»Wir sind beide allein, die Gründe sind wohl verschieden, aber die Folgen sind dieselben«, schreibt Jack Hamesh am 1. November 1946 aus Tel Aviv. Auf dem Umschlag steht als Adressatin: Frl. Ingeborg Bachmann, Wien III, Beatrixgasse 26/ I/ bei Winkler/ Austria. Insgesamt elf Postsendungen von Jack Hamesh aus der Zeit zwischen Ostern 1946 und Sommer 1947, einige davon von der Zensurbehörde geprüft, befinden sich im Nachlass der 1973 in Rom verstorbenen Dichterin Ingeborg Bachmann. Zusammen mit deren Kriegstagebuch sind Hameshs Briefe jetzt erstmals im Suhrkamp Verlag veröffentlicht worden. Es ist dies, nach der Publikation des Briefwechsels Herzzeit zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan vor anderthalb Jahren, wieder eine kleine Sensation, die Literaturgeschichte schreiben wird.

Die beiden unterschiedlichen Textkorpora – ihr Tagebuch von 1944/45, seine Briefe von 1946/47 – in einem Band zusammenzuschnüren ist eine ungewöhnliche, doch kluge Entscheidung. Auch dank des vorzüglichen Kommentars von Herausgeber Hans Höller entsteht ein Zeitbild, dessen Tentakel bis in Bachmanns künftiges Werk hineinreichen.

Als Soldat der British Army kommt Jack Hamesh, ein nach England geflohener Wiener Jude, im Mai 1945 über Italien zurück nach Österreich, genau: ins Kärntner Gailtal, wohin Ingeborg Bachmanns Mutter mit den drei Kindern umgezogen ist, um den Bombardierungen Klagenfurts zu entkommen. Die Familie besitzt in der Nähe des grenznahen Hermagor ein Ferienhaus. Hamesh ist Mitte zwanzig, als er die Abiturientin Ingeborg Bachmann im Büro der Field Security Section in Hermagor kennenlernt.

Aus ihrer Sicht stellt sich die erste Begegnung als peinvoll dar; in ihr »geliebtes Tagebuch« notiert sie: »Es waren zwei Engländer im Büro, einer, der wild aussieht, mit einem Bart, er soll aus Südafrika sein; der andere ist klein und eher hässlich (...). Der Kleine liess mich die Formulare ausfüllen, dann sah er sie an und sagte: ›So, Sie sind eine Maturantin‹. Ich denke, er war erstaunt, weil ja alle andern Mädeln Bauernmädeln sind. Dann sagte er: ›Natürlich BdM‹. Mir war plötzlich ganz übel und ich habe überhaupt kein Wort herausgebracht und nur genickt.«

Scham, nicht persönliche Schuld, treibt der Achtzehnjährigen die Röte ins Gesicht: »Ich hätte ihm ja sagen können, dass ich wahrscheinlich gar nicht mehr auf einer Liste stehe, weil ich mit 14 nicht übernommen worden und auch nicht vereidigt worden bin und dass ich dann nie mehr geholt worden bin oder hingegangen bin. Aber ich weiss nicht, was mit mir los war. Ich habe mir auch gedacht, dass ihm wahrscheinlich alle Leute erzählen, dass sie nie dabeigewesen sind und nur gezwungen worden sind, und ich habe auch sofort gedacht, dass er mir kein Wort glauben würde.«

Darin hat sie sich gründlich getäuscht. Die nächste Begegnung, zufällig auf der Dorfstraße, zeigt: Sie hat ihn beeindruckt. Er sei plötzlich nicht mehr »spöttisch«, sondern »verlegen« gewesen, hält das Tagebuch fest. Und: »Ich weiss auch nicht, was er von mir will.« Doch bald weiß sie es. Am 14. Juni kommt der britische Soldat mit dem Jeep vorbei, sie führt ihn in den elterlichen Garten, und auf der Bank sitzend, sprechen sie über Bücher, es fallen die Namen Thomas Mann, Schnitzler, Stefan Zweig, Hofmannsthal. »Ich war so glücklich«, schwärmt sie, »er kennt alles und er hat mir gesagt, er hätte nie gedacht, dass er ein junges Mädel finden würde in Österreich, das trotz der Nazierziehung das gelesen hat.«

Aber nicht der Austausch von Lektüreerlebnissen dürfte entscheidend sein; entscheidend ist, dass er ihr vertraut. Er erzählt seine Geschichte: wie er 1938 mit einem Kindertransport nach England gebracht worden ist mit anderen jüdischen Kindern (obwohl er bereits 18 war), und dass seine Eltern damals schon tot waren. Was für ein Bild: Die Tochter des Lehrers, ehemaligen NSDAP-Mitglieds und Wehrmachtsoffiziers Matthias Bachmann und ein dem Holocaust entkommener Jude unterhalten sich inniglich. Zum Abschied küsst er ihr, ganz Wiener Charme, die Hand; »und wie er fort war, bin ich auf den Wallischbaum gestiegen, es war schon dunkel, und ich hab geheult und mir gedacht, ich möchte mir nie mehr die Hand waschen.«