Globalisierung Zu weit gegangenSeite 4/4

Die Ukrainer, sie sind ansonsten wie wir. Die Krim, von der Albrecht Metter in Heidelberg gesprochen hat, beginnt in einem Hinterhof im Zentrum von Simferopol. Am Eingang hängt kein Türschild, nur ein Aufkleber mit dem graublauen Schriftzug von ameria. Das Büro ist eine umfunktionierte Dreizimmerwohnung. Neonleuchten verbreiten humorloses Licht, es riecht nach ausgeatmeter Luft.An 30 Arbeitsplätzen, Einzelpulte wie aus alten Schulfilmen, sitzen Männer und Frauen Mitte 20. Sie schauen aus blassen Gesichtern auf aufgeklappte Laptops und tragen Kopfhörer mit Mikrofonbügel. Auf den Schirmen flimmern Ziffern und Zeichen, wie sie sich nur Programmierern erschließen. Worte fallen wenige, das Klackern der Computertasten vereint sich zu einem Grundgeräusch. Hier entstehen Websites oder Programme für Werbeagenturen, Automobilzulieferer, Versandhäuser aus Deutschland. An der Wand hängt ein Foto von Heidelberg.

Der Vorzeigeprogrammierer, der an diesem Tag all die Vorzüge des Nearshorings verkörpern soll, heißt Artem Savotin. Vor sechs Jahren kam er als Entwickler zu ameria, heute steht auf seiner Visitenkarte etwas von Leiter und Produktionszentrum. Das einzig Auffällige an ihm: Er trägt die blonden Haare im Nacken etwas länger. Er mag Computerspiele und Fußball.

Die Ukrainer sind beinahe so fußballverrückt wie die Deutschen, und das hat Savotin bei seinem jüngsten Projekt sehr geholfen. Es ging um fan2010.com, eine Internetplattform zur Fußball-WM in Südafrika, die seit Kurzem online ist. Ein Münchner Start-up-Unternehmen namens Matchworx betreibt das Fanportal, programmiert wurde es in Simferopol. Fußballverrückte können sich hier nach Lust und Laune präsentieren: Ein Deutschlandfan etwa kann seinem Computermännchen ein Trikot der Nationalelf anziehen, ihm einen schwarz-rot-goldenen Irokesenschnitt verpassen und einen Kasten Bier danebenstellen. Zehn Programmierer und Designer waren gut einen Monat lang mit der Entwicklung beschäftigt, rund 1500 Arbeitsstunden und 20.000 Zeilen Programmcode stecken in dieser elektronischen Ballwiese.

Aber hätte man das Projekt nicht gleich nach Indien auslagern können, wo das Angebot an IT-Kräften noch größer ist und die Löhne häufig noch niedriger sind? »Für Mittelständler ist das nichts«, sagt Metter ziemlich kategorisch. Die Programmierzentren in Fernost seien weit weg, die Zeitverschiebung sei hinderlich, die Kultur eine völlig andere.

Das sehen auch manche Inder so. »Wir haben heute 60 Kunden in Deutschland, aber von mittelgroßen Unternehmen haben wir bisher noch keine Projekte angenommen«, sagt Saptha Chapalapalli, Direktor für Zentraleuropa bei der großen Outsourcing-Firma Tata Consultancy Services.

Um Erfolg beim Outsourcing nach Indien zu garantieren, sei zwar nicht die Größe ausschlaggebend, aber die »Reife der Organisation«. Allen voran die durchdachte, reibungslos organisierte Zergliederung der Firmenprozesse, die genaue Dokumentation der Anforderungen, das schriftliche Festhalten vormals ungeschriebener Firmengesetze, sodass sie auch von unbekannten Mitarbeitern in fernen Ländern eingehalten werden können. Darin liegt das Geheimnis erfolgreicher Outsourcing-Projekte, wie die Großen sie betreiben.

»Prozesswissen zur Auslagerung von Entwicklungsaufgaben«, sagt der Wirtschaftsinformatiker Armin Heinzl von der Universität Mannheim, sei »im Mittelstand kaum vorhanden«. Er spricht da von der IT-Branche. In anderen Branchen des Mittelstands, etwa im Maschinenbau, sind solche Praktiken schon eher verbreitet. Doch auch dort stellt sich die berühmte Kosten-Nutzen-Frage: Lohnt sich der Aufwand unterm Strich überhaupt?

Als das Fußball-Portal für Matchworx entworfen wurde, standen die Entwickler in München wie in Simferopol vor demselben Problem: Der ganze Internetauftritt wurde überhaupt erst im Lauf der Arbeit entwickelt. Am Anfang erhielten die Ukrainer von den Münchnern nur grobe Vorgaben, wie die Figürchen auszusehen hätten und was man mit ihnen anstellen könnte. Die Details ergaben sich nach und nach. Über Videokonferenzen, E-Mails und ein Chatprogramm mussten München und die Krim daher ständig verbunden sein. Entwürfe und Bildausschnitte sausten hin und her, kommuniziert wurde auf Englisch. Bis zum Schluss noch schickten die Betreiber Änderungswünsche.

Beide Seiten erzählen: Das war ein offener Dialog. Ein Planungspurist wie Chapalapalli würde wohl eher urteilen: ein grauenhaft organisiertes Durcheinander. »Unsere Entwickler denken aktiv mit«, drückt es Dimitri Belich höflicher aus. Neben Metter ist er der zweite Geschäftsführer von ameria.

Vielleicht ist das ein Schlüssel. Nicht alle globalisierungswilligen Mittelständler, vom Softwarehaus bis zum Raupenbauer, wollen es so machen wie die Großkonzerne. Manche haben mehr davon, auf ihre eigene Art zu arbeiten: auch mal etwas riskieren oder ausprobieren, im Vorbeigehen auf Innovationen stoßen. Ihr Auslandsengagement gehen sie dann vielfach genauso an. Das kann durchaus klappen, aber dann eher, indem man grenzüberschreitend miteinander redet und zusammenarbeitet und sich auch hin und wieder trifft. Dabei hilft die geografische Nähe.

Wenn die nächste Phase der Globalisierung Erfolg haben soll und dabei den Mittelstand miteinbezieht, muss sie nach dem jetzigen Stand der Beobachtung wohl etwas regionaler ausfallen.

Die Welt ist offenbar nicht so flach wie gedacht.

 
Leser-Kommentare
  1. Zwei Sätze dazu:

    "Übermut tut selten gut"

    und

    "Hochmut kommt vor dem Fall"

    sind zeitlos und passen immer wieder auf die Gesichter gewisser Menschen. Beinahe wie passformgegossen.

    Ich kenne einige Menschen solchen Schlages auch persönlich, wenngleich ich mich diesen aber gerne fern halte. Das Problem: deren Nasenfall kostet Steuergelder.

    • o_O
    • 20.04.2010 um 11:57 Uhr

    ... ohne das sie es selbst merken, und was ich eigentlich viel schlimmer finde, ohne dass es Fakten hinsichtlich Qualität etc gibt. Es reicht offenbar bunte Excel-Charts auf den Tisch zu legen, die exorbitante Renditen irgendwo rechts unten in der Ecke anzeigen, um komplette Produktionsabläufe mal eben so in blaue irgendwo hin zu verlagern.

    Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob es nun Offshoring oder Nearshoring genannt wird. Es ändert nichts an der Tatsache, dass jegliche Qualität ob Zeit, Material, Arbeit oder was auch immer darunter leidet und man zu Gunsten eines gewissen Profits auf sie verzichtet. Man muss es halt den Kunden nur irgendwie verkaufen. Das klappt schon... irgendwie.

    In der IT Branche war es erst anders herum. Zuerst kam das Nearshoring, dann das Offshoring. Im Endeffekt ist es nichts Anderes. Eine Milchmädchen-Rechnung... Nun, kommen diese Beratungs-"Experten" in einigen Branchen wieder und versuchen es mit den östlichen Ländern und dem Balkan. Z.B. Bürodokumente, die nicht mehr von Angestellten in Deutschland erstellt werden, sondern von Angestellten in Bratislava.

    Ich finde irgendwann sollte man sich als Unternehmer einfach mal die Frage nach seinen eigenen Werten und Prinzipien stellen und vielleicht weniger die Prioritäten auf die monetären Aspekte legen.

    Aber das ist für die Meisten wahrscheinlich vollkommen zu viel verlangt. Vermutlich steht es nicht auf ihrer "strategischen Agenda", weil es nicht ausreichend subventioniert wird...

  2. Die Verlagerung von "Arbeit" allgemein, völlig egal, ob nach Bratislava oder irgendwo zwischen Bananen in Südamerika, vernichtet Arbeitsplätze in der BRD.

    Solange es gravierende Unterschiede im Sozialsystem, Arbeitsrecht, Umweltschutz, Sicherheitsauflagen.etc. etc. gibt, kann im Ausland günstiger produziert werden.

    Um Qualitätsstandards einzuhalten braucht man nur einen deutschen Mitarbeiter im Ausland mit einsetzen,- kostet nicht die Welt!

    Hätte der Autor seinen eigenen Artikel nochmals durchgelesen, müsste er selbst feststellen, dass eine Tendenz zum "Outsourcing" durchaus noch vorhanden ist.

    Einzig und allein die Produktionsstandorte ändern sich alleweil:
    Nehmen Sie Taiwan,- als Produktionsstandort ungeeignet!
    Warum? Der Lebensstandard gleicht dem unsrigen! (Ehrlich gesagt, habe ich dort weniger alte Autos gesehen als in der BRD)

    ... ist aber kein Problem! Es gibt ja noch den "restlichen" asiatischen Raum... dann noch Südamerika... und mal abwarten: Vielleicht kommt in ein paar Jahrzehnten Afrika auch mal zum Stich.
    Es bleibt ein feuchter Traum, zu denken, alle Produktion kommt wieder zurück in´s "gelobte Land".

  3. Naja, die recht ideologischen WTO Handelsverträge und ihre inherente Liberalisierung, oft nach Neoliberalen Gepflogenheiten, haben so manche Nation, so manchen Konzern und auch so manches Mittelständischee Unternehmen in die Knie gewzungen. Parallel dazu die Aufhebung jeglicher Schutzmechanismen die sich Nationen, Unternehmen und auch Arbeitnehmer nach etlichen leidigen Erfahrungen aufgebaut haben. Alles wurde Abgerissen weil einige dachten die Märkte besitzen eine in sich ablaufende Intelligenz die jeglicher Regulierung weit überlegen ist. Das war schon immer dummes Geschwätz da man nur weit genug zurückblicken muss um festzustellen... das war es eigentlich nicht. Besser man zwingt jeden Gesellschaftsteilnehmer in ein Korsett von Regeln im Sinne eines Stakeholdervalue (die Investoren, Finazmärkte und Aktienbesitzer sind nur ein Subset von vielen Anspruchshaltern) so das keiner zu Stark und keiner zu Schwach wird und benutzt Umverteilungssysteme um Unregelmässigkeiten in jeglicher Form auszugleichen aber auch um solidarische Projekte zu finanzeiren welche private Entitäten nicht leisten können. Auch da etliche Beispiele das die privaten Schreihälse nur das wenigste besser können als Staatliche Systeme, etwa die Profite auf Kosten von allen anderen zu maximieren aber sich um sonst nichts mehr kümmern. Ein doch absolut primitives Welt- und Gesellschaftsbild das da propagiert wird und der Mehrheit aller Stakeholder nicht's bringt.

  4. Schlimm auch, das die EU Verfassung ähnliches Vorschreibt und ein ebenso primitives Gesellschaftsbild vorfährts treiben will welches den Wettbewerb aber nicht die Demokratie und Soziales als primären Faktor zur Allgeminen Entwicklung ansieht. Das ganze Konstrukt basiert auf allgemein aber auch spezifisch primitven Annahmen was den Mensch, dessen Handlungen und sein soziales Umfeld anbelangt. Was nützt die Globalisierung den Menschen wenn ca. 3/4 aller globalen Handeslvolumina rein interne Warenverschiebungen der transnationalen Konzerne sind? Noch perverser wird das ganze, betrachtet man sich die Kapitalströme die je nach Betrachtunsgzeitraum das ca. 100 Fache des für die Wirtschaftsleistung tatsächlich nötigen um den Globus verschieben was in abartiger Spekulation und der menschenverachtenden vermögenskummulation einiegr weniger endet. Das alles soll Vorteile für wen genau bringen?

    • clubby
    • 20.04.2010 um 12:56 Uhr

    wenn die Mittelständler vorab etwas mehr nachgedacht hätten, und die Investitionen in die Mitarbeiter hier (höhere Löhne) , oder in Form von Steuern in den Staat her gesteckt hätten.

    so haben sie China satt gefüttert und die Löhne hier gedrückt, was die Binnennachfrage dümpeln läßt....

    Dumm gelaufen!

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