"Das wird man doch wohl mal sagen dürfen" ist das Aufbäumen der gepeinigten Seele; der Vater des Spruchs ist das Ressentiment, die Mutter die Angst. So denkt ES in mir, aber ich darf nicht. Was wir heute PC (Political Correctness) nennen, hieß früher "Tabu" – und Tabus sind so alt wie die Menschheit. Das Zweite Gebot war das allererste Sprachverbot: "Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen." Seitdem spricht kein frommer Jude das Wort "Gott" aus, sondern benutzt, sehr vorsichtig, etwa Haschem, "der Name".

Eine Gesellschaft ohne Tabus lässt sich nicht denken. Deshalb der Denkfehler des modernen, des aufgeklärten Menschen, der wähnt, frei von Fehlglauben und Selbstzensur zu sein. In Wahrheit ist auch er umstellt von Sprach- und Denktabus. Nur der Inhalt ändert sich.

Blicken wir hundert Jahre zurück. Nicht nur unkorrekt, sondern strafbar war die Majestätsbeleidigung, der Heinrich Mann mit dem Untertan ein ganzes Buch widmete. "Vaterlandsloser Geselle" war die probate Waffe gegen Internationalisten, "Nestbeschmutzer" und "Zersetzer", gegen Kritiker der Macht. "Konterrevolutionär" war im realen Kommunismus das Denkverbot schlechthin, manchmal das Todesurteil. Die Nazis waren Meister des Euphemismus – siehe "Sonderbehandlung" für "Völkermord".

George Orwell hat schon vor sechzig Jahren alles zum Thema PC in 1984 gesagt. Neusprech "wurde entwickelt, um die Vielfalt der Gedanken zu verringern". Gutdenk war "orthodoxes Denken", also richtiges im Sinne der Deutungshoheit-Besitzer. Was ist dann neu? Es ist der Pakt von Postmoderne und schlechtem Gewissen.

Postmodern (PM), ganz grob, ist die Verneinung objektiver Wahrheiten und die Verweigerung von Werturteilen, karikiert: "Mein Manga ist so gut wie dein Mondrian, deine Fuge nicht besser als mein Folksong." Das schlechte Gewissen, im Westen sehr viel stärker ausgeprägt als im Rest der Welt, macht sich an Sklaverei, Kolonialismus, Rassismus und Völkermord fest. Daraus folgt die richtige Parole: "Nie wieder!" Auch nie wieder Einteilung der Welt in Höher- und Minderwertige. Das gemeinsame Dach von PM und PC ist der Multikulturalismus, sozusagen ein globales Gleichstellungsgebot. Doch geht die Sache inzwischen viel weiter. Ein Kind des Gleichstellungsgebots ist das Verbot kollektiver Zuschreibungen, ein jüngeres die Gewährung oder Reklamierung eines Opferstatus für immer mehr Gruppen und Grüppchen.

Verwerflich sei es, einem Kollektiv Übles oder Minderwert nachzusagen, war das doch der Vorlauf von Diskriminierung und Verfolgung, Fremdherrschaft und Vernichtung. Solche Zuschreibungen führten vor gar nicht so langer Zeit in die Sklaverei, in den Gulag, ins KZ. Die Tabuisierung solcher Gruppen-Zuweisungen ist ein gewaltiger moralischer Fortschritt nach 1945; dagegen gibt es keine Argumente außer eben dem gequälten Aufschrei: "Das wird man doch wohl mal sagen dürfen…"

Wie uns aber Freud lehrte, haben Tabus die Tendenz, sich unaufhörlich auszuweiten. Ein beliebtes Sprachverbot transportiert das Wörtchen "Generalverdacht". Wer ihn pflegt, macht aus Zigeunern (neu: Sinti und Roma) "lichtscheues Gesindel", aus Türken "Schulabbrecher" und "Ehrenmörder", aus Muslimen "Terroristen", aus Frauen "Zicken", aus Arbeitslosen "Sozialschmarotzer", aus Homosexuellen "Aids-Mutterschiffe". Natürlich ist menschliches Denken ohne Kategorisierung unmöglich. Also muss "gerechte Sprache" her. Also verbietet das korrekte Denken alles Abwertende, außer bei rechten Scheusalen wie Bankern, Jägern, Machos und Kapitalisten.