Martenstein "Die Grillen rackerten sich echt ab für mich. Allein, ich kannte ihr Lied"

Harald Martenstein über den Verlust des Südens

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Sehr geehrte Frau N., danke für Ihren Brief. Sie bringen mich doch glatt dazu, zum zweiten Mal eine Kolumne über einen Bob-Dylan-Song zu schreiben. Übrigens habe ich fast auf den Tag genau vor acht Jahren die erste dieser Kolumnen verfasst. Als ich so alt war, acht Jahre, fuhren meine Eltern zum ersten Mal mit mir ans Mittelmeer, nach Italien. Oder waren es überhaupt nicht meine Eltern? Sie ließen sich scheiden, etwa zu dieser Zeit. Von da an lebte ich abwechselnd bei den Großeltern und meiner Mutter und fuhr zweimal im Jahr mit meinem Vater in den Urlaub. Diese Urlaube fand ich schön, vor allem die ersten Tage. In der zweiten Woche hatte mein Vater meistens eine neue Freundin. Waren meine Eltern noch zusammen, als ich zum ersten Mal in Italien war, oder bin ich nur mit meinem Vater und seinen Freundinnen dort gewesen? An andere Details dieser Reise kann ich mich viel deutlicher erinnern als an die familiäre Konstellation, an das Zirpen der Grillen, den Duft der Bäume, deren Namen ich erst später lernte, an den Geschmack des Essens.

In den folgenden Jahren fuhr ich oft in den Süden. Der Süden, wie soll ich es sagen, nutzte sich ab. Die Grillen zirpten, da bin ich mir sicher, genauso romantisch wie in jenem ersten Sommer. Die Grillen rackerten sich echt ab für mich. Allein, ich kannte ihr Lied. Ich kannte auch den Geschmack des Essens und den Duft der Bäume. Das beeindruckte mich nicht mehr, nicht mehr so sehr. Aus dem staunenden Knaben war ein verdammter, abgefuckter Routinier des Südens geworden, verstehen Sie? The thrill was gone. Das lag weder am Süden noch an mir, er war nicht hässlicher geworden, ich war nicht unsensibler geworden, es ist einfach die verdammte Zeit, die einem alles kaputt macht. Das Gleiche erlebte ich mit einer Freundin, mit der ich nach jahrelanger Pause wieder zusammenkam, mit Sushi, mit Käsefondue, mit den Romanen von Haruki Murakami, mit der Aquaristik, mit Joggen, mit Übernachtungen in teuren Hotels, mit Fleischfondue, sogar mit Bob Dylan.

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Gegen den Verlust des Südens lehnte ich mich auf. Ich bin einfach nicht mehr hingefahren. Ich machte Urlaub auf Bornholm. Ich war auch in den Tropen. Karibik. Kuba. Kokosnüsse. Ein anderer Süden, nicht der Süden, den ich meine.

Nach ein paar Jahren Pause hatte der Süden sich, für mich, wieder ein wenig erholt. Die Grillen waren okay, super Grillen waren das, keine maulfaulen, muckschen Grashüpfer. Ich konnte auch die Bäume wieder riechen, Pinien heißen sie, ich dachte, aha, ja, das ist es, aber das ist es eben nicht ganz, man bekommt es niemals zurück. Und es gibt auch keinen Ersatz, weder für den Süden noch für die erste Liebe, noch für den ersten Erfolg, den man irgendwann im Beruf gehabt hat. Das ist der wahre Schrecken des Älterwerdens, denn krank sein und sterben kann man auch in jungen Jahren.

Sie schreiben, dass Sie diese Kolumne seit vielen Jahren lesen. Ich sei schlechter geworden. Ich gebe Ihnen einen Rat, gute Frau. Hören Sie auf damit. Lesen Sie andere Kolumnen, es gibt weiß Gott genug davon. Machen Sie neue Erfahrungen, lassen Sie sich den Wind um die Nase wehen, und dann, in einem Jahr oder so, kehren Sie zurück. Es wird mit uns beiden vermutlich nicht ganz so schön sein wie beim ersten Mal, aber Sie werden mich, nach all den anderen Lektüren, nach all diesen Grashüpfern, wieder zu schätzen wissen, so, wie mir auch das Zirpen der Grillen wieder ganz gut gefallen hat. Und der Dylan-Song heißt Forever Young.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Schön

    wäre ein Link zur erwähnten ersten Kolumne über einen Bob Dylan-Song.

  2. schön zu lesen.

  3. diese Kolumne gefällt sicherlich auch Frau N.

  4. ...lache auch nach jahren treuer martenstein-anhaengerschaft fast jedesmal herzhaft bei der lektuere.

  5. möchte man dem Autor dieses schönen Textes wünschen... nicht ganz uneigennützig ;-)

  6. und wie Recht Sie wieder einmal haben.

    • Sikumu
    • 16.04.2010 um 11:15 Uhr

    Es ist schon eine Weile her, da hörte ich eine Geschichte über einen Zen Meister. Er saß den ganzen Tag in stiller Meditation. Da er als großer Erleuchteter galt kamen von Zeit zu Zeit Schüler zu ihm, um von ihm zu lernen. Der Zen Meister nahm dann Pfeil und Bogen, die er immer neben sich liegen hatte und zielte direkt auf den Besucher.
    Er soll nie viele Schüler gehabt haben...

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