Mehr als vier Jahrzehnte hatte der Mann gebraucht, bis er seine Wut und die aufgestaute Bitterkeit endlich in Worte fassen konnte. »Liebe Mutter«, schrieb er Mitte März in einer E-Mail, »es ist an der Zeit, den Tatsachen ins Auge zu blicken: Was mir damals geschah – Du wolltest und willst bis heute nichts davon hören. Der ›gute‹ Name der Familie war Dir immer wichtiger als das Wohl Deiner Kinder. Damit muss ich leben. Aber dass Vater schon damals alles wusste und nichts dagegen unternahm – das kann ich ihm nicht verzeihen.«

Der Ankläger der eigenen Eltern war in den siebziger Jahren Schüler der Odenwaldschule und eines der Missbrauchsopfer des früheren Musiklehrers Wolfgang H. Erst jetzt, da die Omertà, die täterschützende Mauer des Schweigens und Verdrängens, eingerissen wird, hat er begonnen, sich mit anderen Opfern und ehemaligen Schulfreunden auszutauschen. Endlich müsse er mit seinen Erinnerungen nicht mehr allein leben, heißt es in einer seiner Botschaften. Doch die Gespräche haben bei ihm und anderen auch noch einen zweiten, den letzten Damm brechen lassen. Die Benennung der Täter, schreibt er, sei wichtig, aber nicht ausreichend: »Ohne die Gefühlskälte und die Gleichgültigkeit unserer Eltern wäre all dies nicht möglich gewesen.«

Das Ringen um die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals an der Odenwaldschule (OSO) geht damit in die nächste, vielleicht die schmerzhafteste Runde.

Wir OSOaner der sechziger und siebziger Jahre, das war eine kunterbunte, aus allen Schichten und aus aller Herren Länder beschickte Kinder- und Jugendlichen-Mischung. Da waren Pastorensöhne und Töchter ebenso wie designierte Erben ganzer Industrie-Imperien; Kinder aus dem Geld- und sonstigen Adel, von Unternehmern, Verlegern, Politikern und Intellektuellen. Und Kinder aus vielen, sehr vielen »normalen« Familien, die einfach nur glaubten, in Oberhambach im Odenwald endlich die Schule gefunden zu haben, die mehr als den reinen Lehrstoff fürs Abitur vermitteln würde.

Es waren, und das zu erinnern ist wichtig für das Verstehen der Genesis des Missbrauchsskandals an der Odenwaldschule, die Jahre der Studenten- und Schüler-Revolten gegen tradierte Lehrinhalte, überholte Erziehungsmethoden und heuchlerische Sexualmoral. Es waren die Jahre des versuchten Großen Sozialen Umbruchs, mit dem viele aus unserer Elterngeneration zwar liebäugelten, dessen praktische Umsetzung in der eigenen Familie sie jedoch völlig überforderte.