Die ZEIT:Dominik Graf , bei der Premiere von Im Angesicht des Verbrechens auf der Berlinale wollten Sie sich unterm Sitz verkriechen. Waren Sie besonders nervös, weil diese Serie das Größte ist, an das Sie sich bislang getraut haben, eine Art Krönung Ihrer Laufbahn?

Dominik Graf: Es waren zweieinhalb sehr harte Jahre, so viel Zeit habe ich noch nie mit einem Film verbracht. Man lebt wie mit einem Computer im Kopf, mit dessen Hilfe man versucht, von Minute eins bis Minute 480 alles im Blick zu behalten. Da wir aber nicht mal im kleinsten Detail chronologisch gedreht haben, habe ich mich bei 40 Grad Celsius in der Russendisko manchmal schon gefragt: Wo sind wir jetzt noch mal genau im Film? Der Typ da hinten, der kann doch gar nicht im Bild rumstehen, der taucht doch erst drei Folgen später das erste Mal hier auf!

ZEIT: Sie sprechen selbst von einem "Film". Ist Im Angesicht des Verbrechens also gar keine Serie, sondern Ihr Überfilm?

Graf: Im klassischen Sinne ist es eine Miniserie. Eine, die einen großen Roman erzählt, aufgeteilt in zehn Portionen. Etwas wie Allein gegen die Mafia in den achtziger Jahren. Miniserien gab’s dann so gut wie nicht mehr, weil das deutsche Fernsehen den zusammenhängenden Sachen nicht mehr vertraut hat. Aber Im Angesicht des Verbrechens war von Anfang ein Epos, das der Drehbuchautor Rolf Basedow vorgelegt hat. Letztlich hat er eine Art Baum geschrieben mit einem dicken Stamm in der Mitte – das sind die beiden jungen Berliner Polizisten und ihre Geschichte – und mit vielen Verästelungen in alle möglichen Richtungen. Eine ungeheure Schreibleistung!

ZEIT: Sind die Serienmacher also so etwas wie die Dickens und Balzacs unserer Zeit?

Graf: Ich glaube, hier deutet sich eher ein dramatisches Defizit des Kinos an. Die echten großen Kino-Romane von 240 Minuten sind ausgestorben. Das Epische ist dann in den Sechzigern zunächst ins Fernsehen ausgewichen, später in einem Nebenfluss vor der Jahrtausendwende im Gully verschwunden und taucht nun wieder als Langserie auf – wie beispielsweise die amerikanische Produktion The Wire.

ZEIT:The Wire ist ein hochgelobtes Panorama der amerikanischen Gesellschaft mit Schauplatz Baltimore . In Ihrer Serie ist der Schauplatz Berlin . Totalen geben dem Ganzen einen Rhythmus. Welche Rolle spielt die Stadt?

Graf: In ihr staut sich alles. Ein Vielvölkergemisch wie am Fuß des babylonischen Turms. Die Kamera stürzt sich ein wenig wie ein Habicht aus dem Himmel über Berlin in die jeweiligen Milieus. Aber man kann sie ja im Leben heute dort alle in ihren je eigenen Mustöpfen beobachten, in einer Vielfalt, wie ich es bisher in Deutschland noch nicht erlebt habe. Vielleicht erlebt man das so ähnlich nur in New York. In der Serie haben wir versucht, jedem Geschehen seinen bestimmten Ort zu geben, man schreitet sie in einem Kreisrhythmus ab, wie eine Uhr: das russische Restaurant Odessa, die Russendisko, das LKA, die Villen am See. Es gibt allein 150 Sprechrollen, ein Kosmos aus Schauspielern und begabten Laien, vom Drehbuch wie ein Quartettspiel sortiert, und jedes Quartett gehört zu einem Ort und wird immer aufs Neue aufgefächert.

ZEIT: Sie haben mal geschrieben, dass im Polizeithriller der Polizist und der Regisseur Seelenverwandte seien: Feldforscher, Analytiker der Gesellschaft. Was erforschen Sie mit dieser Serie?

Graf: Ganz sicher versuchen wir den ethnischen Einbruch in Berlin in den letzten 20 Jahren zu spiegeln. Wie verhält man sich dazu? Wie beschreibt man das vielleicht so politisch unkorrekt, dass man einen Schlüssel jenseits der Gemeinplätze dazu findet? Ich empfand beim Lesen des Drehbuchs den Polizisten Marek Gorsky, gespielt von Max Riemelt, als etwas Neues. Er ist nicht deutscher Bulle, der mit großen Augen auf so was wie "die Überfremdung" guckt, sondern er ist jung und gehört als lettisch-jüdisches Einwandererkind selbst dazu.

ZEIT: Er ermittelt im kriminellen Milieu der neureichen Russen, auf die gerne mit großer Verachtung herabgeschaut wird.

Graf: Es sind ja nicht nur Russen. Es gehören viele andere Völker dazu, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken kommen oder vom Balkan . Der Pfropfen war lange auf dieser Flasche und ist mit der Wende gelöst worden. Da bricht sich ein fast kriminelles Nachholbedürfnis an Größe und persönlichem Luxus Bahn. Das erscheint uns als protestantischen Mitteleuropäern mitunter ein bisschen bizarr. Nun haben sie sozusagen Baden-Baden wieder. Sie hatten’s ja schon mal – damals als Dostojewskij dort vor die Hunde ging. Aber wir Bundesrepublikaner, ich, 1952 geboren, völlig auf Westen gepolt, auf USA – wir gucken mit großen Augen darauf. Das ist halt bei uns Deutschen genauso wie bei manchen anderen Völkern: Wenn man uns im Ausland sieht, dann wirken wir doch verdammt so wie unser Klischee. Bei den Russen ist da der Stolz, dieses Wir-sind-ein-großes-siegreiches-Volk-Gefühl sicher verbreitet. Und daneben die hemmungslose Emotion, die liebevolle Sentimentalität… Eben fast so, wie es in dem Siebziger-Hit der Popgruppe Dschingis Khan schon hieß: "Schmeißt die Gläser an die Wand, Russland ist ein schönes Land!" Klischees haben manchmal recht – und meistens sagen sie gleichzeitig gar nichts.

ZEIT: Schauen Sie auf diese Lebensfreude mit einem gewissen Neid?

Graf: Sagen wir mal so: Es macht Spaß, diese Trinkorgien und suizidalen Aktionen der östlichen Gangster, die Basedow beschrieben hat, zu inszenieren. Da hat man immer das Gefühl, die setzen ihr ganzes Leben jeden Moment aufs Spiel. Auf der anderen Seite ist es auch eine unglaubliche Machowelt, eine schwierig zu akzeptierende Grundstruktur, in der der Mann zur Frau sagt: Geh du mal schön einkaufen, ich hab hier grad was zu erledigen. Das war bei uns allenfalls noch in den frühen sechziger Jahren so. Es steckt auch in dieser vermeintlich so virilen Exsowjetgesellschaft etwas Sklerotisiertes. Ich weiß gar nicht, ob es uns Deutschen ansteht, das zu porträtieren. Aber dieses patriarchalische Lebensgefühl hat schon etwas "Altes", Überkommenes. Auch dafür gibt es in der Serie ja ein Bild: Wenn im Haus des Mafioso Mischa das alte Schlachtengemälde abgehängt wird und an dessen Stelle geradezu schockierend moderne Kunst kommt. Der Gangster-Ehemann steht ein wenig davor wie der Ochs vorm Berg, aber er zahlt trotzdem. Kein Problem, ist halt ein neues Statussymbol.