wie verschwunden. Nun ist die Bettwanze zurückgekehrt: in private Schlafzimmer, in Jugendherbergen und eben auch an die Stätten, in denen man auf besonders erholsamen Schlaf hofft – in Hotels. »Immer mehr Gasthäuser klagen über Wanzenbefall«, sagt Jutta Klasen, Leiterin des Fachgebiets Gesundheitsschädlinge beim Umweltbundesamt. »Bei uns melden sich einfache Pensionen, aber auch Luxushotels.« Besonders in Großstädten wie Berlin und Hamburg berichten Hoteliers über die lästigen Insekten – und sind damit nicht allein. »Bettwanzen tauchen gerade überall in den Industrieländern wieder auf«, sagt Klasen. Madrider Hotels, vor allem die mit vier oder fünf Sternen, vermelden eine Bettwanzenplage – wobei unklar sei, so Klasen, ob gehobene Häuser häufiger betroffen seien oder ob sich dort die Gäste nur eher beschwerten. In den USA trafen sich im letzten Jahr Forscher zum »Bettwanzen-Gipfel«: Reihenweise waren Studentenwohnheime und Hotels von den Krabbeltieren heimgesucht worden.

Auch hierzulande rätseln Experten, warum ein Tier, das man nur noch auf Mauern lauernd aus Liedern kannte, neuerdings ein häufiger Gast ist. »Natürlich hängt das auch damit zusammen, dass mehr gereist wird«, sagt Klasen. Städte wie Madrid oder Berlin sind bei Touristen aus fernen Ländern beliebt und die Reisen dank der Billigflieger für mehr Menschen erschwinglich geworden. Die Gäste bringen immer mal wieder Wanzen als blinde Passagiere mit: Die papierdünnen Tierchen schmiegen sich an Reißverschlüsse. Schlüpfen in die Rollenlager von Trolleykoffern. Springen in tropischen Ländern ins Gepäck und hüpfen in einem hiesigen Hotel wieder heraus. Ihre Eier kleben an Teppichen, die als Gastgeschenk mitgebracht werden. Und auch die Europäer und US-Amerikaner selbst tragen zum Wanzen-Import bei: Sie fliegen nun mal gern in exotische Länder und sind dort häufiger als früher auf eigene Faust und in Dörfern abseits der Touristenklubs unterwegs. So bringen sie die eine oder andere Wanze ins heimische Schlafzimmer oder in Hotels – etwa wenn sie auf der Rückreise einen Zwischenstopp einlegen oder wenn sie ihren verwanzten Koffer für eine neue Reise verwenden. Die Tierchen erweisen sich dabei als durchaus geduldig: Sie überleben mehrere Monate ohne eine Blutmahlzeit.

Weil die Wanze über Jahrzehnte aus den Industrieländern verschwunden war, verlor sich auch das Wissen über sie. Das erleichtert ihr nun das Leben. Welche Putzfrau denkt bei einem schwarzen Punkt am Bilderrahmen schon an Wanzenkot? Man könnte die Tierchen erschnuppern, weil sie süßliche Dünste absondern. Aber wer erkennt noch den Geruch einer Wanze?

So bleibt oft über Monate unentdeckt, dass ein Hotelzimmer befallen ist. Längst nicht jeder Gast bemerkt, dass sich das Insekt an seinem Blut gelabt hat – weil die Stiche nur bei einigen Menschen Juckreiz auslösen. Bis der Schädling überführt wird, hatte er oft Zeit, eine neue Generation zu zeugen (wofür er bei optimalen Bedingungen nur vier Wochen braucht). In einem New Yorker Hotel zählte ein Kammerjäger unlängst rund 400 Bettwanzen – in einem einzigen King-Size-Bett. Weil heutzutage Bettwäsche oft nicht so heiß gewaschen wird, Hotels die Raumluft nicht mit Chemikalien belasten wollen, finden die Parasiten gute Bedingungen vor.

Das Umweltbundesamt rät Hotels, einen Vertrag mit einem Schädlingsbekämpfer abzuschließen, der vorsorglich regelmäßig auf Wanzenpirsch geht. Seien die Tiere erst einmal da, müsse ohnehin ein Profi ans Werk. »Man kann sie nicht mal eben wegputzen«, sagt Klasen. Wanzen wieder loszuwerden ist gar nicht so einfach.