Rotterdam Auf Spritztour

Sehen und gesehen werden: Eine neue Stadtführung zeigt Rotterdam vom Land und vom Wasser aus – in einem Bus, der schwimmen kann.

Dieser Bus fährt zu Lande und zu Wasser durch Rotterdam

Dieser Bus fährt zu Lande und zu Wasser durch Rotterdam

Pitsch. Pitsch. Pitsch. Wasser tropft von der Stoßstange, eine Pfütze bildet sich auf dem Asphalt. Wohl ist der Himmel wolkenverhangen über Rotterdam, aber geregnet hat es nicht. Der quietscheentchengelbe Bus mit der nassen Stoßstange, der im Leuvehaven parkt, unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von jenen Gefährten, mit denen Touristen in der ganzen Welt durch die Städte gekarrt werden. Gut, mit seiner leicht ovalen Schnauze und der riesigen Frontscheibe sieht er etwas schnittiger aus. Und von hinten betrachtet, fallen die verschlungenen Rohre und Leitungen auf, die von einem großen Gitter geschützt werden. Auch ist da das Wasser, das noch immer vom Bus auf die Straße tropft. Pitsch. Pitsch.

Wie ungewöhnlich dieser Bus aber wirklich ist, wird deutlich, als sich die Türen öffnen. Die Crew muss eine Gangway herunterlassen. Der Einstieg liegt gut einen Meter über dem Boden. Die Fahrgäste verlassen den Bus – Rotterdams ersten Amphibienbus. Viele Testfahrten musste er hinter sich bringen, ehe die Behörden die Genehmigung für freie Fahrt auf Fluss und Straße erteilten.

Anzeige

Man muss wohl nah am Wasser wohnen, um auf diese Idee zu kommen: eine Kreuzung aus Bus und Boot. Erdacht hat sie eine Firma in Nijmegen. Ihr erster Kunde war eine schottische Fährgesellschaft, vor etwa zwei Wochen gab es die niederländische Premiere der »Splash Tour«, die Stadt- und Hafenrundfahrt in einem ist. Rotterdam wird von der Nieuwe Maas, einem Hauptarm des Rheindeltas, geteilt. Die Stadt der dicken Pötte ist Europas größter Seehafen. Da liegt es nah, ein bisschen durch die Straßen zu kurven und dann in den Fluss zu platschen.

Der Fahrer gibt Vollgas, die Scheibenwischer leisten Schwerstarbeit

Auch unsere Spritztour fängt auf festem Boden an, direkt neben dem Maritime Museum am Leuvehaven. Aus etwa 40 Fahrgästen besteht die Gruppe. Wir nehmen auf typisch wild gemusterten Bussitzen Platz, wo Royalblau mit beigefarbenen Tupfen und braunen Spiralen zusammentrifft. Neben den Fenstern hängen wie in jedem Bus die roten Notfallhämmerchen. Nur der Rettungsring hinter dem Fahrer und die Schwimmwesten unter den Sitzen, alles in Signalorange, passen nicht so recht ins Bild.

Ganz vorn sitzt Marc, braun gelockt und gut gelaunt, mit einem Stapel Unterlagen auf den Knien und einem Mikrofon in der Hand. Er wird uns in den nächsten 75 Minuten seine Stadt erklären. Vor den Busfenstern zieht das Zentrum vorbei. Viel Beton, Hochhäuser, Funktionsbauten. Wenige historische Gebäude, die daran erinnern, dass Rotterdam schon im Mittelalter eine bedeutende Handelsstadt war. Marc erzählt von den deutschen Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg, als Geschäfts- und Arbeiterviertel, Kontore und Hafenanlagen zerstört wurden. Aus dem urbanen Grau taucht hier und da aber auch Spektakuläres auf. Das Witte Huis des Architekten Willem Molenbroek, Europas erster Wolkenkratzer von 1898, hat die Bombardierung überstanden. Zwischen gläsernen Banktürmen erinnert ein grünes Hochhaus von fern an die Natur, für die in Rotterdam kaum Platz ist. Kühn schwingt sich die Willemsbrug über die Maas, die 318 Meter lange Schrägseilbrücke. Nun überquert der Bus die elegante, strahlend weiße Erasmus-Brücke und biegt zum alten Hafenbecken ab. Durch die schmalen Straßen eines Wohngebiets nähern wir uns der Nieuwe Maas.

Langsam rollt der Bus auf einen rot geklinkerten Weg, der am Ende sanft abfällt und direkt in den Fluss führt. Die Tür öffnet sich mit einem durchdringenden Alarmton. Jemand von der Crew steigt aus, um Absperrpoller von der Fahrbahn zu entfernen. Es ist ein bisschen wie früher im Freibad: die Angst des Springers am Rande des Fünfmeterbretts. Spannung macht sich in der Gruppe breit. Werden sich Schwimmkissen unter dem Bus aufblasen? Fahren Flossen aus der Seite? Oder werden die Räder eingezogen? Stimmengewirr, unruhiges Gelächter. Die Leute bringen ihre Kameras in Stellung.

Der Fahrer, der sich jetzt in einen Kapitän verwandelt, gibt aber einfach nur Vollgas, und der Bus brettert mit Schmackes in den Fluss. Das Wasser klatscht an die Frontscheibe, die Scheibenwischer leisten für einen Moment Schwerstarbeit. Selten war Spritzwasser ein so beliebtes Fotomotiv wie in diesem Augenblick. »So einen hohen Splash hatten wir heute noch nicht«, ruft Marc ins Mikro, er sieht zufrieden aus. Kurz darauf erklärt er uns, warum es keinen Grund zur Sorge gibt. Schwimmkörper halten das Amphibienfahrzeug über Wasser, seine Unterseite ist mit sechs Millimeter dickem Aluminium abgedichtet.

Leser-Kommentare
  1. in London gibt es so etwas schon lange und soweit ich weiß auch in einigen anderen Städten

    Hier zum anschauen: http://www.londonducktour...

  2. Naja, die üblichen Gefährte sind Boote, die Reifen haben, jetzt haben wir es mit einem Bus zu tun, der Schwimmen kann.
    Ganz witzig - so finde ich.

  3. "in London gibt es so etwas schon lange und soweit ich weiß auch in einigen anderen Städten"

    In Boston und Toronto zum Beispiel! Eigentlich eine schöne, etwas ausgefallene Art der Stadtrundfahrt, die neben dem "und rechts sehen Sie...." noch ein bisschen Action bietet. Kinder sind davon in der Regel begeistert, ein Auto das ins Wasser fährt!

    Insofern stimme ich zu: nett, aber nicht wirklich neu!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle DIE ZEIT, 15.04.2010 Nr. 16
  • Kommentare 3
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Rotterdam | Reise | Bus | New York | Manhattan | Europa
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service