Hochschulrankings »Sie führen Studenten in die Irre«Seite 3/3

Plumpe: Na ja: Bei den Historikern sind es doch deutlich weniger. Egal, an welchen Schrauben Sie drehen, das grundsätzliche Problem von Rankings lösen Sie nicht: Sie versuchen, in Zahlen zu messen, was sich nicht in Zahlen messen lässt, ohne dass es zu schiefen Ergebnissen kommt. Ganz deutlich wird das bei der Zahl der Promotionen, die Sie ja ebenso zum Vergleich heranziehen. Wenn die Universitäten die Standards sehr hoch ansetzen, dann gehen die Promotionszahlen automatisch nach unten, und man verliert im Ranking. Lässt man jeden durch, steigt man im Ranking, aber die Qualität leidet. Gute Ranking-Ergebnisse nach Ihrer Logik belohnen Masse statt Klasse.

Ziegele: Kein Indikator bildet für sich allein die Realität ab. Deshalb setzt sich unser Bild ja aus verschiedenen Facetten zusammen. Wenn ein Fachbereich also besonders den wissenschaftlichen Nachwuchs anzieht, er gleichzeitig eine Menge Forschungsgelder akquiriert und seine Wissenschaftler überdurchschnittlich viel veröffentlichen, dann sagt das etwas über die Forschungsstärke dieses Fachbereiches aus.

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Plumpe: Aber Sie erzeugen nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer, die Sanktionen fürchten müssen. Manche Hochschulpräsidenten glauben, dass sie mit den CHE-Daten ihren Professoren Feuer unter dem Hintern machen können.

Ziegele: Ich kann Ihnen Dutzende Beispiele aufzählen, in denen Universitätspräsidenten auf schwache Ranking-Ergebnisse mit Investitionsprogrammen für eine Graduiertenschule, neuen Professuren oder mehr Forschungsmitteln reagiert haben. In anderen Fällen wurde Geld abgezogen. Das bringt die Profilierung mit sich. Dafür brauchen Hochschulleitungen oder Politiker aber Informationen, damit sie nicht allein aus dem Bauch heraus entscheiden.

ZEIT: Welche Art von Leistungsvergleich schwebt den Historikern denn vor?

Plumpe: Die bewährte dezentrale Bewertung von Forschung und Lehre ist etwas, was wir uns in Deutschland nicht kaputt machen lassen sollten durch Pseudorankings.

Ziegele: »Dezentrale Bewertung« heißt viel zu oft »gar keine Bewertung«. Rankings müssen die klassischen Methoden ergänzen. Das sind Sie den Studenten und der Öffentlichkeit schuldig, die Wissenschaft mit Steuermitteln finanziert. Allein zu sagen: Wir wissen selbst, was richtig ist, wollen jetzt mehr Geld, machen bei Leistungsvergleichen aber nicht mit, das bleibt für mich ein Widerspruch.

Plumpe: Das ist doch ein Popanz, den Sie aufbauen. Sie unterstellen ja, wenn wir Ihr Ranking ablehnen, wollten wir uns der Forschungsbewertung entziehen. Das ist nicht richtig. Wir lehnen nur Dinge ab, die niemand, der ein funktionierendes Hochschulsystem will, unterstützen kann.

Das Gespräch führte Martin Spiewak

Werner Plumpe ist Vorsitzender des Deutschen Historikerverbandes. Frank Ziegele leitet das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE)

 
Leser-Kommentare
    • RUHMA
    • 20.04.2010 um 11:33 Uhr

    Was spricht gegen mehr Wettbewerb in Forschung UND LEHRE? Rankings leisten da ihren Beitrag. Die Argumente dagegen sind alles andere als ueberzeugend. Obwohl Rankings sicherlich keine Vollstaendigkeit beanspruchen koennen, werden von Plumpe keine Alternativen vorgeschlagen.

    Das weiss er auch, der oberste deutsche Historiker, der auf den schoenen Namen Plumpe hoert. Den Verlauf des Interviews hat sich hoffentlich anders vorgestellt.

  1. Herr Ziegele, *reusper*

    Ich gehe davon aus, dass sie sich sehr wohl bewusst sind, wie invalide ihre Erhebungen sind. Qualität durch Quantität zu bestimmen stößt mir persönlich immer auf. So kommt es zustande, dass das Buch nach dem Umfang bewertet wird...Sie haben verstanden, was Wissenschaft ist: Möglichst viel Wissens schaffen...Respekt. Tragisch-komisch ist, dass sie sich mit dieser Erhebungsmethodeins eigene Fleisch schneiden (Konkurrenz der Rankings). Da rede ich Herrn Plumpe gern nach dem Mund.

    Ich kann nur davon ausgehen, dass sie die Rankings durchführen, da die ohnehin recht verunsicherte potentielle Studentenschaft gern nach jedem Halm greift, der eigenen Unsicherheit und Orientierungslosigkeit Herr zu werden. Und wie so oft, lässt sich aus der Not (wie leider auch auf zeit.de) ein guter Profit ziehen.

    Mag es am Vorhandensein einer gesunden Skepsis gegenüber quantitativen Forschungsergebnissen oder an grundlegender kritischer Intelligenz liegen: Jeder den ich kenne ließt die Rankings, um sich über die defizitären Erhebungsmethoden und die völlig unterschiedlichen Ergebnisse der verschiedenen Rankings zu amusieren...

    Bedauerlich ist es, wenn sich ein junger Mensch auf Grundlage ihres quantitativen Faktoreneintopfs für Jahre an einer Universität einschreibt und dann feststellen muss, dass wohl doch der Tennisplatz oder die Pizza ohne Analogkäse in der Mensa für das hohe Ranking verantwortlich und der Professor dafür eine völlige Pfeife ist. Verantwortung?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • RUHMA
    • 20.04.2010 um 12:42 Uhr

    Welche Alternative schlagen Sie vor?

    • RUHMA
    • 20.04.2010 um 12:42 Uhr

    Welche Alternative schlagen Sie vor?

    • RUHMA
    • 20.04.2010 um 12:42 Uhr

    Welche Alternative schlagen Sie vor?

    Antwort auf "Pfiffig"
  2. Die Bertelsmann-Stiftung arbeitet mit aller Kraft daran, jeden gesellschaftlichen Bereich nach wirtschaftlichen Kriterien zu organisieren.
    Wettbewerb, Gewinner, Exzellenz-Initiativen etc. chaotisieren seit der Einführung dieser Prinzipien die Hochschullandschaft und terrorisieren einen demokratischen Bildungsprozeß.

  3. Herr Ziegele glaubt wohl noch an Objektivität. Dabei hat schon Max Weber gesagt, dass Objektivität nur einseitig sein kann, und dmenstsprechend keine Objektivität. Sein Versuch der Vergötterung der Wissenschaft hilft auch nicht weiter.
    An ein und derselben Uni gibt es und wird es immer gute und schlechte Lehrende geben. Und gut und schlecht fällt of zusammen: die einen schreiben Klasse Bücher, sind aber in der Lehre pberhaupt nicht tauglich, die anderen sind in der Lehre super, aber in der Forschung happert's dann doch wieder. Ob ein Dozent nun ein dickes Buch geschrieben hat oder tausende Artikel veröffentlicht hat (die womöglich alle dasselbe sagen), ist sowohl für den Studenten uninteressant als auch für das Ranking. IN den USA kommt es z.B. auf das Innovationspotential und auf den Beitrag in der Wissenschaftslandschaft eines Buches und eines Artikels an. Ja, die müssen auch viel veröffentlichen, aber das Zeug muss auch gut sein. Da sagt Herr Ziegler, da gibt es doch ein peer review? Ja sicher, aber nicht wenn Artikel in Sammelbänden herausgegeben werden. Da geht es dann lediglich um die Zahl und um das gemeinschaftliche Unternehmen einer Veröffentlichung. Die Beiträge sind in Sammelbänden meisten nicht so gut. Aber quantitativ zählen tun sie in so einem blöden Ranking trotzdem.

  4. An einer super Universität kann man außerdem mal bei einem (oder sogar mehreren) schlechten Dozenten landen, die einem völlig die Lust auf das Thema vergehen lassen. Kann ihr Ranking das vorhersehen? ich glaube nicht.
    Die studenten geben aber durchaus ihre meinung auf der grundlage solche zufälle ab. Auch was die beurteilung von bibliotheken angeht, wissen studenten meistens gar nicht aufgrund welcher "wissenschaftlicher" kriterien sie ihr urteil fällen. ihre meinung soll aber in ein wissenschatliches ränking einfließen. studenten können bibliotheken oft solange nicht beurteilen, bis sie sich in einem bereich spezialisiert haben und bemerken, ob und inwiefern die bibliothek in dem Bereich ausgestattet ist. man muss also fortgeschritten sein. wer gerade mal ein paar seminararbeiten geschrieben hat, kann doch überhaupt nicht wissen, was eine bibliothek zu einer guten bibliothek macht. aber es fließt trotzdem in das ranking ein.
    außerdem fehlt den studis ein vergleichsmaßsstab. sie haben eine uni kennengelernt, finde die entweder gut oder nicht, aber sie wissen nicht, wie es anderswo ist. Und wie wir wissen, studenten, die im ausland waren oder an mehreren Unis studiert haben, haben meisten ihre meinung über ihre ursprüglich uni geändert. die subjetvität studentischer meinungen ist offensichtlich. trotzdem ist die s subjektivität "wissenschaftlich".

  5. ich finde dass wir kein ranking brauchen. letztendlich ist das was eine uni für jeden studenten zu einer guten uni macht, dass sie seine interessen (fachliche interessen) befriedigt. darüber sagt das ranking aber nun wirklich nichts aus?
    Wo muss ich hingehen, wenn ich mich in Geschichte auf X und Y konzentrieren will? Da kann es sehr wohl sein, dass die Uni, die im Ranking weiter unten ist, besser ist, aber fachliche schwerpunkte bildet das CHE ja nicht ab (im Gegensatz zum US NEws Ranking für die USA - die differenzieren nämlich auch noch nach Schwerpunkten in jeden Fachbereich).
    Alternative?
    Ein Portal zum Austausch von Erfahrungen. Jeder Student will was anderes vom Studium, besonders in den Geisteswissenschaften, jeder Student bringt andere Fragen mit - dieser Subjektivität kommt aber das Ranking nicht entgegen. Ein Erfahrungsportal ist da viel angemessener. OBwohl: Einzelmeinung können oft in die Irre führen, und wie es im Prinzip bei jeder Erfahrung im Leben ist, muss jeder für sich selbst herausfinden, ob eine bestimmte Uni gut ist oder nicht. Das Ranking wird einer Person das nicht abnehmen können und es wird in dieser Hinsicht auch meistens falsch liegen.

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