Film "Friedensschlag" "Hilf mir, Alter!"

Wie man Gewalttäter zum Boxen bringen kann und damit in Arbeit, zeigt sehr eindrücklich "Friedensschlag", der jetzt in den Kinos läuft

Für "Friedensschlag" begleitete Gerado Milzstein Jugendliche wie Marco ein Jahr lang mit seiner Kamera.

Für "Friedensschlag" begleitete Gerado Milzstein Jugendliche wie Marco ein Jahr lang mit seiner Kamera.

Das geht: Den Telefonhörer abnehmen, wählen, ein Gespräch führen, bis es zu Ende ist, sich verabschieden und dann erst einhängen. Der 19-jährige Eftal kann es kaum glauben, als ihm das glückt, und sein Begleiter gratuliert: »Willkommen im Leben!« Wie eine kaum noch erhoffte Erleichterung kommt es auch über den Zuschauer, wenn er im Kino Zeuge wird, dass dieser Eftal endlich einer Nur-normalen-Tätigkeit gewachsen ist: dem Telefonat mit dem möglichen Arbeitgeber. »Seinen Mann zu stehen« hat er bisher nicht geschafft, er hat sich vor allem durch Gewalt bemerkbar gemacht und dies für männlich gehalten, einen Menschen hat er fast totgeprügelt. Eftal müsste, wie auch die anderen Darsteller des Films Friedensschlag, die alle sich selbst spielen, ins Gefängnis, hätte sich nicht eine Gruppe von Männern professionell vorgenommen, diesen Jungen, auf Bewährung, eine Alternative zu bieten. Arbeit und Boxen, »Work and Box«, so heißt die tatsächlich existierende Münchner Initiative, die Gewalttätern verspricht: Wenn ihr euch darauf einlasst, Boxen zu lernen, dann finden wir nach einem Jahr eine Lehrstelle mit euch.

Diese Wette hat die Kamera von Gerardo Milzstein ein Jahr lang, fast demütig in ihrer Geduld und Zugewandtheit, beobachtet. Es ist ein großartiger Film dabei entstanden, dessen Makel nur sein hippiehafter Titel ist. Wer hätte gewettet, dass diese jugendlichen Angstmacher sich selbst zu steuern lernen? Die allermeisten lernen es.

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Die Wirklichkeit, die sich hinter der verfilmten Wette verbirgt, kann für die sogenannte Wissensgesellschaft unangenehm sein, die verbindliche Verantwortung für Menschen oft zu anstrengend findet und sich lieber an wöchentliche Erregungsbilder jugendlicher Gewaltexzesse gewöhnt als an Informationen wie diese: Die Erfolgsquote von »Work and Box« liegt bei 80 Prozent, 80 von 100 dieser Boxenden werden bleibend im Arbeitsmarkt Fuß fassen, 80 Prozent werden nicht mehr straffällig sein, im Unterschied zu den üblichen 80 Prozent der aus dem Gefängnis Strafentlassenen, die rückfällig werden. Boxen zu lernen ist erfolgreicher, als eine Haftstrafe abzusitzen. Aus furchtbar bürgerlichen Gründen: Es ist auch für diese Jungen auf Dauer schöner, das eigene Geld verdienen, eine Familie ernähren zu können, ein Zuhause zu haben, als im Gefängnis an Attraktivität einzubüßen.

Wer hätte das noch gedacht, wo doch Sozialpädagogik vermeintlich den Duft der siebziger Jahre verströmt: Auch wer seit der Kindheit zumeist durch prügelnde Väter auf körperliche Gewalt konditioniert ist, kann sich umgewöhnen. Durch harte Arbeit an Körper und Geist, darin gleicht dieser Film seinen Vorgängern Rhythm is it und L’esquive , die beide von der Macht der Verwandlung durch Tanz und Theaterspiel erzählen. Doch es ändert sich nur, wer sich ändern will, wer entscheidet, Hilfe zu wollen. Eines Tages, endlich, sieht die Kamera in Friedensschlag zu, wie jener Eftal die Betreuer nach einer Explosion wütender Abwehr anschreit: »Wie kann ich das ändern, Alter, Mann? Seit zwei, drei Jahren änder ich mich nicht, verstehst du, Mann? Keine Ahnung! Hilf mir, Alter, Mann!« – »Wobei brauchst du Hilfe?« – Dabei, mich zu ändern!« So geht es.

Die Sprache der Sozialpädagogen in diesem Film könnte einem auf die Nerven gehen (»Du bist viel mehr wert, verstehst du das? Verstehst du das nicht?«), wenn sie sich als Jargon artikulierte, ungedeckt durchs Reale. Hier aber ist sie, wie auch die Mimik und Gestik es sind, Ausdruck männlicher Autorität. Die kennen diese Jugendlichen bisher nicht, und kein Vater hat sich in diesem Dokumentarfilm vor die Kamera getraut, nur ein paar um Fassung ringende Mütter. Dass ein gewaltgewöhnter Körper unter Anleitung umlernt, dass er Nähe- und Distanzverhältnisse angstlos und regelgeleitet einüben kann, dass er Aggression ableiten kann, ohne Menschen zu verletzen, dass er sich einem Menschen nähern kann, ohne von seinem Körpergedächtnis gleich vor drohenden Schmerzen gewarnt zu werden: Dieses Wissen wird hier umgesetzt – boxend. 

Darin liegt das Ergreifende, weil es einen eben doch verblüfft: dass diese kraftstrotzenden Typen ihren Körper bisher nur wie Molotowcocktails einsetzen konnten und nun tänzelnd, spielerisch, Schläge nach Regeln austeilend, lachend, am Gegner dranbleiben, sich ihm nicht entziehen. Wieder und wieder will man das sehen, um sich zu überzeugen: Es geht, bei fast allen. Nicht bei jedem. Sozialromantik sieht anders aus.

Rupert Voss und Werner Makella wirken als Leiter von »Work and Box« auf der Leinwand wie ein Dreamteam, das man für die Klarheit ihrer Worte und für die Bereitschaft, sich mit diesen überstarken Kindern probehandelnd zu prügeln, als einen Idealfall des Menschenfreunds preisen muss. Sie könnten auch uns umgewöhnen: Es ist nicht teuer. Man müsste nur den Blick ändern. Aber dafür muss man sich entscheiden.

 
Leser-Kommentare
    • rabin
    • 16.04.2010 um 16:14 Uhr

    Jeder, der Verantwortung für Prävention trägt, sollte diesen Film sehen. Sich die Arbeit der Mentoren ansehen, ihr Agieren in diesem "Tigerkäfig", ihr Bemühen um Menschen, die sich selbst aufgegeben haben.

    Für das Publikum ist das nichts. Im Gegensatz zu Rhythem is it ist hier nichts Spektakuläres, wenn man den Umstand, dass einer, der schon am Rand der Gesellschaft stand und diese bedrohte,mit 19 seinen Hauptabschluss machte.

    Als ich den Film sah, waren beschämend wenig Menschen im Kino.
    Die grosse Mehrheit guckt lieber Sch...

    • grrzt
    • 16.04.2010 um 16:49 Uhr

    männliche Super-Nanny. Aber wenn's hilft.... Aber eines macht mich (z.B. nach der Lektüre vieler pädagogischer Projektberichte....) doch stutzig: Woher wissen die das: "80 von 100 dieser Boxenden werden bleibend (sic!)im Arbeitsmarkt Fuß fassen, 80 Prozent werden nicht mehr straffällig sein, im Unterschied zu den üblichen 80 Prozent der aus dem Gefängnis Strafentlassenen, die rückfällig werden". Das kann doch nur bis zum Zeitpunkt des Filmdrehs gelten. Das Ergebnis einer seriösen Katamnese kann es nicht sein.

  1. Die ergreifende Logik der Menschenfreundin Elisabeth von Thadden besagt, daß Gewalttäter gebändigt werden können, wenn man ihnen unter fachlicher Anleitung beibringt, noch effizienter zu prügeln.
    Ey, Alte, Sozialromantik sieht so aus.

    • rabin
    • 16.04.2010 um 17:38 Uhr

    Wie wäre es den Film zu sehen und dann abzulästern?

    Das eine ist der Artikel, das andere der Film.Das dritte ist das reale Projekt.

    Ich finde es einen mutigen Zugang auf Menschen, die sich im normalen Leben nicht zurecht finden.

    Das Boxen ist ein Raum der Selbsterfahrung. Nicht nur Gewalt nach Regeln, sondern auch die Erfahrung des Sich-Stellens.

    Die Angst, die hinter der Gewalttätigkeit sitzt, wird beim Boxen transparent.

  2. Schön, dass Sie jetzt lernen jemanden richtig zu verprügeln.
    weltfremder Zeit-Artikel...

  3. Aber Killerspiele am PC will man verbieten. Die Welt spielt verrückt!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Aber Killerspiele am PC will man verbieten. Die Welt spielt verrückt!"
    In diesem Falle nicht nur die WELT, sondern auch die ZEIT!
    (Ein ähnlicher Artikel erschien auch in der WELT.)

    http://www.welt.de/kultur...

    "Aber Killerspiele am PC will man verbieten. Die Welt spielt verrückt!"
    In diesem Falle nicht nur die WELT, sondern auch die ZEIT!
    (Ein ähnlicher Artikel erschien auch in der WELT.)

    http://www.welt.de/kultur...

  4. "Aber Killerspiele am PC will man verbieten. Die Welt spielt verrückt!"
    In diesem Falle nicht nur die WELT, sondern auch die ZEIT!
    (Ein ähnlicher Artikel erschien auch in der WELT.)

    http://www.welt.de/kultur...

    Antwort auf "Knock-out"
  5. 8. Praxis

    Das Projekt kenne ich seit Beginn vor ca 8 Jahren. Von Anfang an belächelt und ins Regal gestellt gibt der Erfolg den Leuten mittlerweile recht. Die sind die einzigen, die mit den Jungs "In-touch" gehen und nicht mit Sozialpädagogengebabbel vornehmlich ihr eigenes Unvermögen kaschieren. Den Typen, umd dies da geht, möchtet ihr nicht allein begegnen. und anstatt euch lustig zu machen und gscheid daherzurreden solltets lieber froh sein, daß die [...]
    so daß ihr ohne Begleitschutz in die Proseccobar flanieren könnt. So schauts nämlich aus.

    Bitte verzeichten Sie auf Bemerkungen, die als fremdenfeindlich wahrgenommen werden können. Danke, die Redaktion/fk

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