Das Dröhnen und Rattern ist schon von Weitem zu hören in den Wäldern des Bikin-Tals in Russlands fernem Osten. Auf einer schneebedeckten Lichtung, umgeben von riesigen Kiefern und Eichen, verladen Arbeiter Baumstämme auf einen Lastwagen. Die massigen Stämme erscheinen wie Stäbchen, sobald der gelbe Baggerarm der Verlademaschine sie packt.

Zwischen Stammstapeln und Maschinen steht Jewgenij Lepjoschkin und schießt Fotos. Dem 28-jährigen Forstexperten des World Wide Fund For Nature (WWF) aus Wladiwostok tut sonst jeder Holztransport aus dem Bikin-Tal weh. Aber heute lächelt er bei jedem Foto. »All dies ist schon vor Monaten abgesägt worden. Kommerzielle Abholzungen wird es hier nicht mehr geben.«

Denn neuerdings bestimmen der WWF und die Ureinwohner der Region, was auf 4600 Quadratkilometern der Talfläche geschieht. Im vergangenen Jahr haben sie vom russischen Staat für 49 Jahre eine Nutzungskonzession für den mittleren Teil des Tals erworben. »Der obere Teil des Bikin-Tals ist bereits Schutzgebiet. Wir wollten verhindern, dass dem mittleren Teil das Gleiche widerfährt wie dem unteren Talabschnitt – der ist durch Rodung so gut wie zerstört«, sagt Lepjoschkin. Eine ganze Nacht hat der Koordinator des Schutzprojekts, von Wladiwostok kommend, im Zug verbracht, danach fünf Stunden im Geländewagen, um hierher zu gelangen. 

Das Bikin-Tal ist Teil des über zwei Millionen Quadratkilometer großen Amur-Gebietes, das sich auf russische, chinesische und mongolische Territorien erstreckt. Die Laub- und Nadelwälder der Amur-Region bedecken eine Fläche, die viermal so groß ist wie Spanien . Als Russland 2009 eine Lizenz für das mittlere Bikin-Tal zur Versteigerung ausschrieb, waren die Umweltschützer alarmiert. Die Erfahrung zeigt: Wenn ein Konzern eine Holzeinschlag-Konzession erworben hatte, hielt der sich selten an die Regeln.

»Mit nachhaltiger Forstwirtschaft hat das nichts zu tun«, sagt Lepjoschkin. Lasche Kontrollen und Bestechung trügen dazu bei, dass auch viel mehr Bäume entnommen werden als erlaubt. Bisweilen sogar ohne das Wissen des Konzerns. »Die Arbeiter bessern mit dem wertvollen Holz nach Schichtende ihren Lohn auf«, weiß Lepjoschkin.

Nur ein paar Hundert Meter entfernt von der Lichtung, auf der die Bäume verladen werden, entdeckt er Spuren im Schnee. »Die sind von einem kleinen Tiger und relativ frisch – der war erst in der Nacht hier.« Das Bikin-Tal gilt als Kernlebensraum der Amur-Tiger. Sie sind vom Aussterben bedroht, es gibt laut Schätzungen weniger als 500 Exemplare. Noch seltener sind die Amur-Leoparden, die ebenso wie Bären die Wälder des Tals durchstreifen.

Kein Geld für neue Straßen, das ist der beste Schutz für den Wald

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Auch für das Klima gilt die Amur-Region als bedeutsam. Die borealen Wälder speichern große Mengen Kohlenstoff. »Allein auf unserem Lizenzgebiet gelangen 48 Millionen Tonnen Kohlenstoff nicht in die Luft, solange die Wälder intakt sind«, schätzt Lepjoschkin. Obwohl viele Experten einen nachhaltig bewirtschafteten Wald als besser für die CO2-Bilanz erachten, planen die Naturschützer keine Aufforstung, um den Speicher zu aktivieren. »Wir wollen die Ursprünglichkeit der Region bewahren«, betont Frank Mörschel von WWF Deutschland.

Im Bikin-Tal sind zwar nur russische WWF-Mitarbeiter tätig, aber vor allem der deutsche Zweig steuert das Projekt. Es wird für drei Jahre mit über 2,5 Millionen Euro vom Bundesumweltministerium finanziert – und das hat dem WWF, der seit Jahren in der Amur-Region tätig ist, die Federführung überlassen.

Die russische Politik hatte sich bisher wenig um den Schutz des Bikin-Tals gekümmert. Als sich jedoch herausstellte, dass WWF und Ureinwohner mit deutschem Geld einspringen wollen, überließ man ihnen das Gebiet zum Spottpreis von sieben Cent pro Hektar. Dass mit deutschen Steuermitteln russische Wälder geschützt werden müssen, ist für Wladimir Sliwjak von der russischen Umweltorganisation Eco Defense in Moskau eine bedauerliche Notwendigkeit. »Natur- und Umweltschutz stehen in Russland nicht auf der Prioritätenliste«, sagt er.

Mit dem Geländewagen geht es für Jewgenij Lepjoschkin tiefer in die Taiga . Nächste Station ist das Dorf Krasnij Jar, das fernab von der Zivilisation im Wald liegt. Das Handy findet schon rund 100 Kilometer vor dem Dorf kein Netz mehr. Für alle Fälle liegt ein Satellitentelefon auf dem Rücksitz. Über Waldwege geht es weiter nach Krasnij Jar. Tiefe Schlaglöcher und Äste auf dem Weg schütteln die Passagiere hin und her. Schließlich lichtet sich der Wald, und die Dächer der Ortes tauchen auf.

Im Winter, wenn die Temperaturen unter minus 40 Grad fallen, ähneln die Wege im Dorf Eispisten. Im Sommer kann es bis zu 40 Grad heiß werden. Zecken und Mückenschwärme plagen dann die Bewohner. Ein Abwassersystem gibt es nicht, neben jedem der Holzhäuser steht ein Bretterverschlag als Toilette. Auch fließendes Wasser haben nur wenige der rund 600 Menschen. Viele stammen von den Völkern der Udegen und Nanai ab, die seit Jahrhunderten das Bikin-Tal bewohnen.

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Ein Bus rumpelt einmal pro Woche ins 300 Kilometer entfernte Chabarowsk, die Asphaltstraße endet weit vor Krasnij Jar. In den Neunzigern wurde mit dem Bau der Straße begonnen, die in die Stadt Nachodka ganz im Osten führen sollte. Die Hinweisschilder stehen schon, aber der Bau wurde eingestellt, vor allem weil das Geld ausging. Die Regionalverwaltung will 2014 entscheiden, ob die Straße vollendet wird. »Dann könnten unsere Kinder öfter von der Universität nach Hause kommen, nicht nur einmal im Jahr«, sagt die Biologielehrerin Natalija Kusenkowa.

»Mit der Zivilisation kämen mehr Wilderer und Holzlaster«, warnt der WWF-Mann Iwan Rogow. Der rothaarige, massige Mann ist vor einem Jahr mit seiner Frau nach Krasnij Jar gezogen. Rogow hatte in der russischen Armee gedient, nun dient er der Natur. Ebenso schweigsam, ebenso kompromisslos. »Die Menschen hier gewöhnen sich an Hilfe. Früher haben sie sich auf den Sowjetstaat verlassen, nun erwarten sie Gleiches vom WWF, statt mehr Eigeninitiative zu zeigen.«

Patrouillen sollen Raubbau und Wilderei verhindern

Zu Sowjetzeiten haben die Udegen und Nanai ihre Kultur weitgehend verloren. Kaum jemand spricht mehr als ein paar Wörter der Stammessprachen. Aber sie betonen, dass sie wie ihre Vorfahren sehr naturnah leben: Sie fischen, jagen, sammeln Früchte und Beeren. »Den Amur-Tiger aber jagen wir nicht«, beteuern alle dem Besuch aus Deutschland. Schließlich sei der laut vieler Sagen der heilige Urahn beider Völker.

»Tiger« nennt sich der Klan, dem die meisten Männer von Krasnij Jar angehören. Viele sind Jäger – aus Tradition, aber auch mangels Alternativen. Deshalb sträuben sie sich dagegen, dass ihre Taiga vollkommenes Schutzgebiet wird. »Ja, wir werden jagen, denn wir leben davon – aber in Maßen. Wir werden Bäume fällen, aber nur so viele wie unbedingt nötig, um unsere Häuser zu reparieren«, beteuert Wladimir Schirko, der Vorsitzende der Tiger-Gemeinschaft. Der Halb-Udege braust leicht auf, wenn er sich von Umweltschützern bevormundet fühlt. »Wir schützen das Bikin-Tal meist gemeinsam mit den Ureinwohnern, aber manchmal auch vor ihnen«, sagt der deutsche WWF-Mann Mörschel.

An diesem Nachmittag läuft die Arbeit konfliktfrei. Schirko, Rogow und Lepjoschkin beugen sich über Landkarten, um zu entscheiden, wo sie im Pachtgebiet Kontrollpunkte errichten werden. »Die Polizisten an offiziellen Kontrollpunkten verdienen wenig und sind schnell bereit, für ein paar Rubel illegale Holztransporte durchzuwinken«, sagt Lepjoschkin. Doch ohne Kooperation mit den Behörden können auch die Naturschützer nichts erreichen. Deshalb versuchen sie immer, einen Vertreter der Sicherheitsbehörden in ihre Kontrollen einzubinden. »Sie sind nicht immer froh darüber, aber sie fügen sich meist, weil unser Projekt von ganz oben abgesegnet ist«, meint Lepjoschkin.

Auch mit Patrouillen durch die Wälder will man Raubbau und Wilderei verhindern. Mehrmals pro Woche fahren Männer mit dem Geländewagen hinaus, überprüfen die Genehmigungen von Holztransportern und Holzfällern, schauen in Jagdhütten vorbei und lassen sich Waffenscheine zeigen. Ist kein staatlicher Ranger oder Polizist dabei, können sie nur Personalien aufnehmen und an die Behörden weiterleiten. »Es sind viele Wilderer ohne Waffenschein unterwegs«, sagt Patrouillenchef Alexej Kudrawzew. Sein Gehalt und das von acht weiteren Umwelt-Rangern aus Krasnij Jar werden derzeit aus deutschen Fördertöpfen gezahlt.

Um die Pacht und Gehälter aufbringen zu können, wenn die deutsche Finanzierung Ende 2011 ausläuft, möchten die Pächter Emissionszertifikate für ihre Wälder verkaufen, gemäß den internationalen Spielregeln für Klimaschutzprojekte. Weitere Einnahmen könnten die Nüsse der Korea-Kiefern bringen, die Bewohner sammeln dürfen. Die Nüsse kosten auf dem Weltmarkt etwa 100 Dollar pro Kilo. Sammler erhalten davon zwar nur wenig, aber bei 500 Tonnen bliebe eine hübsche Summe übrig. »Diese Entnahme schadet dem Ökosystem nicht«, beteuert Lepjoschkin.

Macht Putin den Tigerschutz in Wladiwostok zur Chefsache?

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Inzwischen ist es dunkel geworden in Krasnij Jar. Straßenlaternen oder Häuserbeleuchtung gibt es nicht. Wer jetzt hinausgeht, braucht eine Taschenlampe. Das weiß auch Lepjoschkin, der noch die Wissenschaftler Sergej Sokolow und Wladimir Aramilew aufsuchen will.

Der WWF hat die beiden Taiga-Spezialisten vom Institut für nachhaltige Naturnutzung in Wladiwostok in das Schutzprojekt einbezogen. »Die Männer sollen nachhaltiges Jagen lernen und die Tiere der Taiga nicht nur als potenzielle Nahrung sehen«, mahnt Wladimir Aramilew. Jetzt, am Ende der Jagdsaison, wollen sie den Tierbestand im Bikin-Tal schätzen, indem sie systematisch Spuren im Schnee zählen und identifizieren.

Morgen werden die Wissenschaftler mit 20 Männern aus dem Dorf für drei Wochen in die Taiga aufbrechen. Das Untersuchungsgebiet ist riesig. Bei einem ähnlichen Feldeinsatz wurde Sergej Sokolow 2002 von einem Tiger angegriffen. Dennoch zieht es ihn immer wieder in die Amur-Wälder.

Langfristig soll das Bikin-Tal ein Schutzgebiet werden. Lepjoschkin und seine Mitarbeiter hoffen auf den russischen Staat – und die Popularität des Sibirischen Tigers. Im Herbst treffen sich auf Einladung von Wladimir Putin in Wladiwostok Vertreter aus allen Ländern, in denen es Tiger gibt. Falls er dort die Raubkatzen zur Chefsache erklärt, könnte 2010, das chinesische Jahr des Tigers, zum Glücksfall werden – für das Tal und die Bewohner.

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