Die Kunsthalle Emden Hinter dem Rahmen

Der ZEIT-Museumsführer (49): Die Kunsthalle Emden.

Klinker und Wasser - die Kunsthalle Emden präsentiert sich sehr norddeutsch

Klinker und Wasser - die Kunsthalle Emden präsentiert sich sehr norddeutsch

Drei Leben hatte Henri Nannen: erst die Lehrjahre als Kunsthistoriker, als Texter beim Reichssender München sowie bei einer NS-Propagandaabteilung im Weltkrieg; dann seine Karriere als Vollblutjournalist und stern-Chefredakteur. 1983 schließlich brach er, wie er selbst sagte, in sein »drittes Leben« auf: ins Reich der Kunst. Er lieh sich Geld und kaufte Gemälde, mit Vorliebe expressionistische, darunter einen selten schönen Otto Mueller bei Marlborough Fine Art. Doch als er Franz Marcs Bild Blaue Fohlen erworben hatte, begriff er, dass er nicht Händler war, sondern Sammler.

Heckel, Jawlensky und Münter bildeten das Herz einer Kollektion, die er »nicht hinter Schränken, unter Betten, an privaten Wänden« verstecken, sondern öffentlich präsentieren wollte. Der kluge Stratege Nannen entschied sich gegen den Museumsstandort Hamburg. Dort wäre er nur ein Kleiner unter Großen geworden. Stattdessen kehrte er zurück zu seinen Wurzeln und schenkte seiner Vaterstadt Emden ein Schauhaus und als Dreingabe seine Bilder: Im kommenden Jahr wird die Kunsthalle Emden 25. Geburtstag feiern.

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Auch die Adresse war klug gewählt: Hinter dem Rahmen heißt die Emder Straßenzeile, in der die inzwischen durch drei Neubauten vergrößerte Kunsthalle domiziliert. Nahe am Wasser, unweit der Altstadt, in rotem Klinker – sehr norddeutsch. Dazu passen Paula Modersohn-Becker, Schmidt-Rottluff und vor allem Nolde, den Nannen schon als Student sammelte und der zum ersten Schwerpunkt der Sammlung wurde. Er pflegte zu sagen: »Bisher kam Nolde nur bis Oldenburg, jetzt bis Emden!« Nimmt man dazu noch die Nordlichter Christian Rohlfs mit fast 20 Werken und Franz Radziwill, dessen magisch-realistischen Bildern vom Jadebusen ein Kabinett gewidmet ist, man hätte eine klassisch norddeutsche Sammlung.

Serie Museumsführer
Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

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Doch die hat sich – noch zu Lebzeiten des Stifters – deutlich erweitert, natürlich expressionistisch: mit Brücke und Blauem Reiter, aber auch durch ein bedeutendes Konvolut des hierzulande kaum zu entdeckenden Veristen Hanns Ludwig Katz. Blätter von Grosz und Dix, Feininger, Kanoldt und Hofer, Beckmann, Corinth und Kokoschka runden den Bestand zu einer Sammlung deutscher Moderne. 

Auch nordisch-realistische Plastik kam nach und nach hinzu: Lehmbruck und Hoetger, Kolbe und Seitz. Die füllige Maja von Gerhard Marcks empfängt den Besucher heute vorm Haus. Aber auch afrikanische Holzmasken gibt’s, sie flankieren Jawlenskys Passionsgesichter.

Mit der Schenkung des Münchner Sammlers Otto van de Loo, die Henri Nannen noch zu Lebzeiten mit einem seiner legendären Bettelbriefe angestoßen hatte, wuchs die Emder Sammlung noch einmal deutlich: ein Bilderschub von nahezu 200 Werken von 27 Malern. Vor zehn Jahren wurde der Erweiterungsbau dafür eröffnet, außen noch Backstein, aber innen ein White Cube.

Hinter dem Rahmen findet sich nun eine erstaunlich buntfarbige, international vielstimmige Kollektion, mit Hauptwerken der Gruppe CoBrA, der Gruppe SPUR und des Informel. Dazu die Spanier Tapies und Saura, der sandige Schumacher und der nervöse Sonderborg sowie der malende Hamburger Schwerenöter Hans Platschek und der zornige Wolf Vostell. Die van-de-Loo-Stücke passten wie fehlende Puzzlesteine in die Lücken der Sammlung Nannen, zwischen älteren und jüngeren Wilden wie A. R. Penck und K. H. Hödicke, Schultze und Janssen.

Die Stifter-Witwe Eske Nannen, Geschäftsführerin der Kunsthalle, liebt ein Bild ganz besonders: Otto Muellers einst als »entartet« verfemtes Bild Knabe vor Mädchen in paradiesisch-weicher Landschaft, das ihr Mann in London erworben hat. 1999 entpuppte es sich als NS-Raubkunst. Zusammen mit vielen Helfern gelang es ihr, das wertvolle Gemälde von den Erben in Haifa neu zu erwerben. Jetzt hat es einen Ehrenplatz.

 
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