TV-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" "Bei den Russen ist da dieser Stolz"Seite 4/4
ZEIT: Aber es gab doch bestimmt auch deutsche Krimiserien, die Sie als Kind oder auch später geprägt haben…
Graf: Ja, Stahlnetz, da war ich zehn Jahre, das Pseudodokumentarische daran war sehr beeindruckend. Dann alle Ringelmann-Serien, Der Kommissar, die frühen Derricks, Der Alte mit Lowitz, die werden alle im Rückblick sogar immer besser – und natürlich gute Folgen von Tatort. Meine liebste deutsche Miniserie in den Siebzigern war Freiherr von der Trenck mit Matthias Habich. Kein Krimi.
ZEIT: In Ihrer Serie legen Sie großen Wert auf die »Echtheit« der Dialoge. Sonst ist man von deutschen Serien eher solche Stelzbeingespräche gewohnt, à la »Ihr Mann wurde erschossen.« – »Erschossen?« – »Ja, erschossen.«
Graf: Ist das wirklich Ihr Bild von der deutschen Serie?
ZEIT: Von einer bestimmten Art von deutschen Krimis. Bei Ihnen berlinern die Figuren zum Teil so stark, dass man sie kaum versteht.
Graf: Die Schauspieler müssen es natürlich können. Rolf Basedow schreibt so, dass die Schauspieler durch die Sprache, dadurch, wie sie sprechen, was sie sagen, direkt auf den Weg ihrer Figur kommen. Aber ich finde, man kann nicht über alle deutschen Fernsehserien sagen, dass sie aus Dialogstanzen gebaut wurden. Trotzdem: Ich durfte mal eine Regieübung in Ludwigsburg mit der Schauspielerin Marie-Lou Sellem machen, die bei einer Sitzung mit den Studenten plötzlich dreißig deutsche Drehbuch-Standardsätze in einem Zug rausgehauen hat. Und nach jedem Satz wusste man nicht, ob man lachen oder weinen sollte, so schrecklich waren sie. Und man kannte sie alle.
ZEIT: Zum Beispiel?
Graf: Ich glaube, wir sollten mal miteinander reden. Oder: Lass uns doch abhauen, einfach irgendwohin.
ZEIT: Du hast mich doch nie verstanden.
Graf: Da scheint es wirklich, als gäbe es irgendwo ein Drehbuchprogramm, bei dem man sich für jede passende Situation die Sprachformeln runterlädt, egal ob Melancholie, Freude oder Ehestreit.
ZEIT: Warum ist das so?
Graf: Viele wollen den Weg des geringsten Widerstands gehen, wollen massenkompatibel sichergehen. Ich glaube aber auch, dass dem einzelnen Filmmoment an sich immer weniger Bedeutung beigemessen wird. Es geht nur noch ums große Ganze, um die Dramaturgie, die Anpassungsfähigkeit und Sympathie von Charakteren, die angebliche Nachvollziehbarkeit, die Logik. Aber der Moment, der jemanden wie mich dazu bringt, Im Angesicht des Verbrechens in Angriff zu nehmen, das ist nicht nur das Ganze. Das Ganze, das Drehbuch war derart imponierend, dass ich auch oft das Gefühl hatte, es wächst mir über den Kopf. Aber all die kleinen, besonderen Szenen, die waren es, die mich verführt haben. Eine Szene, in der der Gangster nach Hause kommt und zu seiner Freundin, die vor dem Fernseher liegt, sagt, sie müsse ihm ein Alibi geben. Als sie sich weigert, verlangt er von ihr, all die Prada-Klamotten, die er bezahlt hat, sofort auszuziehen. Und als er aus der Dusche kommt, liegt sie wieder genauso angezogen vor dem Fernseher. Er kriegt sein Alibi. Aber leider wird Fernsehen immer weniger aus einzelnen Momenten gebaut und immer mehr aus dem Ganzen, aus Themen, Inhaltsangaben, aus Kochrezepten, aus Botschaften.
ZEIT: Da wären wir wieder bei der Angst vor dem Zuschauer und seinem vermeintlich begrenzten Verständnis.
Graf: Es hat sich eine Erzählkultur entwickelt, in der der einzelne intelligente Dialogsatz nicht wichtig ist. Aber das, was mir vom früheren Kino immer in Erinnerung bleibt, ist jeweils ein bestimmter Blick oder ein Satz, eine Geste, eine Wendung.
ZEIT: Ist das deutsche Serienproblem also ein Autorenproblem?
Graf: Natürlich auch. Aber vielleicht werden die Autoren auch viel zu sehr kontrolliert, drangsaliert? Es geht immer nur um Aufmerksamkeit, um Verpackung, gut klingende Themen, um Marketing. Und wenn die Qualität des einzelnen filmischen Moments, des Details den Leuten, die die Filme herstellen, wurscht ist, dann ist es den Zuschauern unter Umständen auch irgendwann egal. Und dann stellt sich eine gemeinschaftliche Geschmacklosigkeit, Gefühllosigkeit ein.
ZEIT: Ist das auch eine Frage des Geldes? Wenn Rolf Basedow für seine Dialoge im Milieu recherchiert, wird ihm das keiner bezahlen.
Graf: Nein. Der sitzt vielleicht mit einem Proseccoglas einen ganzen Abend lang hinten an einem Tischchen in einer einschlägigen Kneipe, hört den Menschen zu, und am Ende kommt ein Drehbuch mit unverwechselbaren Sätzen raus.
ZEIT: Wahrscheinlich sitzt er jetzt gerade irgendwo in einem russischen Zuhälterlokal und arbeitet schon heimlich an der Fortsetzung von Im Angesicht des Verbrechens.
Graf: Ja, vielleicht sollte ich ihn gleich mal anrufen. Ich weiß ja nun selber gar nicht mehr, was ich machen soll ohne diese tollen Figuren aus der Serie…
Das Gespräch führten Katja Nicodemus und Christof Siemes
»Im Angesicht des Verbrechens« wird dienstags und samstags in Doppelfolgen auf ARD/Arte ausgestrahlt. Erster Sendetermin ist der 27. April ab 22.05 Uhr
- Datum 28.04.2010 - 11:49 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 15.04.2010 Nr. 16
- Kommentare 15
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









So scheinen auch immer mehr Interviews konzipiert. Dieses war mal wieder eine interessante und unterhaltende Ausnahme genau wie der Regisseur selber eine ist im klischeebeladenen Kulturbetrieb des heutigen Lebensabschnitts der Gesellschaft. Obwohl kein Serien "fan" bin ich gespannt auf die Reihe.
Die Serie wird nur auf Arte ausgestrahlt, 2205 - 2345.
Die Sendezeit entspricht wohl auch der Kritik die der Regisseur hier äußert.
ZEIT: Mit welcher Serie sind Sie sozialisiert worden?
Graf: Fury und Lassie.
Dominik Graf, der Bundesrepublikaner, 1952 geboren, völlig auf Westen gepolt, auf die USA, will als deutscher Regisseur seinen amerikanischen Vorbildern mit einer volkspädagogisch gefilterten Serie nacheifern und fragt sich dabei: „Ich weiß gar nicht, ob es uns Deutschen ansteht, das zu porträtieren.“
Mit allen seinen Antworten reiht sich Dominik Graf in die Riege jener weinerlichen "neuen Männer" der deutschen Unterhaltungsindustrie ein, die nun in die Jahre gekommen sind und aus der Position einer gefühlten Unterlegenheit ihre moralische Selbstbejahung beziehen.
Graf: Bei den Russen ist da der Stolz, dieses Wir-sind-ein-großes-siegreiches-Volk-Gefühl sicher verbreitet.
Kein Wunder, die sind ja auch nicht wie Dominik Graf völlig auf den Westen gepolt, auf die USA.
Dieses Machwerk ist noch banaler als es das Interview erwarten läßt.
Klischees am laufenden Band.
Schlechte Musikuntermalung.
Hölzerne Figuren wie beim Kommerzfernsehen.
Langatmige filmische Impressionen wie früher bei „Miami Vice“.
Schlechter Ton wie früher beim „Polizeiruf“.
Nicht zu empfehlen.
Aber immerhin begann der Folm nicht mit Klaviermusik und die Einstellungen auf Gesichter entsprachen der Handlung und nicht der Demonstration des hochgeistigen Ausdrucks und der Schönheit der Schauspielerin.
Und ich weiss auch nicht, wieso eine gute Geschichte samt Einordnung des Gesamten in diese USA hörig sein soll. Tarkowski und viele andere Europäer zeigen doch, das Sinnlichkeit und Gedankenfülle einer unterhaltsamen Geschichte nicht abträglich sein müssen.
Die Botschaft des politisch korrekten und die bedeutsame Einstellung auf die Kaffeetasse wird irgendwann auch nur langweilig und in ihrer Fülle lästig.
Die Tonqualität der Ferneshspiele der 1960iger Jahre gibt es eh nicht mehr. Einfach weil eine Mikrophonstimme nicht mehr verlangt wird. Da ist Schönheit eben wichtiger und die Suche nach beidem zu zeitaufwendig bzw. es wird seitens der Schauspieler vorsichtshalber mehr an Schönheit und der Kompatibilität gearbeitet.
Ein paar langatmiges gab es schon, aber es gibt jeden Tag im TV Schlimmeres. Dennoch, es muss noch mehr kommen.
Aber immerhin begann der Folm nicht mit Klaviermusik und die Einstellungen auf Gesichter entsprachen der Handlung und nicht der Demonstration des hochgeistigen Ausdrucks und der Schönheit der Schauspielerin.
Und ich weiss auch nicht, wieso eine gute Geschichte samt Einordnung des Gesamten in diese USA hörig sein soll. Tarkowski und viele andere Europäer zeigen doch, das Sinnlichkeit und Gedankenfülle einer unterhaltsamen Geschichte nicht abträglich sein müssen.
Die Botschaft des politisch korrekten und die bedeutsame Einstellung auf die Kaffeetasse wird irgendwann auch nur langweilig und in ihrer Fülle lästig.
Die Tonqualität der Ferneshspiele der 1960iger Jahre gibt es eh nicht mehr. Einfach weil eine Mikrophonstimme nicht mehr verlangt wird. Da ist Schönheit eben wichtiger und die Suche nach beidem zu zeitaufwendig bzw. es wird seitens der Schauspieler vorsichtshalber mehr an Schönheit und der Kompatibilität gearbeitet.
Ein paar langatmiges gab es schon, aber es gibt jeden Tag im TV Schlimmeres. Dennoch, es muss noch mehr kommen.
Mir hat's sehr gut gefallen. Schade, dass man solche Dinge im deutschen Fernsehen so selten und - da stimme ich Malte zu - immer zu Zeiten sieht, die berufstätigen Menschen ein schlechtes Gewissen machen.
Aber immerhin begann der Folm nicht mit Klaviermusik und die Einstellungen auf Gesichter entsprachen der Handlung und nicht der Demonstration des hochgeistigen Ausdrucks und der Schönheit der Schauspielerin.
Und ich weiss auch nicht, wieso eine gute Geschichte samt Einordnung des Gesamten in diese USA hörig sein soll. Tarkowski und viele andere Europäer zeigen doch, das Sinnlichkeit und Gedankenfülle einer unterhaltsamen Geschichte nicht abträglich sein müssen.
Die Botschaft des politisch korrekten und die bedeutsame Einstellung auf die Kaffeetasse wird irgendwann auch nur langweilig und in ihrer Fülle lästig.
Die Tonqualität der Ferneshspiele der 1960iger Jahre gibt es eh nicht mehr. Einfach weil eine Mikrophonstimme nicht mehr verlangt wird. Da ist Schönheit eben wichtiger und die Suche nach beidem zu zeitaufwendig bzw. es wird seitens der Schauspieler vorsichtshalber mehr an Schönheit und der Kompatibilität gearbeitet.
Ein paar langatmiges gab es schon, aber es gibt jeden Tag im TV Schlimmeres. Dennoch, es muss noch mehr kommen.
Den amerikanischen Filmen ist in der Regel eine ganz bestimmte Glätte und Vordergründigkeit zu eigen. Sie rühren nicht an. Dies trifft leider auch auf Dominik Grafs Polizeiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ und andere deutsche Fernsehproduktionen, meist gedreht für das kommerzielle Fernsehen, zu.
Außerdem erlaube ich mir noch eine Anmerkung zum Begriff der „Schönheit“ in der Filmkunst: Eine Frau wird nicht auf Grund ihres Aussehens zur Filmschönheit, sondern durch die Schauspielerin, die eine schöne Frau überzeugend verkörpern kann. Richtig guten Schauspielerinnen gelingt das sogar dann, wenn sie wie Durchschnittsfrauen aussehen.
Den amerikanischen Filmen ist in der Regel eine ganz bestimmte Glätte und Vordergründigkeit zu eigen. Sie rühren nicht an. Dies trifft leider auch auf Dominik Grafs Polizeiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ und andere deutsche Fernsehproduktionen, meist gedreht für das kommerzielle Fernsehen, zu.
Außerdem erlaube ich mir noch eine Anmerkung zum Begriff der „Schönheit“ in der Filmkunst: Eine Frau wird nicht auf Grund ihres Aussehens zur Filmschönheit, sondern durch die Schauspielerin, die eine schöne Frau überzeugend verkörpern kann. Richtig guten Schauspielerinnen gelingt das sogar dann, wenn sie wie Durchschnittsfrauen aussehen.
ja, das war toll, mit dem tapferen Taucher Mike Nelson!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren