Berliner S-BahnDie Entgleisung

Versagende Bremsen, brechende Räder, Unfälle mit Verletzten: Die Berliner S-Bahn ist marode, kaputtgespart für die Rendite des Mutterkonzerns Deutsche Bahn. Ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn ein Verkehrsunternehmen für die Börse fit gemacht werden soll

Er sitzt in einem Haus aus Glas, und er lässt mit Steinen werfen. Würde er aufschauen von der Tischplatte, auf der sein Blick und seine Hände ruhen, sähe er einen mit Fernsehkameras, Fotoapparaten und Menschen gefüllten Saal, Notizblöcke auf Knien, aufmerksame Gesichter. Ulrich Homburg sähe Leute, die seinen Kopf wollen.

Es ist eng im 21. Stock des Verwaltungshochhauses der Deutschen Bahn am Potsdamer Platz in Berlin. Männer, Frauen und Technik drängen sich im Saal. Es werden Gründe für ein beispielloses Versagen bekannt gegeben, und nebenbei werden auch Kräfteverhältnisse deutlich. Ganz klein sieht die Welt von hier oben aus, vor allem die Berliner Machtzentren wirken sonderbar unauffällig. Das Bundeskanzleramt, der Bundestag, die Bürohäuser der Abgeordneten, die Ministerien und das Rote Rathaus. Die Aufsichtsbehörde der Bahn, das Eisenbahn-Bundesamt, ist überhaupt nicht zu sehen. Zu weit weg von hier.

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Es ist ein Tag im Februar, die Öffentlichkeitsarbeiter der Bahn haben zur Pressekonferenz mit Ulrich Homburg, dem Vorstand Personenverkehr der Deutschen Bahn AG, geladen. »Herr Homburg wird den Ermittlungsbericht zur Berliner S-Bahn vorstellen.« Es geht darum zu erklären, warum die S-Bahn in Berlin seit mehr als einem Jahr kaum noch planmäßig fährt, warum gelegentlich nur ein Viertel ihrer Wagen einsatzbereit ist und 37 Menschen bei einem Unfall ihre Unversehrtheit verloren. Es geht um ein kleines Unternehmen im großen Bahnkonzern, das Züge mit defekten Rädern und kaputten Bremsen durch eine Stadt fahren ließ.

Was bisher geschah: 2009

Januar 2009: Fahrsperren für etwaige Notstopps frieren ein, weil ein billiges Schmiermittel für die Wartung verwendet worden war. 3000 Züge fallen aus, 5000 fahren verspätet.

1. Mai 2009: An einem Zug der modernsten Baureihe 481 bricht ein Rad, der Zug entgleist. Die S-Bahn sagt dem Eisenbahn-Bundesamt zusätzliche Radkontrollen zu.

Juni 2009: Die S-Bahn muss den Austausch von Rädern verkünden. Auf Druck des Eisenbahn-Bundesamts wird die Hälfte der Wagenflotte aus dem Betrieb genommen.

Juli 2009: Die vier S-Bahn-Geschäftsführer werden abberufen, die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sie wegen gefährlichen Eingriffs in den Verkehr.

8. September 2009: Die S-Bahn stellt fest, dass Bremszylinder nicht ordnungsgemäß gewartet worden waren. Wieder muss ein Großteil der Züge in die Werkstatt.

22. November 2009: Ein Zug der Baureihe 480 entgleist auf dem Weg aus der Werkstatt. Später lösen sich beim selben Zug die Kupplungen zwischen zwei Wagen.

2010

26. Februar 2010: Alle Züge der Baureihe 485 werden aus dem Verkehr gezogen.

12. März 2010: Der frühere Technik-Geschäftsführer der S-Bahn, Ulrich Thon, verlässt das Unternehmen. Thon gilt als Hauptverantwortlicher für die Zustände bei der S-Bahn-Wartung.

24. März 2010: Es wird bekannt, dass die Räder der S-Bahn-Baureihe 485 keine Zulassung durch das Bundesamt haben.

Die Philosophie dieser Firma muss allein die Hoffnung gewesen sein, dass schon nichts passieren werde. Man könnte dasselbe auch von der großen Eisenbahn, der Deutschen Bahn, sagen. Es ist bei ihr nur noch nicht so deutlich zu sehen, es hat länger gedauert, bis aus einzelnen unglücklichen Vorkommnissen – wie im Sommer 2008, als im Kölner Hauptbahnhof ein Rad eines ICE brach – ein unglücklicher Zustand geworden ist. Am Ende reichte dafür ein einziger Winter.

Ulrich Homburg, ein 54 Jahre alter athletischer Mann mit einer gesunden Gesichtsfarbe, trägt an diesem Tag einen schwarzen Anzug, eine himmelblaue Krawatte, Manschettenknöpfe und ein sehr weißes Hemd. Er ist der am sorgfältigsten angezogene Mann im ganzen Saal – und ein Bild des Jammers. Denn er muss eine S-Bahn erklären, deren Zustand so desolat ist wie am Ende des Zweiten Weltkrieges.

Am 25. April 1945 war die Rote Armee im Begriff, Berlin zu erobern. Die Stadt war eingekesselt, sie wurde von großkalibrigen Geschützen beschossen. In den fünf Jahren zuvor war sie mehr als 300-mal aus der Luft bombardiert worden, manchmal waren bis zu 1200 Flugzeuge gleichzeitig am Himmel. An jenem 25. April waren dennoch von 1118 sogenannten S-Bahn-Viertelzügen – das sind zwei aneinandergekoppelte Wagen – 267 einsatzfähig. Also etwa ein Viertel. Dass der Verkehr trotzdem am selben Tag eingestellt werden musste, lag nicht an den Kriegszerstörungen, sondern am Kohlemangel, es gab keinen Strom mehr.

Im September 2009 fuhren von 630 Viertelzügen noch 163 – 25,87 Prozent. Ohne Beschuss und Rote Armee.

Ulrich Homburg ist seit Juni 2009 Mitglied im Vorstand der Bahn. Der von ihm geleitete Bereich Personenverkehr teilt sich wiederum in die drei Geschäftsfelder Fernverkehr, Regional- und Stadtverkehr auf. Zum Stadtverkehr gehören 22 Busunternehmen, und bis zum 1. März 2010 gehörten auch die S-Bahnen in Hamburg und Berlin dazu.

Homburg blickt auf den Tisch, er liest Sätze ab von einem Blatt Papier. Er sagt, dass sie »hier bei der S-Bahn erhebliche öffentlichkeitswirksame Vorfälle hatten«. Viel mehr als das sagt er nicht.

Öffentlichkeitswirksame Vorfälle. Im Juli 2009 verdrängte die S-Bahn laut einer Forsa-Umfrage die miserable Wirtschaftslage Berlins vom ersten Platz in der Rangliste der größten Probleme der Stadt. Die Berliner Zeitungen, das Radio, das Fernsehen, sie alle berichten nahezu täglich. Das Berliner Forschungsinstitut IGES errechnete, dass Berufspendler allein von Ende Juni bis Mitte Oktober 2009 durchschnittlich dreieinhalb Tage »zusätzliche Reisezeit aufbringen« mussten, was einem finanziellen Schaden von 235 Euro pro Passagier entspreche.

Der finanzielle Schaden für die ganze Stadt: »Zusammen mit meinen Kollegen aus der Wirtschaftswissenschaft schätze ich ihn auf mindestens zwei Millionen Euro täglich«, sagt der Schienenfahrzeugexperte Markus Hecht von der Technischen Universität Berlin. Der ADAC, der neulich den öffentlichen Nahverkehr in 23 europäischen Städten miteinander vergleichen ließ, schickte seine Tester erst gar nicht her.

Im Kinder- und Jugendtheater an der Parkaue sind im vergangenen Jahr 5000 erwartete Besucher nicht erschienen. Schulklassen, deren Lehrer es nicht auf sich nehmen wollten, zu spät anzukommen oder gar nicht. Lehrer, die es nicht riskieren wollten, dass ihre Schüler aus Wagen fallen, deren Türen sich während der Fahrt öffnen. Dass sie sich beim langen Warten erkälten oder von überfüllten Bahnsteigen auf die Gleise stürzen.

Leserkommentare
  1. Moin Moin,

    schöner Artikel, danke!
    Also hat der Kapitalismus (nicht: Industrialismus*) auch in D die gleiche Trümmerspur gezogen wie in der Britisch Railway oder anderen privatisierten (Staats-)Unternehmungen die in ihrem Wesen Monopol-Charakter haben. Ich bin gespannt, wann z.B. die Berliner Wasserbetriebe braunes Wasser liefern und vom Staat saniert werden müssen.

    CU

    *Ein Carnegie oder Rockefeller war kein bißchen mitleidiger als die modernen "Finanzgurus". Als diese beiden abtraten standen aber in den USA die größten und modernsten Stahlwerke und Raffinerien, heute verbleiben Ruinen:
    http://www.time.com/time/...

    • joG
    • 19.04.2010 um 8:20 Uhr

    .....die auch unterschiedliche Ergebnisse erreichen. Wer seine Ideologie eigensinnig dabei verfolgt und schlampig arbeitet bekommt den Erfolg, den das verdient. Besser man schaut in die Welt und vergleicht, bevor man den "Deutschen Weg" ersinnt und festschreibt. Dort gibt es Beispiele hervorragender Lösungen und von Desaster.

    • lepkeb
    • 19.04.2010 um 8:23 Uhr

    Deutsche Bahn durch Deutschland ersetzen und aus Mutterkonzern Konzerne machen und die Parallelen sind nicht zu übersehen.

  2. In Hamburg gelten die selben kapitalistischen Vorgaben, dort ohne die Berliner Probleme. Ein Wort zur Berliner S-Bahn Vergangenheit: Reichsbahn: Westkontakt geeignete Mitarbeiter
    wurden ohne Prüfung von S-Bahn übernommen.
    Wie wärs denn mal mit Überpüfung auf Firma-Mitarbeit?

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    Das meinen Sie ja wohl nicht ernst!

    Ihr Kommentar erinnert mich daran, wie man sich im Westen damals ueber die "Montagsdemonstrationen" lustig gemacht hat. Kurze Zeit spaeter kam dann in Bochum das Opel-Werk in die Schlagzeilen, da war HarzIV auf einmal nicht mehr so lustig.

    Es faellt einem auch dieser Spruch ein, wo am Ende keiner mehr da war wenn man dann selbst dran ist..

    Wie kommen Sie eigentlich darauf dass in Hamburg die selben "kapitalistischen Vorgaben" herrschen, also zB soundso viel Millionen pro Jahr an die BahnAG abzugeben sind und Werkstaetten geschlossen werden in einem so grossen Netz wie Berlin? Koennen Sie dies mit Zahlen untermauern?

    Das meinen Sie ja wohl nicht ernst!

    Ihr Kommentar erinnert mich daran, wie man sich im Westen damals ueber die "Montagsdemonstrationen" lustig gemacht hat. Kurze Zeit spaeter kam dann in Bochum das Opel-Werk in die Schlagzeilen, da war HarzIV auf einmal nicht mehr so lustig.

    Es faellt einem auch dieser Spruch ein, wo am Ende keiner mehr da war wenn man dann selbst dran ist..

    Wie kommen Sie eigentlich darauf dass in Hamburg die selben "kapitalistischen Vorgaben" herrschen, also zB soundso viel Millionen pro Jahr an die BahnAG abzugeben sind und Werkstaetten geschlossen werden in einem so grossen Netz wie Berlin? Koennen Sie dies mit Zahlen untermauern?

  3. Zitat: »Qualify & Qualify Plus-Portfolio«-Satz: »Wir wollen die Bahn kapitalmarktfähig machen.«
    Wenn Konzernchefs vorschreiben wie viel Gewinn gemacht werden muss ist das der Schwachsinn im Hochformat. Wenn der ganze Bahnbetrieb darunter leidet bzw. für den Kunden lebensgefährlich wird, ist das als strafbare Handlung zu bewerten. Die entsprechenden Manager mit lebenslangem Tätigkeitsverbot ohne goldenen Handschlag zu entlassen. Wichtige Leistungen wie Bahn, Post, Energieversorger usw. dürfen unter keinen Umständen in kapitalistische Hände geraten. Die "eiserne Lady" hat dies als erste Politikerin erfunden und damit dem Volk großen Schaden zugefügt. Warum müssen wir diesen katastrophalen Unfug nachmachen ? Unsere meist "Ahnungslosen" Politiker, ausser bei Wahlen, nur noch Lobbyistenhörig. Und davon gibt es 100 Prozent zu viel.

  4. Auch hier scheint mir das Kernproblem die fehlende Demokratie in Deutschland zu sein: Die Privatisierung der Bahn ist demokratisch nicht legitimiert, denn die Bahn ist nicht *so* wichtig, daß Wahlentscheidungen für/gegen eine bestimmte Partei davon abhängen.

    Politiker können sich also nach Belieben bestechen lassen und den Volkeswillen ignorieren, ohne daß es negative Folgen für sie hätte.

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    kann ich ihnen hier nur voll zustimmen.
    Demokratie findet in Deutschland eigentlich nicht mehr statt - die lobbyisten,politikeratrappen, parteibonzen,Baukonzerne und alle anderensmarten gewinnler haben anscheinend den groessten teil der bevoelkerung mit verdummungskampagnen so lange sturmbloed geschossen bis alle die Berliner Laberbude fuer eine RTL II Soap halten ?!

    ...so kanns gehen .

    kann ich ihnen hier nur voll zustimmen.
    Demokratie findet in Deutschland eigentlich nicht mehr statt - die lobbyisten,politikeratrappen, parteibonzen,Baukonzerne und alle anderensmarten gewinnler haben anscheinend den groessten teil der bevoelkerung mit verdummungskampagnen so lange sturmbloed geschossen bis alle die Berliner Laberbude fuer eine RTL II Soap halten ?!

    ...so kanns gehen .

  5. ...geht weiter !

    Was mit dieser ganzen "Privatisierungsorgie" beabsichtigt ist, kann man sehr gut in diesem Film sehen.

    http://video.google.com/v...

    btw...350.000 Arbeitsplätze wurden bei der Bahn abgebaut und ca. 200.000 bei der Post.
    Und wer darf da jetzt für aufkommen über AL1, AL2 und fehlende Steuereinnahmen usw. ?

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    > Und wer darf da jetzt für aufkommen über AL1, AL2 und
    > fehlende Steuereinnahmen usw. ?

    Nun, zumindest nicht Sie mit Fahrkartenpreisen für eine Bahn mit zu vielen Mitarbeitern, wie in Griechenland.

    Obwohl, die Fahrkartenpreise sind immer gestiegen...

    Das ist einfach wie bei Ihrem Immobilienfonds oder der bombensicheren Geldanlage von Lehman: Das Geld ist nicht weg, es ist nur in den Taschen der Anderen :-)

    Und Sie haben auf die Rentenlüge gehört und Privat vorgesorgt...

    > Und wer darf da jetzt für aufkommen über AL1, AL2 und
    > fehlende Steuereinnahmen usw. ?

    Nun, zumindest nicht Sie mit Fahrkartenpreisen für eine Bahn mit zu vielen Mitarbeitern, wie in Griechenland.

    Obwohl, die Fahrkartenpreise sind immer gestiegen...

    Das ist einfach wie bei Ihrem Immobilienfonds oder der bombensicheren Geldanlage von Lehman: Das Geld ist nicht weg, es ist nur in den Taschen der Anderen :-)

    Und Sie haben auf die Rentenlüge gehört und Privat vorgesorgt...

  6. Das meinen Sie ja wohl nicht ernst!

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