Wahrscheinlich ist der zwölfte Stock der Deutschen Bundesbank kein ganz schlechter Ort, um zu vermessen, wie es in diesem Land um das Meinungsklima bestellt ist. Zum einen bietet die verglaste Fensterfront einen weiten Blick über Frankfurt und das Umland, sodass sich in einem so verwirrenden Terrain wie der Debattenlandschaft ein erstes beruhigendes Gefühl des Überblicks einstellt. Vor allem aber hat in dieser Etage ein Mann sein Büro, der wie kaum ein Zweiter in Deutschland den Cowboy eines Diskurses mimt, der sich um nichts schert: Thilo Sarrazin , der Mann mit dem Pullover.

Wem die Erhöhung der Gaspreise zu teuer sei, der könne ja einen Pullover überziehen. Es war nur einer von Sarrazins Sprüchen als Finanzsenator von Berlin , eines Sozialdemokraten, der unter Bürgermeister Klaus Wowereit das Haushaltsdefizit der Stadt senkte, aber den Puls vieler Leute nach oben trieb. Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin hat gute Laune, der 65-Jährige spricht über andere Provokateure. » Alice Schwarzer kann sich ja mit Bischof Mixa auf ein Podium setzen, die beiden würden sich sicher schnell über vieles einig werden.« Mixa und Schwarzer? »Sie will keine Sexmaschinen, er will keine Gebärmaschinen, beide wollen die beseelte Frau.« Pointe, Applaus, Ende der Vorstellung. Darf man derlei in Deutschland sagen?

Ständig vermischt Thilo Sarrazin – mal fatal, mal vergnüglich – allgemeine Gesellschaftsanalyse, konzentrierte Politik, Borderline-Rassismus und wilde Polemik. Thilo Sarrazin gilt als der Django des Tabubruchs.

Was heißt hier Tabu?

Sprechverbote in einem freien Land – undenkbar? Dies ist die bequemste Form, sich der Frage zu entziehen: Was darf man in Deutschland NICHT sagen? Dass es Sprechverbote geben könnte in der Bundesrepublik, das hat das politische Lager rechts der Mitte bis in die achtziger Jahre immer als Angriff auf die Demokratie denunziert. Umgekehrt bezog die Linke ihren Schwung daraus, gegen tatsächliche und eingebildete Sprechverbote anzugehen: die beschwiegenen Nazisünden der Väter ebenso wie die erfundenen Morde an den RAF-Häftlingen im Gefängnis von Stammheim. Inzwischen haben sich die Rollen verkehrt: Die linken Rebellen von einst haben ihren Frieden mit dem Land gemacht, die Rede von Tabus gilt ihnen als Guerillaangriff neoliberaler Irrlichter.

Eine Stunde und 32 Minuten dauert das Gespräch mit dem Bankvorstand über das Meinungsklima hierzulande. Dann ist der Thilo-Sarrazin-Moment erreicht. Seine Hand knetet seine Lippen, der Ärmel des dunklen Jacketts rutscht zurück, die Hemdmanschette gibt den Blick frei auf seine Armbanduhr. Sie zeigt 15.40 Uhr. Und Thilo Sarrazin tut es wieder. Sagt Sätze, für die er berüchtigt ist. Spricht von einer Volksgruppe, ihrer Arbeitsleistung, ihrer Kinderzahl. Welche? Das möchte er, als es später zur Autorisierung der Zitate kommt, doch nicht gedruckt sehen. »Das wird missverstanden werden.« Damit hat der Mann Erfahrung. In einem Interview mit der Zeitschrift Lettre hatte er vergangenes Jahr über »Kopftuchmädchen« räsoniert und die fehlende Integrationsbereitschaft junger Türken und Araber angeprangert. Warum der Drang zur Wiederholung?

»Ach, wissen Sie, Martin Luther hat als junger Mönch sein Lettre- Interview an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg genagelt.« Martin Luther und die Reformation: Ein großer Mann, ein großer Kampf – und vielleicht ist das schon die erste Erkenntnis, die für viele gilt, die sich als Tabubrecher im Land erleben. Ob Alice Schwarzer, Thilo Sarrazin oder Guido Westerwelle , wer sich an die Meinungsfront wirft mit dem Vorwurf, die anderen würden verschweigen, was Sache ist, der tut das, weil er für mehr kämpft als nur den eigenen Ruhm. Er wähnt Millionen hinter sich – oder aber gegen sich.

Thilo Sarrazins Millionen stecken in drei Büroablagen, ordentlich beschriftet »Ordner 1«, »Ordner 2«, »Ordner 3«. Seine Sekretärin verwahrt sie im Vorzimmer, der Bankvorstand führt den Besucher hin. »Ich glaube nicht, dass bei der Bundesbank zu einem Thema je 860 Briefe von Bürgern eingegangen sind«, sagt er, kritisch »waren 16, glaube ich«. Die öffentliche Meinung, das sagen Tabubrecher wie Sarrazin immer gern, unterscheide sich von der veröffentlichten Meinung. Die Presse neige zum Tabu-Reflex, die ZEIT inklusive. »Es gibt auch bei Ihnen – entschuldigen Sie – einige liberale Scheißer«, worunter Sarrazin Leute versteht, »die gut im Speck stehen und von der Warte moralischer Überlegenheit heraus die Welt beurteilen«.