In einer Zeit, in der alle Welt vom sexuellen Missbrauch vor allem in der katholischen Kirche spricht, mag es abwegig erscheinen, wenn einer zum Thema Religion an den Glutkern der Bibel zu erinnern sucht. Ich will es gleichwohl riskieren.

Gott ist Liebe, betonte das erste große Rundschreiben Benedikts XVI. Doch es gibt einen zweiten biblischen Gottesnamen, der auch in der neutestamentlichen Gottesbotschaft Widerhall und Bestätigung findet: Gott ist Gerechtigkeit. "Dies wird sein Name sein… Der Herr unsere Gerechtigkeit" (Jeremias 23,6). Dieser Gottesname mag für die Rede von einem platonischen Ideengott vernachlässigbar erscheinen, unverzichtbar ist er aber für den biblisch bezeugten Geschichtsgott. Er setzt die biblisch fundierte Gottesrede den geschichtlichen Erfahrungen der Menschen aus. Deshalb muss diese Gottesrede eine zeitempfindliche Rede sein, die nicht nur erklärt und belehrt, sondern auch selber lernt. An der Wurzel dieses biblischen Gottesnamens schlummert immer auch eine unabgegoltene Gerechtigkeitsfrage, die Frage nach der Gerechtigkeit für die unschuldig und ungerecht leidenden Opfer unseres geschichtlichen Lebens.

Die literarische Heimat für den Zusammenhang von Gottesfrage und Gerechtigkeitsfrage lässt sich in den biblischen Texten und ihrer Theodizee entdecken, also dort, wo die Passionsgeschichte der Menschen von Anfang an in die Botschaft vom gerechtigkeitsschaffenden Heil der Menschheit eingerückt ist. Die Sprache dieser Traditionen sucht dem Schrei der Menschen ein Gedächtnis zu geben und der Zeit der Welt ihre Zeitlichkeit, das heißt ihre Frist. Der späte Einbruch des Zeitlichkeitsdenkens in die Religionen und Kulturen der Welt durch die biblische Apokalyptik – gestützt von der Sprache der Propheten und von der Leidenssprache der Psalmen – darf inzwischen als religions- und kulturhistorisch anerkannt gelten.

Diese apokalyptischen Texte der Bibel sind nämlich in ihrem Kern keineswegs Dokumente leichtsinniger oder zelotisch angeschärfter Untergangsfantasien, sondern literarische Zeugnisse einer Weltwahrnehmung, die die Antlitze der Opfer "aufdecken" will, Zeugnisse einer Weltsicht, die das "enthüllt", was wirklich "der Fall ist" – gegen die in allen Weltanschauungen immer wieder auftauchende Neigung zur mythischen oder metaphysischen Verschleierung des himmelschreienden Unglücks in der Welt und gegen jene kulturelle Amnesie, die heute auch die vergangenen Leidenden unsichtbar und ihre Schreie unhörbar macht.

Die biblische Apokalyptik "enthüllt" die Spur der Leidenden in der Geschichte der Menschheit. Sie kann dazu anregen, jenes einzige große Narrativ, jene einzige "Großerzählung" zu formulieren, die uns heute – nach der Religions- und Ideologiekritik der Aufklärung, nach Marxismus und nach Nietzsche und nach den postmodernen Fragmentierungen der Geschichte – überhaupt noch geblieben ist: die Lesbarkeit der Welt als Passionsgeschichte der Menschen. "Selig, die Trauernden", sagt Jesus in der Bergpredigt. "Selig, die Vergesslichen", verkündet Nietzsche als Prophet der Postmoderne. Was aber wäre, wenn sich die Menschen eines Tages nur noch mit der Waffe des Vergessens gegen das Unglück und die Leidenden in der Welt wehren könnten? Wenn sie ihr eigenes Glück nur auf das mitleidlose Vergessen der Opfer bauen könnten, also auf eine kulturelle Amnesie, in der eine als fristlos imaginierte Zeit alle Wunden heilen soll? Woraus könnte dann der Aufstand gegen unschuldig und ungerecht Leidende noch seine Kraft ziehen? Was würde dann überhaupt noch zu einer größeren Gerechtigkeit, zum Ringen um eine "gemeinsame Augenhöhe" der Menschen in der Einen Welt inspirieren? Und was wäre, wenn in unserer säkularen Welt die Vision von einer letzten Gerechtigkeit endgültig verlöschen würde?

In den wuchernden Angeboten von "Spiritualitäten" müssten sich gerade Christen an den messianischen Grundzug ihres Christentums und seiner Spiritualität erinnern lassen. Jesu erster Blick ist ein messianischer Blick. Er gilt zunächst nicht der Sünde der anderen, sondern ihrem Leid. Diese messianische Leidempfindlichkeit hat nichts zu tun mit Wehleidigkeit, mit einem unfrohen Leidenskult. Sie hat aber alles zu tun mit einer biblischen Mystik der Gerechtigkeit: Gottesleidenschaft als Mitleidenschaft, als praktische Mystik der Compassion. Ein Christentum, das sich an seiner biblischen Wurzel fasst, bekommt es immer wieder damit zu tun.

Haben sich die Christen von der urbiblischen Gerechtigkeitsfrage vielleicht zu schnell und zu früh verabschiedet? Hat sich das Christentum – im Lauf der Zeit – zu ausschließlich als eine sündenempfindliche und zu wenig als eine leidempfindliche Religion interpretiert? Warum zum Beispiel tut sich die Kirche mit unschuldigen Opfern immer schwerer als mit schuldigen Tätern? Solche Fragen sind nicht rein spekulativ auszuräumen, auch nicht mit rein moralischen Appellen. Aber vielleicht mit einekirchlichen Rechtsverständnis, das unter dem Primat einer rettenden Gerechtigkeit für die unschuldig leidenden Opfer steht.