Kabarett Neuer Hof, alter Narr
Der Kabarettist Wolfgang Schaller, Intendant der Dresdner »Herkuleskeule«, wird 70, sein Kollege Werner Schneyder gratuliert
Es ist eine liebe feuilletonistische Gewohnheit der Intelligenzblätter, in zyklischen Abständen das Kabarett totzusagen. Das diese Totsagungen nun schon über ein Jahrhundert unerfüllt bleiben, stört die Autoren scheinbar wenig. Besonders gern wurden in den letzten zwanzig Jahren jene Kabarett-Theater kritisiert und verhöhnt, die nach dem Offenbarungseid der DDR auf deren vormaligem Terrain weiterexistierten. Man attestierte ihnen die Unfähigkeit, sich in den Koordinaten des neuen Systems zu artikulieren.
Nun gab und gibt es diese Unfähigkeit. Sie ist verschuldet durch die Soziologie des Kabaretts der DDR. Denn dieser Staat verordnete, über alle Bezirke hin, unkreative Komödiantentruppen, die jahrelang von der Zensur für erzieherisch gehaltene »Programme« nachzuspielen hatten. Es gab aber auch herausragende Kabarett-Schreiber, die nach der Wende und bis heute kein Problem damit haben, offen und ehrlich zu sagen, was war und was ist. Die Autoren mussten allerdings etwas zu erdulden lernen: die Erkenntnis der schon erwähnten Feuilletons, wonach Satire in Diktaturen zu feinsten Doppeldeutigkeiten, abgefeimten Nuancen und Ähnlichem gezwungen, so also den direkten Verbalattacken in freiheitlicher Gesellschaftsordnung qualitativ weit überlegen ist. Ähnliches wird ja auch dem Berliner Kabarett der beginnenden Nazizeit nachgerühmt. Was die kritischen Kenner immer wieder veranlasst, im Interesse der Brillanz des Kabaretts eine gewisse Sehnsucht nach Diktaturen zu formulieren. Dass dieser Aspekt nie zu Ende gedacht wird, dürfte mit Zeitdruck zu tun haben.
Wolfgang Schaller, nun 70 Jahre alt, seit 40 Jahren erst Autor, dann auch Direktor des Dresdner Kabaretts Die Herkuleskeule, sehnt sich nach keiner Diktatur zurück. Allenfalls nach einer Zeit, in der er sie noch für überwindbar gehalten hatte. Schaller kam von der Literaturwissenschaft zum Kabarett. Er war im Sozialismus zum Sozialismus erzogen worden. »Ich habe mich leichtfertig bei der Geburt für dieses Land entschieden«, notierte er. (Ihr Gefühl trügt nicht: Das ist Ironie.) Und er glaubte. Nun zwingen aber Gene und Intelligenz den Gläubigen, seinen Glauben vor der Glaubwürdigkeit schadenden Fehlentwicklungen zu schützen. So wurde Schaller zum kritischen Marxisten, mit der Ambition, die Vision einer sozialistischen Gesellschaftsordnung vor der Sabotage durch deren Verwalter zu bewahren. Eine Haltung dieser Art führt auch in der Diktatur zur Satire. Deren körperliche und komödiantische Erscheinungsform trägt den gänzlich ungeschützten Namen »Kabarett«.
- »Die Herkuleskeule« und Wolfgang Schaller
1961 bekam auch Dresden sein Kabarett, die Herkuleskeule. Berlin hatte die Distel (1953) und Leipzig seine Pfeffermühle (1954). Das Dresdner Kabarett wurde erst einmal im Keller der Kreuzkirchen-Ruine am Altmarkt untergebracht. 1965 zog es an den Sternplatz und blieb dort. Vier Jahre später schritt die Staatsmacht ein und verbot das ganze Programm mit dem Titel Wo leben wir denn. Der Direktor der ersten Stunde, Manfred Schubert, wurde in die Parteischule geschickt. Er holte den 30-jährigen Wolfgang Schaller als Dramaturg und Autor in die Herkuleskeule. Schaller arbeitete damals als Lehrer in Görlitz und leitete ein Jugendkabarett. 1987, er war seit einem Jahr künstlerischer Leiter, traten erstmals zwei deutsche Kabaretts gemeinsam auf: Im Münchner Residenztheater trafen sich Herkuleskeule und Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Am 20. April, seinem Geburtstag, ist Premiere des neuen Programms Morgen war‘s schöner im Kleinen Haus des Staatsschauspiels.
Der dieses Gewerbe ausübende Mensch steht nun in einem Staat, wie die DDR einer war, vor einer schwierigen Aufgabe. Er will seine Existenz retten, also weder im Gefängnis noch im hintersten Archiv einer Provinzbibliothek landen. Also muss er – Kabarettist mit staatlicher Erlaubnis und Ermunterung – Programme schreiben und produzieren, die ihm der Zensur gegenüber eine ganz bestimmte Argumentation ermöglichen. Nämlich glaubhaft erklären zu können, die satirische Kritik will nicht behaupten, glossierte Missstände seien systemimmanent, sie leisten nur einen Beitrag, dem System zu dessen erfüllender Karriere zu verhelfen.
Dafür braucht man nun dumme oder – in glücklichen Ausnahmefällen – unbewusst konspirative Zensoren. Dennoch bleibt der Seiltanz ständiges Wagnis. Und das Selbstgespräch über Kompromisse, Sprachlähmung aus Angst, muss sicher quälend gewesen sein. Wenn also westliche Journalisten die satirische Literatur einer Diktatur gültig beurteilen wollten, kämen sie um die Benützung von Fantasie nicht herum. Was freilich viel verlangt ist. (Ihr Gefühl trügt abermals nicht.) Das Werk des Wolfgang Schaller leitet ab, wie der Glaube an ein System erst dem Verdacht und dann, nach und nach, der realen Gewissheit weicht, so könne das nichts werden.
1980 schrieb er: »Lass uns Gedanken schlachten / und auf die Linie achten, / egal, wohin sie führt. / Wir legen all die roten / Ideale zu den Toten, / schön säuberlich broschürt.« Drei Jahre darauf sagte im Sketch ein Vater zum Sohn: »Der Sozialismus siegt! Junge, du bist ja so links, dass du nicht nur die ganze westliche Verwandtschaft vergraulst, sondern auch unsere Genossen.« Und er ließ die »Stimmungsliedermacher« singen: »Wir haben ja nie mitgedacht. / Wir haben ja nur mitgemacht. / Und schuldig sind wir nie.«
Als die Menschen in der DDR endgültig nicht mehr gewillt waren, an diesen Staat zu glauben, als sich Wolfgang Schaller um eine Utopie, besser: um Evolution in Richtung einer Utopie betrogen sah, war er emanzipiert wie wenige. Er rief den uneinsichtigen Ex-Machthabern genauso Böses nach wie den Wendehälsen zu. Er verspottete Erinnerungslücken der Ostalgiker und verwahrte sich gegen nachgelieferte, undifferenzierte Verhöhnung.
- Datum 15.04.2010 - 10:06 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 15.04.2010 Nr. 16
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren