Vielleicht hätte Egon Tegge nie den Mut gehabt, diese kleine Revolution an seiner Schule anzuzetteln, hätte er sich zuvor nicht acht Jahre lang angehört, welche Konflikte in den »betrieblichen Organisationsstrukturen einer Schule« schwelen, was Lehrer aufregt, quält, krank macht. Als Personalrat der Hamburger Schulbehörde kannte er die Probleme von Pädagogen in- und auswendig. Das Gehetze in den Pausen, wo es nur darum ging, in kürzester Zeit möglichst viele Informationen abzufangen, Fragen loszuwerden, Probleme zu klären. Die Lautstärke in den Lehrerzimmern, das Chaos und der Dreck auf den Tischen, alte Kaffeebecher, Zeitungen, Bananenschalen und nirgends ein sicheres Plätzchen für all das, was Lehrer täglich brauchen. Von einem ruhigen Büro ganz zu schweigen, das hat an einer gewöhnlichen deutschen Schule niemand außer dem Direktor und seiner Sekretärin.

Als Egon Tegge 2002 die Leitung des Goethe-Gymnasiums in Hamburg-Lurup übernahm, überraschte es ihn deshalb nicht, dass auch hier die Pädagogen nach dem letzten Klingelton die Flucht in die häusliche Einsamkeit ergriffen. Dort hatten sie Platz und Ruhe. Dort korrigierten sie Klausuren, bereiteten ihre Stunden vor, schrieben Elternbriefe und Zeugnisse. Die Schule war ein Ort für den Unterricht, aber kein Ort für all die Arbeit, die einem Lehrer außerhalb des Klassenzimmers zu tun bleibt.

Allein sein dürfen, ohne zu vereinsamen

»Kundenzufriedenheit durch Mitarbeiterzufriedenheit« – das hatte Egon Tegge in einer Zeitung für Personalentwickler aus der Wirtschaft gelesen und dachte: »Das gilt doch auch für Schule!« Zufriedene Lehrer bedeuten zufriedene Schüler und zufriedene Eltern. Es ging also darum, zunächst die Lehrer glücklicher zu machen. Aber es ist ein heikles Unterfangen, Schulen mit Unternehmen zu vergleichen. Zwar verlangte man von Schulleitern wie ihm immer mehr unternehmerische Kompetenzen, seine Mitarbeiter aber behandelte man wie Hilfspersonal. »Wer als Lehrer in die gut ausgestatteten Büros eines Wirtschaftsunternehmens kommt und sieht, wie viel Wertschätzung man dort seinen Mitarbeitern allein durch die Größe und Ausstattung ihres Arbeitsplatzes entgegenbringt, der stellt sich schon die Frage, was er unserem Bildungssystem eigentlich wert ist«, sagt Tegge. Doch die anerzogene Bescheidenheit seiner Lehrer kam ihm durchaus zugute, als er ihnen die ersten eigenen Schreibtische bereitstellte. Er wusste, dass sie ihm dankbar sein würden für jeden Quadratzentimeter, der ihnen gehörte. Der es ihnen erlaubte, einen Stapel Klausuren abzulegen, Lehrbücher, Folien, Landkarten, Filme, CDs. Ein Ort, an dem ein Lehrer allein sein durfte, ohne dabei einsam zu werden.

Tegge wusste, dass die Kollegen pragmatische Lösungen akzeptieren und keine Hightecharbeitsplätze von ihm verlangen würden. Es war klar, dass das Geld für Computer und Telefone an jedem Arbeitsplatz nicht ausreichen würde. Doch wer jahrelang nur ein Postfach zur Verfügung hatte und kiloweise Jutetaschen mit Materialien zwischen Schule und häuslichem Arbeitsplatz hin- und herbewegte, hatte es sich längst abgewöhnt, irrsinnigen Fantasien nachzuhängen.

Sechzig Lehrer arbeiten am Goethe-Gymnasium. Und jeder sollte einen Arbeitsplatz bekommen. Also wurden alle nur denkbaren räumlichen Möglichkeiten in der Schule überprüft und genutzt. Man legte Bibliotheken zusammen, funktionierte frei gewordene Raucherzimmer um, machte aus den Sammlungsräumen der Naturwissenschaftler kleine Büros, genau wie aus den Werkstätten der Kunstlehrer. Es wurden Wände eingezogen und versetzt. Mal zogen zwei, mal sechs Lehrer zusammen.

»Die Entwicklung hier ist vorbildhaft. Sie haben als Gymnasium eine Vorreiterrolle«, hat Hamburgs Bildungssenatorin Christa Goetsch Egon Tegge vor einigen Wochen bescheinigt, als er ihr den erfolgreichen Abschluss des Projektes »Nie mehr allein zu Haus – ein Arbeitsplatz für jede Lehrkraft in der Schule« offiziell vorstellte. Auch aus anderen Bundesländern kommen nun die Bewunderer und lassen sich erklären, wie Tegge dem Einzelkämpfertum unter seinen Lehrern den Kampf ansagte und aus einem rein auf Unterricht ausgelegten Siebziger-Jahre-Zweckbau, den er selbst gerne als »Ansammlung von Klassenräumen mit angehängten Fluchtwegen und Toiletten« bezeichnet, Büros schuf, ganz ohne anzubauen oder einzureißen. Tegge sagt seinen Besuchern: Fangt einfach an, macht keine generalstabsmäßige Planung, und wartet nicht auf den Geldsegen der Schulbehörde!

Die Einrichtung der 60 Arbeitsplätze hat das Goethe-Gymnasium rund 60.000 Euro gekostet. »Ohne die Möglichkeit eines selbst verwalteten Budgets wäre das nicht denkbar gewesen«, sagt Tegge. Um Geld zu sparen, trieb er sich auf Versteigerungen pleitegegangener Firmen herum und freute sich, wenn er sechs Bürostühle für 180 Euro bekam. »Des einen Tod ist des anderen Brot«, dachte sich Tegge. Die Lehrer fuhren in Baumärkte und zimmerten sich ihren Arbeitsplatz oft eigenhändig zusammen. Sie brachten altgediente Rechner und Bildschirme von zu Hause mit und räumten ihre Arbeitszimmer leer. Alles, was zur Schule gehörte, wanderte in die Schule. Dort füllten sich die Regale bald meterhoch bis unter die Decke.