Heiliger oder Legende?Benedikt gab es nicht

Der »Vater des Abendlandes« ist nur eine Kunstfigur des Mittelalters. Das behauptet der Frankfurter Historiker Johannes Fried. von 

Benedikt von Nursia, Begründer des christlichen Mönchtums (Cecchini, 1798)

Benedikt von Nursia, Begründer des christlichen Mönchtums (Cecchini, 1798)  |  © Hulton Archive/Getty Images

DIE ZEIT: Benedikt von Nursia ist einer der wichtigsten Heiligen der Kirche, er wird verehrt als Vater des Abendlandes, der Papst trägt seinen Namen. Und diesen Mann soll es nicht gegeben haben?

Johannes Fried: Ja, das vermute ich. Auch wenn meine These heftig bestritten wird. Es gibt viele Kollegen, die überzeugt sind, Benedikt sei eine reale Gestalt. Er soll von etwa 480 bis 547 in Italien gelebt haben. Ich aber bin der Meinung, dass er eine Art Kunstfigur ist. Eine Kunstfigur, an die man sich wie an eine historische Gestalt erinnert. Oder um es im Vokabular der Neurowissenschaften zu formulieren: Benedikt, die ganze Benedikt-Legende, ist ein Implantat im kollektiven Gedächtnis.

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ZEIT: Was lässt Sie das vermuten?

Fried: 1995 stieß ich auf eine Veröffentlichung des britischen Historikers Francis Clark. Er versuchte nachzuweisen, dass die berühmten Dialoge Papst Gregors des Großen, in denen unter anderem erstmals der Sinn des Fegefeuers genauer definiert wird, eine Fälschung seien, erst lange nach Gregors Tod 604 verfasst. In diesen Dialogen aber befindet sich auch die einzige Beschreibung von Benedikts Leben, es gibt kein anderes Zeugnis seiner Existenz. Damit lag der Gedanke nah: Wenn diese Quelle falsch ist – dann ist womöglich auch Benedikt eine »Fälschung«.

ZEIT: Und? Sind die Dialoge gefälscht?

Fried: Es spricht vieles dafür, dass sie erst nach 604 verfasst wurden. Im Stil unterscheiden sie sich deutlich von anderen Schriften Gregors. Vielleicht basieren sie auf realen Gesprächen, die der Papst mit Gelehrten an seinem Hof geführt hat. Doch zu der Unsicherheit über die Entstehung der Dialoge und damit der Benedikt-Legende kommt noch etwas anderes. Und das ist der Duktus des Textes. Er deutet kaum auf eine reale Person hin.

ZEIT: Warum? Ist es ein Märchenton?

Fried: Nein, es ist die »Sprache des Mythos«, die hier zu uns spricht. Die Heiligenvita beginnt damit, dass Benedikt zum Eremiten wird, in den Höhlen von Subiaco südlich von Rom . Sein religiöses Leben fängt also im Inneren der Erde an. Der weitere Weg wird dann konsequent als Aufstieg beschrieben. Die letzte Szene zeigt Benedikt auf dem Berg, auf dem später das Kloster von Montecassino steht. Aus seiner Jugend erfahren wir so gut wie nichts. Vater und Mutter bleiben namenlos, das ist für Heiligenviten ungewöhnlich. Wir lesen gerade noch von einem angefangenen Studium in Rom.

Im weiteren Verlauf ist dann so gut wie alles symbolisch stilisiert – bis hin zur Zahl der Wunder, die er vollbracht haben soll. Wo historische Ereignisse auftauchen, geschieht dies jenseits aller zeitlichen Logik. Und auch der Name seiner Schwester, Scholastica, lässt eher auf eine Allegorie denn auf eine reale Person schließen. Scholastica und Benedictus, die Gebildete und der Gesegnete, das ist eine bezeichnende Konstellation. In ihr spiegelt sich ein Konflikt, der damals aktuell war und niemand anderen als den Papst selbst betraf: Gregor hatte die höchste weltliche Bildung erfahren, bevor er Mönch und 590 schließlich Papst wurde.

Leserkommentare
  1. und gut gemachtes Interview, das sich wohltuend vom sonst üblichen Geblubber in den deutschen Medien zum Thema "Wissenschaft" (insbesondere auch in Geschichte) abhebt. Daher ein großes Danke, besonders für den mit "Papst Mohammed" an den Tag gelegten Humor.

  2. Da schliesse ich mich meinem Vor-Kommentator an, es sind Themen wie dieses, die die Zeit in der deutschen Medienwüste zu einer wohltuenden Oase machen.
    Sollte Herr Fried mit seiner These recht haben, und es klingt ja ganz plausibel, dann wäre es ein weiterer Beweis dafür, dass Geschichte oft nur die Weitergabe der "Propaganda" von anno dazumal ist.

  3. Artus gab es nicht, König David gab es nicht, Karl den Großen gab es nicht und die meisten Heiligen sind nicht mehr als ein Gerücht. Wenn irgend ein Herrscher (oder ein Kirchenboß) etwas Besonderes vor hatte, erfand er einen Altvorderen, dem er sein Vorhaben in den Mundlegen konnte. So geht Geschichte auch.

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  • Schlagworte Fälschung | Mohammed | Papst | England | Italien | Rom
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