Arbeitsbedingungen in der Schule Nachsitzen!Seite 2/2
»Es ist Gigantisches passiert«, sagt Egon Tegge und staunt immer noch darüber, wie sehr die neuen Arbeitsplätze seine Kollegen und mit ihnen die gesamte Schulkultur verändert haben. Plötzlich bleiben Lehrer lange über das Unterrichtsende hinaus an der Schule, oft bis in den späten Abend hinein. Manche kommen sogar am Wochenende. Sie hetzen nicht mehr aneinander vorbei und rufen sich Stichwörter zu, sie reden miteinander, stimmen Unterrichtseinheiten ab, tauschen Materialien aus. Teamarbeit ist plötzlich mehr als nur ein Wort.
Er habe das alles überhaupt nicht strategisch geplant, sagt Tegge. »Es war nicht mein Ziel, all das zu erreichen«, aber natürlich wird ihm jetzt erst klar: »Ich kann von meinen Lehrern keine Teamarbeit verlangen, wenn ich ihnen keine Teamarbeitsräume zur Verfügung stelle.«
Dass die eigenen Arbeitsplätze die Lehrer zufriedener und am Ende vielleicht sogar gesünder machen, sie sogar vor Burn-out schützen, daran hat der Psychologe Uwe Schaarschmidt, bekannt geworden durch seine Studien zur Lehrergesundheit, keine Zweifel. Er hat die Einführung der Lehrerarbeitsplätze mit einer wissenschaftlichen Untersuchung begleitet und fast alle Lehrer zu den veränderten Arbeitsbedingungen befragt. Ein Großteil der Pädagogen sieht in den neuen Büros »verbesserte Möglichkeiten der Belastungsreduktion, der Organisation und Rationalisierung der Arbeit sowie der Kommunikation und Kooperation«, so Schaarschmidt in seiner Auswertung. Die Verweildauer am Arbeitsplatz habe sich im Durchschnitt um 140 Minuten pro Woche erhöht.
Von Präsenzzeiten möchten die Lehrer am Goethe-Gymnasium allerdings nichts wissen. »Das ist ein rotes Tuch für viele Kollegen«, sagt der Englischlehrer Michael Ferck. »Damit würde man das kinderbetreuungsfeindliche System der Arbeitsorganisation, wie es in vielen Unternehmen vorherrscht, in eine Schule tragen, die doch längst ein viel flexibleres Modell etabliert hat.«
Ein Ort der Entschleunigung inmitten der reizüberfluteten Schule
Die Lehrer also genießen den neuen Luxus des eigenen Büros, möchten aber gerne weiter selbst entscheiden, wann und wie lange sie an ihrem Schreibtisch sitzen. »Für Klausuren brauche ich mehr Ruhe, die korrigiere ich lieber zu Hause«, sagt Oliver Wagner, Geschichts- und Informatiklehrer. Und auch das konzeptionelle Arbeiten sei eben oft von Stimmungen und bestimmten Zeiten abhängig, das könne man nicht auf Knopfdruck verlangen, sagt sein Bürokollege Ferck. Für ihn habe der eigene Schreibtisch eine Art Entschleunigung gebracht, eine seltene Rückzugsmöglichkeit in der reizüberfluteten Schule. Egon Tegge beobachtet auch, dass die kleinen Büros Inseln der Vertrautheit geworden sind. »Hier erzählt man sich auch mal, wenn man mit einer Klasse gar nicht mehr klarkommt, das hätte man früher im Lehrerzimmer nie im Leben erwähnt.«
Das Lehrerzimmer, der geheime Ort der Pädagogen, von manchem als »Grundübel« einer längst überholten Schulkultur verachtet, ist am Goethe-Gymnasium jetzt eine »Lounge« mit roten Ledersesseln. Ein echter Pausenort, an dem selbst gekochtes Essen verspeist, gelacht und gelesen wird. Niemand versucht hier mehr zu arbeiten. Der Tratsch über Schüler und Kollegen wird nun klar von allem Fachlichen und Organisatorischen getrennt. In der Lounge trifft man all jene wieder, denen man nun endlich aus dem Weg gehen kann. Denn natürlich, so beklagen sich bereits einige Kollegen, führten die über die gesamte Schule verstreuten Arbeitsplätze auch zu Vereinzelung. Aber die Trauer um den großen Kommunikator Lehrerzimmer hält sich in Grenzen, denn auch in den kleinen Büros wird viel geredet. Die Spanischlehrerin Steffi Görris entwickelt mit ihrer Kollegin gerade eine neue Unterrichtseinheit. Teamarbeit, Austausch, Absprachen – das alles fresse Zeit, sagt sie. »Wirkliche Ruhe zum Arbeiten findet man hier selten.«
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- Datum 19.04.2010 - 16:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.04.2010 Nr. 16
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Quasselbude oder Arbeitszimmer, das ist hier die Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Wenn sich ein extrovertierter, redseliger Kollege in der Runde befindet, wird sich die angestrebte Ruhe schwer realisieren lassen.Und dann geht's zurück in das turbulente Lehrerzimmer. Also hängt der Versuch der Entschleunigung und Stressvermeidung von der jeweiligen Zusammensetzung der kollegialen Arbeitsgruppe zusammen. Ich sehe auch die Gefahr von Cliquenbildung oder einfach nur Abkapselung vom Mainstream.
Ein Versuch ist die Bereitstellung von Arbeitszimmern jedoch allemal wert.
um dem Massenbetrieb zu entkommen, Austausch und Teamarbeit
zu fördern, vorausgesetzt man hat die richtigen Tischnachbarn (!), aber zum konzentrierten Arbeiten (Korrigieren und Vorbereiten) führt m.E. kein Weg am heimischen Schreibtisch und dem eigenen Rechner vorbei.
Deshalb sollte es auch weiterhin dem Einzelnen überlassen bleiben, an welchem Ort er/sie nach Schulschluss das Feld beackert.
Cliquenbildung herrscht übrigens auch im großen Lehrerzimmer
zur Genüge ... hab' ich mir sagen lassen ;-)
und wenn er es jetzt noch schafft, seinen Lehrern den Trick zu vermitteln, mit dem ein gewisser Prof. Dr. Heinz Semel im Jahre 1965 in Hamburg an der Hauptschule in Bramfeld eine schon fast kriminell gewordene Hauptschulklasse derart für die Teilnahme an dem von ihm angebotenen Unterricht zu fesseln, dann könnten unserer Kinder sogar wieder die Schulen "mit realem Erfolg" besuchen.
Aber vielleicht ist der gute Herr Tegge ja auch nur ein Biedermann unter den ganzen politischen und administrativen Brandstiftern in der Hamburger Politik und Verwaltung.
Das bedeutete so einen riesigen Aufwand, dass alles umgestellt werden müsste, und dann wäre es wahrscheinlich gerade richtig! Fesselnd, abwechslungs- und lehrreich.
Das bedeutete so einen riesigen Aufwand, dass alles umgestellt werden müsste, und dann wäre es wahrscheinlich gerade richtig! Fesselnd, abwechslungs- und lehrreich.
Haben nicht Schüler auch ein Anrecht neben Betonhöfen und schmucklosen Klassenzimmern, Schulecken persönliche Orte der Ruhe und Stressreduktion zu haben? Ist das nicht viel, viel wichtiger als eine rote Lounge? Das erinnert mich stark an diese kleinen bissigen Videos "Dem Lehrerkollegium in die Karten geschaut" (winner's cool blog). Muss ein Lehrer Hotelbesucher oder Firmenmanager spielen, weil er sehr gut verdient und Stress hat? Kann man sich in einem normalen Lehrerzimmer nicht mehr erholen oder im Freien?
Das bedeutete so einen riesigen Aufwand, dass alles umgestellt werden müsste, und dann wäre es wahrscheinlich gerade richtig! Fesselnd, abwechslungs- und lehrreich.
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