Es sollte der Tag der Abrechnung werden für den Mann, den viele für den Hauptschuldigen der weltweiten Finanzkatastrophe halten. Am Mittwoch vergangener Woche stand Alan Greenspan dem Untersuchungsausschuss des Kongresses öffentlich Rede und Antwort. Doch der ehemalige US-Notenbankchef wies jede Schuld von sich. Seine jahrelange Niedrigzinspolitik nach dem Ende des Börsenbooms der neunziger Jahre habe keinesfalls die Überhitzung des Immobilienmarktes angefacht. Das sei das Resultat einer weltweiten Geldflut und Spekulationswut gewesen, beharrte Greenspan, den sie einst »Maestro« nannten.

Die Diskussion um Greenspans Erbe ist alles andere als von gestern. Derzeit tobt ein Streit unter Volkswirten und Geldpolitikern, bei dem es genau um diese Frage geht: Drohen durch die laxe Geldpolitik nach der Finanzkrise jetzt ausufernde Inflation und neue Blasen? Oder sind die Inflationsgefahren angesichts anhaltender Rekordarbeitslosigkeit zu vernachlässigen?

Der Zwist hat inzwischen die obersten Zentralbanker der USA in zwei Lager gespalten. Am selben Tag, als Greenspan sich in Washington seinem Verhör unterzog, verteidigte sein Nachfolger Ben Bernanke seine eigene Nullzinsstrategie. »Wir sind weit davon entfernt, die Krise als überwunden abhaken zu können«, sagte er in einer Rede vor Geschäftsleuten in Dallas. Im Klartext: Noch könne es sich die Fed nicht leisten, die Zinsen anzuheben, um die wackelige Erholung nicht zu gefährden.

Tausend Kilometer weiter westlich in New Mexico hielt fast zur gleichen Zeit sein Fed-Kollege Thomas Hoenig ebenfalls eine Ansprache – mit entgegengesetztem Inhalt. Es sei gefährlich, wetterte er darin, die Zinszügel schleifen zu lassen. Wenn die Fed nicht bald die Leitzinsen anhebe, so der einflussreiche Chef der regionalen Notenbank von Kansas City, dann drohten »höhere Inflation, deutliche Ungleichgewichte in den Kredit- und anderen Märkten und schließlich eine Finanzkrise«. Noch stärkere Worte fand Fed-Gouverneur Kevin Warsh, der wie Bernanke und Hoenig ebenfalls dem zwölfköpfigen Gremium der Zentralbank angehört, das über die Zinsen entscheidet. Er verglich die Lage bei der Fed mit einem »Horrorfilm«, bei dem die verängstigten Opfer alle Türen verrammeln, nur um festzustellen, dass der Übeltäter einer der ihren ist.

Inflationär waren in den vergangenen Monaten allerdings vor allem die Schreckensszenarien. Anbieter von Goldinvestments – »Goldkäfer« im Wall-Street-Jargon – warnen mit Bildern aus der Weimarer Republik vor einer Hyperinflation. »Sichern Sie jetzt Ihr Überleben!«, mahnen die Werbebotschaften, mit denen sie Newsletter, TV und Internet fluten. Börsenguru und Untergangsprophet Marc Faber verglich die USA mit Simbabwe und sagte Preissteigerungsraten von 200 Prozent voraus. Selbst sonst eher nüchterne Wirtschaftskommentatoren beschworen eine drohende nationale Tragödie – vergleichbar mit dem Hurrikan Katrina oder gar den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Für die Inflationswarner könnten die Zeichen nicht klarer sein: Die USA hat ein Rekorddefizit. In diesem Jahr werden es nach den Vorhersagen des Weißen Hauses über 1,5 Billionen Dollar werden. Auch im kommenden Jahr wird der Krater in der Haushaltskasse mehr als eine Billion betragen. Noch vor Kurzem waren solche Summen unvorstellbar. Gleichzeitig hat die Notenbank bei ihrer Bekämpfung der Finanzkrise die Geldmenge in nie da gewesenem Ausmaß anschwellen lassen.