Globalisierung Zu weit gegangen
Viele deutsche Unternehmen holen ihre Produktion aus Fernost zurück. Andere verwerfen Verlagerungspläne. Die weltweite Arbeitsteilung stößt an ihre Grenzen.
Sechs Jahre ist es her, da stand Eginhard Vietz wie ein kleiner Kaiser in seiner brandneuen Pekinger Niederlassung und proklamierte: »China ist die Zukunft.« Gerade war er in das dreistöckige Eckgebäude mit der grünen, runden Glasfassade eingezogen. Vier Säulen schmückten den Eingang, die private Vorfahrt erinnerte an die eines Luxushotels, und draußen im Wind flatterten eine deutsche Fahne, eine chinesische Fahne und eine mit dem gelb-blauen Vietz-Firmenlogo. Die Welt sollte sehen: Hier residiert ein Schweißraupenhersteller aus Hannover, der der Globalisierung mit offenen Armen entgegenläuft.
Heute sitzt Eginhard Vietz, 69, wieder in Hannover, in seinem Zweckbau mit der silbergrauen Wellblechfassade an der Fränkischen Straße, und man muss ihn wohl als den lautstärksten Chinakritiker im deutschen Mittelstand bezeichnen. Den letzten chinesischen Mitarbeiter, seinen Fahrer, hat er im Dezember vor die Tür gesetzt. Die Vietz-Maschinen, sattgelb und tiefblau gespritzte Monster für das Zusammenfügen langer Pipeline-Rohre, entstehen jetzt sämtlich wieder in Deutschland. Von hier aus werden sie in die Ölländer der Welt verschickt.
Nebenbei ist Vietz in einer Art Mission unterwegs: Er hält Vorträge landauf und landab, vor Unternehmern und Verbandsvertretern, in denen er vor den Verlockungen der Volksrepublik warnt.
»Die chinesischen Arbeiter sind darauf programmiert, Teile von links nach rechts zu legen«, giftet der Chef heute über seine ehemalige Belegschaft. »Alles andere überfordert sie.« Man habe ihn bestohlen: Baupläne verschwanden, ein Laptop voller Firmendaten, der Zentralrechner, ein Tresor. Sein chinesischer Partner habe zehn Kilometer weiter eine zweite Fabrikhalle aufgebaut und darin fast identische Maschinen nachgebaut. Bis heute, sagt er, tauchten minderwertige Geräte made in China auf, den Originalen zum Verwechseln ähnlich. Mit dieser »Fälscherrepublik« will Vietz nichts mehr zu tun haben.
Der Zorn des Eginhard Vietz ist gewaltig und seine Bereitschaft, darüber zu reden, einzigartig unter den deutschen Mittelständlern. Doch allein ist er nicht. Viele Unternehmer kehren zurück in Richtung Heimat. Andere verzichten von vornherein auf ein betriebliches Abenteuer China oder Vietnam, Brasilien oder Uruguay.
Dabei sollten die Eginhard Vietzes dieser Republik einmal das nächste große Rad der Globalisierung drehen. Die Großkonzerne hatten sich schon seit Ende der siebziger Jahre weltweit in wachsendem Tempo Produktionsstätten erschlossen, den Globus mit einem Netz aus Niederlassungen, eigenen Fabriken und Zulieferern überzogen. Hier nutzen sie das Know-how örtlicher Fachkräfte, dort die Billiglohnarbeit, andernorts die Nähe zu neuen Märkten. Es war eine Erfolgsgeschichte. Jetzt, im neuen Jahrtausend, sollten in großer Zahl die Mittelständler folgen. Unternehmensberater und akademische Forscher sahen eine Welle neuer global champions entstehen. Unternehmen mit nur wenigen Hundert Beschäftigten, denen die Welt zu Füßen lag.
Wer, wenn nicht Vietz, hätte das schaffen sollen? Der Schweißingenieur war schon Anfang der achtziger Jahre durch chinesische Provinzen gereist und hatte Hallen voller fortschrittshungriger Zuhörer über Pipelinebau aufgeklärt. Artig nahm er an Geschäftsessen teil, wo man das warme Gehirn eines lebenden Äffchens mit Silberstäbchen auslöffelte und Augen aus einem Schafskopf pulte. 2001 packte ihn der ganz große China-Rausch, als er einen gigantischen Auftrag über 60 Schweißraupen für eine Pipeline von Kasachstan bis nach Shanghai erhielt. 2004 übernahm er persönlich diesen brandneuen Ableger seiner Firma und wollte von China aus den Weltmarkt erobern.
- Datum 20.04.2010 - 10:21 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.04.2010 Nr. 16
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wir haben vieles in Deutschland bei staatlichen Ämter was man ruhig entsorgen könnte aber der Standort Deutschland, man kann sagen was man will, ist für den Unternehmer planbarer und viel besser zu kontrolieren.
Nein Danke, Brasilien oder China. Der Kopf dort ist sehr groß aber die Beine können die Last nicht tragen.
Hoffendlich lesen viele Unternehmer diesen Artikel.
Zwei Sätze dazu:
"Übermut tut selten gut"
und
"Hochmut kommt vor dem Fall"
sind zeitlos und passen immer wieder auf die Gesichter gewisser Menschen. Beinahe wie passformgegossen.
Ich kenne einige Menschen solchen Schlages auch persönlich, wenngleich ich mich diesen aber gerne fern halte. Das Problem: deren Nasenfall kostet Steuergelder.
Da muss nur einer Sprüche machen wie: Die Chinesen sind hungrig nach Erfolg, da ist alles viel billiger herzustellen und die arbeiten für eine Hand voll Reis am Tag.
Die Realität war: Falsche Sicherungen bestückt (weil Leseschwäche), billige aber unqualifizierte Ingenieure (der einzige Gute hatte in den USA studiert und wollte wie ein Deutscher bezahlt werden), die Produktfälschungen waren vor dem Original auf dem Markt usw.
Unternehmer, die glauben das in Asien alles besser ist, sägen an dem Ast auf dem sie sitzen. Intelligenz ist Mangelware - sie können nur billig.
... ohne das sie es selbst merken, und was ich eigentlich viel schlimmer finde, ohne dass es Fakten hinsichtlich Qualität etc gibt. Es reicht offenbar bunte Excel-Charts auf den Tisch zu legen, die exorbitante Renditen irgendwo rechts unten in der Ecke anzeigen, um komplette Produktionsabläufe mal eben so in blaue irgendwo hin zu verlagern.
Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob es nun Offshoring oder Nearshoring genannt wird. Es ändert nichts an der Tatsache, dass jegliche Qualität ob Zeit, Material, Arbeit oder was auch immer darunter leidet und man zu Gunsten eines gewissen Profits auf sie verzichtet. Man muss es halt den Kunden nur irgendwie verkaufen. Das klappt schon... irgendwie.
In der IT Branche war es erst anders herum. Zuerst kam das Nearshoring, dann das Offshoring. Im Endeffekt ist es nichts Anderes. Eine Milchmädchen-Rechnung... Nun, kommen diese Beratungs-"Experten" in einigen Branchen wieder und versuchen es mit den östlichen Ländern und dem Balkan. Z.B. Bürodokumente, die nicht mehr von Angestellten in Deutschland erstellt werden, sondern von Angestellten in Bratislava.
Ich finde irgendwann sollte man sich als Unternehmer einfach mal die Frage nach seinen eigenen Werten und Prinzipien stellen und vielleicht weniger die Prioritäten auf die monetären Aspekte legen.
Aber das ist für die Meisten wahrscheinlich vollkommen zu viel verlangt. Vermutlich steht es nicht auf ihrer "strategischen Agenda", weil es nicht ausreichend subventioniert wird...
Die Verlagerung von "Arbeit" allgemein, völlig egal, ob nach Bratislava oder irgendwo zwischen Bananen in Südamerika, vernichtet Arbeitsplätze in der BRD.
Solange es gravierende Unterschiede im Sozialsystem, Arbeitsrecht, Umweltschutz, Sicherheitsauflagen.etc. etc. gibt, kann im Ausland günstiger produziert werden.
Um Qualitätsstandards einzuhalten braucht man nur einen deutschen Mitarbeiter im Ausland mit einsetzen,- kostet nicht die Welt!
Hätte der Autor seinen eigenen Artikel nochmals durchgelesen, müsste er selbst feststellen, dass eine Tendenz zum "Outsourcing" durchaus noch vorhanden ist.
Einzig und allein die Produktionsstandorte ändern sich alleweil:
Nehmen Sie Taiwan,- als Produktionsstandort ungeeignet!
Warum? Der Lebensstandard gleicht dem unsrigen! (Ehrlich gesagt, habe ich dort weniger alte Autos gesehen als in der BRD)
... ist aber kein Problem! Es gibt ja noch den "restlichen" asiatischen Raum... dann noch Südamerika... und mal abwarten: Vielleicht kommt in ein paar Jahrzehnten Afrika auch mal zum Stich.
Es bleibt ein feuchter Traum, zu denken, alle Produktion kommt wieder zurück in´s "gelobte Land".
Naja, die recht ideologischen WTO Handelsverträge und ihre inherente Liberalisierung, oft nach Neoliberalen Gepflogenheiten, haben so manche Nation, so manchen Konzern und auch so manches Mittelständischee Unternehmen in die Knie gewzungen. Parallel dazu die Aufhebung jeglicher Schutzmechanismen die sich Nationen, Unternehmen und auch Arbeitnehmer nach etlichen leidigen Erfahrungen aufgebaut haben. Alles wurde Abgerissen weil einige dachten die Märkte besitzen eine in sich ablaufende Intelligenz die jeglicher Regulierung weit überlegen ist. Das war schon immer dummes Geschwätz da man nur weit genug zurückblicken muss um festzustellen... das war es eigentlich nicht. Besser man zwingt jeden Gesellschaftsteilnehmer in ein Korsett von Regeln im Sinne eines Stakeholdervalue (die Investoren, Finazmärkte und Aktienbesitzer sind nur ein Subset von vielen Anspruchshaltern) so das keiner zu Stark und keiner zu Schwach wird und benutzt Umverteilungssysteme um Unregelmässigkeiten in jeglicher Form auszugleichen aber auch um solidarische Projekte zu finanzeiren welche private Entitäten nicht leisten können. Auch da etliche Beispiele das die privaten Schreihälse nur das wenigste besser können als Staatliche Systeme, etwa die Profite auf Kosten von allen anderen zu maximieren aber sich um sonst nichts mehr kümmern. Ein doch absolut primitives Welt- und Gesellschaftsbild das da propagiert wird und der Mehrheit aller Stakeholder nicht's bringt.
Schlimm auch, das die EU Verfassung ähnliches Vorschreibt und ein ebenso primitives Gesellschaftsbild vorfährts treiben will welches den Wettbewerb aber nicht die Demokratie und Soziales als primären Faktor zur Allgeminen Entwicklung ansieht. Das ganze Konstrukt basiert auf allgemein aber auch spezifisch primitven Annahmen was den Mensch, dessen Handlungen und sein soziales Umfeld anbelangt. Was nützt die Globalisierung den Menschen wenn ca. 3/4 aller globalen Handeslvolumina rein interne Warenverschiebungen der transnationalen Konzerne sind? Noch perverser wird das ganze, betrachtet man sich die Kapitalströme die je nach Betrachtunsgzeitraum das ca. 100 Fache des für die Wirtschaftsleistung tatsächlich nötigen um den Globus verschieben was in abartiger Spekulation und der menschenverachtenden vermögenskummulation einiegr weniger endet. Das alles soll Vorteile für wen genau bringen?
wenn die Mittelständler vorab etwas mehr nachgedacht hätten, und die Investitionen in die Mitarbeiter hier (höhere Löhne) , oder in Form von Steuern in den Staat her gesteckt hätten.
so haben sie China satt gefüttert und die Löhne hier gedrückt, was die Binnennachfrage dümpeln läßt....
Dumm gelaufen!
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