Hochschulrankings»Sie führen Studenten in die Irre«

Hochschulrankings bildeten die Realität an den Universitäten nur unzureichend ab, kritisiert der Historikerverband. Ein Streitgespräch zwischen einem Geschichtsprofessor und dem Chef-Evaluierer von 

DIE ZEIT: Der Wettbewerb in der Wissenschaft hat sich verschärft. Auch Rankings bestimmen die Hochschuldebatte. Gleichzeitig wächst die Kritik an den Leistungsvergleichen. Der Historikerverband hat beschlossen, weder am Forschungsrating des Wissenschaftsrates noch am Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), das DIE ZEIT veröffentlicht, teilzunehmen. Scheuen die deutschen Geschichtswissenschaften den Wettbewerb?

Werner Plumpe
Werner Plumpe

Werner Plumpe ist Vorsitzender des Deutschen Historikerverbandes.

Werner Plumpe: Ganz im Gegenteil. Die historischen Fakultäten stehen seit vielen Jahrzehnten in einem offenen wissenschaftlichen Wettbewerb untereinander. Auch verstecken die Geschichtswissenschaften ihre Leistungen nicht. Sie sind weltweit anerkannt und in der deutschen Öffentlichkeit präsent – etwa durch Ausstellungen, Debatten, Bücher. Gerade der alle zwei Jahre vom Historikerverband veranstaltete Deutsche Historikertag mit über 3000 Teilnehmern stößt auf reges öffentliches Interesse. Uns stellt sich daher die Frage nach dem Nutzen der Rankings – zumal die wissenschaftliche Öffentlichkeit die feinen Unterschiede der einzelnen Forscher recht gut ausmachen kann.

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Frank Ziegele
Frank Ziegele

Frank Ziegele leitet das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE).

Frank Ziegele: Das ist aber ein elitäres Verständnis, mit dem Sie die Forschungsbewertung nur einem engen Zirkel von Insidern zugänglich machen. Unser Ranking richtet sich dagegen an mehrere Gruppen. Zum einen geben wir Abiturienten ein Instrument an die Hand, um die Studienangebote der Universitäten anhand verschiedener Kriterien zu vergleichen. Zudem helfen wir der Politik und den Hochschulleitungen, rationale Entscheidungen zu treffen, die auf Daten basieren und nicht auf subjektiven Einschätzungen.

Plumpe: Ein Leitfaden für Studierende ist an sich sinnvoll, aber Sie erzeugen keinen Leitfaden, sondern eine Art Bundesligatabelle, die die Studenten irreführt. Sie hat mit der Realität wenig zu tun. Die meisten Studenten – ich vermute, neunzig Prozent – wählen ihren Studienplatz nach ganz anderen Kriterien aus, nach dem Wohnort und danach, was Eltern und Freunde empfehlen. Im Übrigen: Wenn Sie mit der Unterstellung, Studenten benötigten derartige Rankings für ihre Entscheidung, recht hätten, müsste sich das ja dadurch zeigen lassen, dass sich die Masse der Studenten an Ihren Spitzenuniversitäten einschriebe. Davon kann überhaupt keine Rede sein.

Ziegele: Eine Bundesligatabelle produziert unser Ranking gerade nicht. Wir sagen niemals, welche die beste Universität ist, um Geschichte oder Germanistik zu studieren. Die Abiturienten sollen selbst entscheiden, was ihnen im Studium wichtig ist. Jemand, der später promovieren möchte, wird eventuell eine andere Universität wählen als jemand, der nach dem Examen einen Job sucht. Im Übrigen unterschätzen Sie die Bedeutung von Rankings: Universitäten in Ostdeutschland mit hervorragenden Bedingungen haben zum Teil einen erheblichen Zustrom nach guten Ranking-Ergebnissen.

Plumpe: Ihr Ranking hat aber mit der Wirklichkeit der Universität nichts zu tun. Sie dokumentieren Ihre eigenen Vorannahmen und geben sie als solide aus. Dadurch wird ein Schein der Unterschiedlichkeit erzeugt.

Ziegele: Die Indikatoren basieren nicht auf unseren Annahmen, sondern werden von Wissenschaftlern in Fachbeiräten mit ausgesucht. Die Relevanz der Indikatoren ist also getestet. Und dass Unterschiede sichtbar werden, bringt der Wettbewerb mit sich. Oder wollen Sie bestreiten, dass es Leistungsunterschiede zwischen den Fachbereichen verschiedener Universitäten gibt?

Leserkommentare
    • RUHMA
    • 20. April 2010 11:33 Uhr

    Was spricht gegen mehr Wettbewerb in Forschung UND LEHRE? Rankings leisten da ihren Beitrag. Die Argumente dagegen sind alles andere als ueberzeugend. Obwohl Rankings sicherlich keine Vollstaendigkeit beanspruchen koennen, werden von Plumpe keine Alternativen vorgeschlagen.

    Das weiss er auch, der oberste deutsche Historiker, der auf den schoenen Namen Plumpe hoert. Den Verlauf des Interviews hat sich hoffentlich anders vorgestellt.

  1. Herr Ziegele, *reusper*

    Ich gehe davon aus, dass sie sich sehr wohl bewusst sind, wie invalide ihre Erhebungen sind. Qualität durch Quantität zu bestimmen stößt mir persönlich immer auf. So kommt es zustande, dass das Buch nach dem Umfang bewertet wird...Sie haben verstanden, was Wissenschaft ist: Möglichst viel Wissens schaffen...Respekt. Tragisch-komisch ist, dass sie sich mit dieser Erhebungsmethodeins eigene Fleisch schneiden (Konkurrenz der Rankings). Da rede ich Herrn Plumpe gern nach dem Mund.

    Ich kann nur davon ausgehen, dass sie die Rankings durchführen, da die ohnehin recht verunsicherte potentielle Studentenschaft gern nach jedem Halm greift, der eigenen Unsicherheit und Orientierungslosigkeit Herr zu werden. Und wie so oft, lässt sich aus der Not (wie leider auch auf zeit.de) ein guter Profit ziehen.

    Mag es am Vorhandensein einer gesunden Skepsis gegenüber quantitativen Forschungsergebnissen oder an grundlegender kritischer Intelligenz liegen: Jeder den ich kenne ließt die Rankings, um sich über die defizitären Erhebungsmethoden und die völlig unterschiedlichen Ergebnisse der verschiedenen Rankings zu amusieren...

    Bedauerlich ist es, wenn sich ein junger Mensch auf Grundlage ihres quantitativen Faktoreneintopfs für Jahre an einer Universität einschreibt und dann feststellen muss, dass wohl doch der Tennisplatz oder die Pizza ohne Analogkäse in der Mensa für das hohe Ranking verantwortlich und der Professor dafür eine völlige Pfeife ist. Verantwortung?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • RUHMA
    • 20. April 2010 12:42 Uhr

    Welche Alternative schlagen Sie vor?

    • RUHMA
    • 20. April 2010 12:42 Uhr

    Welche Alternative schlagen Sie vor?

    Antwort auf "Pfiffig"
  2. Die Bertelsmann-Stiftung arbeitet mit aller Kraft daran, jeden gesellschaftlichen Bereich nach wirtschaftlichen Kriterien zu organisieren.
    Wettbewerb, Gewinner, Exzellenz-Initiativen etc. chaotisieren seit der Einführung dieser Prinzipien die Hochschullandschaft und terrorisieren einen demokratischen Bildungsprozeß.

  3. Herr Ziegele glaubt wohl noch an Objektivität. Dabei hat schon Max Weber gesagt, dass Objektivität nur einseitig sein kann, und dmenstsprechend keine Objektivität. Sein Versuch der Vergötterung der Wissenschaft hilft auch nicht weiter.
    An ein und derselben Uni gibt es und wird es immer gute und schlechte Lehrende geben. Und gut und schlecht fällt of zusammen: die einen schreiben Klasse Bücher, sind aber in der Lehre pberhaupt nicht tauglich, die anderen sind in der Lehre super, aber in der Forschung happert's dann doch wieder. Ob ein Dozent nun ein dickes Buch geschrieben hat oder tausende Artikel veröffentlicht hat (die womöglich alle dasselbe sagen), ist sowohl für den Studenten uninteressant als auch für das Ranking. IN den USA kommt es z.B. auf das Innovationspotential und auf den Beitrag in der Wissenschaftslandschaft eines Buches und eines Artikels an. Ja, die müssen auch viel veröffentlichen, aber das Zeug muss auch gut sein. Da sagt Herr Ziegler, da gibt es doch ein peer review? Ja sicher, aber nicht wenn Artikel in Sammelbänden herausgegeben werden. Da geht es dann lediglich um die Zahl und um das gemeinschaftliche Unternehmen einer Veröffentlichung. Die Beiträge sind in Sammelbänden meisten nicht so gut. Aber quantitativ zählen tun sie in so einem blöden Ranking trotzdem.

  4. An einer super Universität kann man außerdem mal bei einem (oder sogar mehreren) schlechten Dozenten landen, die einem völlig die Lust auf das Thema vergehen lassen. Kann ihr Ranking das vorhersehen? ich glaube nicht.
    Die studenten geben aber durchaus ihre meinung auf der grundlage solche zufälle ab. Auch was die beurteilung von bibliotheken angeht, wissen studenten meistens gar nicht aufgrund welcher "wissenschaftlicher" kriterien sie ihr urteil fällen. ihre meinung soll aber in ein wissenschatliches ränking einfließen. studenten können bibliotheken oft solange nicht beurteilen, bis sie sich in einem bereich spezialisiert haben und bemerken, ob und inwiefern die bibliothek in dem Bereich ausgestattet ist. man muss also fortgeschritten sein. wer gerade mal ein paar seminararbeiten geschrieben hat, kann doch überhaupt nicht wissen, was eine bibliothek zu einer guten bibliothek macht. aber es fließt trotzdem in das ranking ein.
    außerdem fehlt den studis ein vergleichsmaßsstab. sie haben eine uni kennengelernt, finde die entweder gut oder nicht, aber sie wissen nicht, wie es anderswo ist. Und wie wir wissen, studenten, die im ausland waren oder an mehreren Unis studiert haben, haben meisten ihre meinung über ihre ursprüglich uni geändert. die subjetvität studentischer meinungen ist offensichtlich. trotzdem ist die s subjektivität "wissenschaftlich".

  5. ich finde dass wir kein ranking brauchen. letztendlich ist das was eine uni für jeden studenten zu einer guten uni macht, dass sie seine interessen (fachliche interessen) befriedigt. darüber sagt das ranking aber nun wirklich nichts aus?
    Wo muss ich hingehen, wenn ich mich in Geschichte auf X und Y konzentrieren will? Da kann es sehr wohl sein, dass die Uni, die im Ranking weiter unten ist, besser ist, aber fachliche schwerpunkte bildet das CHE ja nicht ab (im Gegensatz zum US NEws Ranking für die USA - die differenzieren nämlich auch noch nach Schwerpunkten in jeden Fachbereich).
    Alternative?
    Ein Portal zum Austausch von Erfahrungen. Jeder Student will was anderes vom Studium, besonders in den Geisteswissenschaften, jeder Student bringt andere Fragen mit - dieser Subjektivität kommt aber das Ranking nicht entgegen. Ein Erfahrungsportal ist da viel angemessener. OBwohl: Einzelmeinung können oft in die Irre führen, und wie es im Prinzip bei jeder Erfahrung im Leben ist, muss jeder für sich selbst herausfinden, ob eine bestimmte Uni gut ist oder nicht. Das Ranking wird einer Person das nicht abnehmen können und es wird in dieser Hinsicht auch meistens falsch liegen.

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