Mark Twain Überlegungen zur Kunst der Onanie…Seite 2/2

Zweifellos verdient das hohe Ansehen dieser Kunst unseren Respekt, doch zugleich erfordert deren Schädlichkeit unsere Ablehnung. Mister Darwin musste zu seinem Bedauern seine Theorie aufgeben, dass der Affe das Bindeglied zwischen dem Menschen und den niederen Tierarten sei. Dies war, meine ich, voreilig. Neben dem Menschen ist der Affe das einzige Lebewesen, das diese Kunst praktiziert: Daher ist er unser Bruder – ein Band der Sympathie und der Verwandtschaft verbindet uns. Sobald dieses kluge Tier ein geeignetes Publikum gefunden hat, unterbricht es alle anderen Tätigkeiten und wetzt sich einen. Und an seinen Verrenkungen und an seinem ekstatischen Gesichtsausdruck können Sie erkennen, dass er ein intelligentes und menschliches Interesse an seiner Tätigkeit zeigt.

Die Anzeichen für exzessives Schwelgen in diesem zerstörerischen Zeitvertreib sind leicht zu erkennen: die Neigung, zu essen, zu trinken, zu rauchen, gesellig zusammenzukommen, zu lachen, zu scherzen und unanständige Geschichten zu erzählen – und vor allem der Drang, Bilder zu malen. Die Folgen dieser Gewohnheit sind: Verlust des Gedächtnisses, der Männlichkeit, der Fröhlichkeit, der Zuversicht, des Charakters und der Nachkommenschaft.

Von allen Arten sexueller Betätigung ist diese am wenigsten empfehlenswert: Als Vergnügen ist sie zu flüchtig, als Beschäftigung zu ermüdend, als öffentliche Vorführung finanziell nicht lohnend. Sie ist nicht salonfähig, und aus jeder kultivierten Gesellschaft ist sie längst verbannt worden. Sie ist schließlich in unserer fortschrittlichen Zeit auf die gleiche Stufe wie die Flatulenz herabgewürdigt worden. Die Besterzogenen huldigen diesen beiden Künsten jetzt nur noch privat, obwohl in einer gepflegten Männergesellschaft das Embargo auf den fundamentalen Seufzer aufgehoben werden kann, wenn alle zustimmen.

Mein geschätzter Vorredner hat Sie gelehrt, dass alle Arten des »gesellschaftlichen Übels« schlecht sind. Ich möchte Sie darüber aufklären, dass einige dieser Spielarten schlimmer sind als die anderen. Daher rufe ich Ihnen am Schluss zu: Wenn Sie Ihr Leben unbedingt sexuell verplempern müssen, dann machen Sie keinen Alleingang zu viel! Falls Sie in Ihrem Organismus eine aufrührerische Erhebung verspüren, sollten Sie nicht – wie 1871 die Kommunarden die Säule am Place Vendôme – Ihren Ständer selber herunterholen.

Aus dem Englischen von Theo Stemmler

 
Leser-Kommentare
  1. Unübertroffen diese Ironie und so nebenbei zeigt die Rede, von welch revolutionärem Geist Mark Twain beseelt war. Hoch gebildet war er, nicht nur ein Sprachgenie, ein begnadeter Autodidakt. Die Abenteuer seiner Mississippihelden Huck und Tom waren übrigens meine erste und darin mich fürs Leben nachhaltig inspiriert habenden Lektüre, neben Onkel Toms Hütte, witzigerweise. Für den guten Twain stand letzteres für den Rassismus seiner Zeit, den ekelerregendsten, den der braven Bürger von nebenan. Nun, die Kinderfantasie bringt das ins Reine. Aus beiden zog ich meinen Hass gegen den Rassismus, meine Verachtung des Chauvinismus, meine Liebe für die Gedemütigten, und nicht zuletzt meinen Willen und Kinderstolz, wenn es darum ging, mich nicht unterkriegen zu lassen, in meiner kleinen oft prekären Kinderwelt, die durch Mark Twain so gesichert wie groß wurde.

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  • Quelle DIE ZEIT, 15.04.2010 Nr. 16
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  • Schlagworte Kunst | Mark Twain | Literatur | Affe | Paris
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