Eine Prinzessin webt Nesseln zu Hemden, damit aus ihren zu Schwänen verwunschenen Brüdern wieder Prinzen werden: Dieses Märchen ist Anne Gorkes ungewöhnliche Geschichte. Gemeinsam mit ihrer Partnerin Antje Wolter hat sie vor zwei Jahren in Weimar die Marke Vilde Svaner gegründet – so heißt Hans Christian Andersens Märchen im dänischen Original.

Die »Wilden Schwäne« zeigen, dass die Kleidungsproduktion aus Nesseln im kulturellen Gedächtnis verankert ist. Denn aus Nesseln, die auch hierzulande wachsen, wurden jahrhundertelang tatsächlich Kleider gemacht. Ebenso wurden Hanf und Leinen zu Hosen, Jacken und Hemden verarbeitet. Später verdrängten synthetische Fasern und billige Baumwolle aus dem Ausland den Rohstoff. Doch weil sich Kunden zunehmend für regionale Produkte interessieren, könnten heimische Fasern jetzt einen neuen Aufschwung erleben.

Die Aufregung war groß, als Aktivisten vergangene Woche eine Klage gegen Lidl einreichten. Der Discounter produziere seine Billigkleidung in Fernost keineswegs so sozial korrekt, wie er behaupte, so der Vorwurf. Auch anderen deutschen Billigketten wie KiK wird vorgeworfen, sie bezögen durch Kinderarbeit oder unter ausbeuterischen Bedingungen hergestellte Ware. Offene Manager in Deutschland gaben bereits zu, dass sie die Arbeitsbedingungen ihrer oft asiatischen Zulieferer nicht immer in den Griff bekommen.

Gorke und Wolter sind das kleine Gegenmodell zur globalisierten Textilwirtschaft. In Weimar produzieren die beiden Designerinnen, 27 und 28 Jahre alt, Mode ganz regional. Warum? »Wenn es in der Nähe geht, warum sollten wir dann Fasern von weit weg beziehen?«, fragt Anne Gorke zurück. Wolle bekommen Vilde Svaner von einem Alpaka-Hof bei Dresden, wo sie von Hand gewaschen und eingefärbt wird.

Reißverschlüsse und andere Kurzwaren kommen aus Thüringen. Sogar Stoff aus Nesseln aus dem Wendland verarbeitete die Firma eine Zeit lang, bis es Ärger mit dem Zulieferer des Stoffs gab. Zu ihrer Weimarer Näherin gehen sie zu Fuß. Zudem besteht Gorkes und Wolters Kollektion hauptsächlich aus Bio-Baumwolle. Allerdings ist local cloth , also Kleidung aus der Umgebung, bisher noch ein Nischenprodukt.

Die Textilbranche unterscheidet im Großen und Ganzen drei verschiedene Anbau- und Produktionsvarianten: Fertige Kleidung kommt komplett aus Entwicklungsländern, wo die Fasern angebaut und bis zum fertigen Kleidungsstück verarbeitet werden. Hier gibt der Markenname oder der günstigste Preis den Wert des Kleidungsstücks vor – wie bei Lidl und KiK. Die zweite Variante ist, Fasern aus dem Ausland zu beziehen, diese aber in Deutschland zu verarbeiten. Damit wirbt beispielsweise Trigema. Man würde zwar schon gern auch heimische Fasern verarbeiten, sagt Norbert Betz, der Produktionsleiter von Trigema, »aber die Kunden wollen einfach nicht!« Die dritte Variante ist die seltenste: Nur sehr wenige Unternehmen verwenden auch regionale Fasern.