Ungarn und Europa"Wendet euch nicht ab!"

Rechtsruck in Ungarn: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Péter Nádas von 

Marsch der rechtsradikalen Partei Jobbik

Unterstützer der rechtsradikalen Partei Jobbik marschieren in Budapest. Bei den Parlamentswahlen bekam sie 16 Prozent   |  ©Laszlo Balogh/Reuters

Die ZEIT: Herr Nádas, bei den Wahlen in Ungarn hat die Rechte triumphiert – ein historischer Einschnitt?

Péter Nádas: Die absolute Mehrheit für die Rechtspopulisten von Fidesz war erwartbar, doch die Rechtsextremen der Partei Jobbik haben immerhin etwas schlechter abgeschnitten, als man fürchten musste. Viktor Orbán, der Fidesz-Chef, hat aber recht, wenn er angesichts seiner absoluten Mehrheit von einer "großen Wende" spricht – nur in einem anderen Sinn, als er meint. Was wir jetzt sehen, hat sich seit 15 Jahren angebahnt. Es ist der Keim eines autoritären Systems.

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ZEIT: Jeder sechste ungarische Wähler hat für Jobbik gestimmt, eine antisemitische und xenophobe Partei.

Nádas: Ja, doch gut die Hälfte davon halte ich für verunsicherte Wechselwähler, die jedem Populisten – links wie rechts – nachlaufen. Das Problem unserer politischen Öffentlichkeit: Es gibt keine stabilisierende Mittelschicht. Der Wunsch nach Stabilität führt in unserem System zum Griff nach der starken Hand. Das begünstigt den, der am meisten verspricht.

ZEIT: Tragen die abgewählten Sozialisten, die immerhin die Hälfte ihrer Wähler verloren, an dieser Entwicklung eine Mitschuld?

Nádas: Was die Sozialisten gemacht haben, ist katastrophal. Acht Jahre haben sie das Land mit einem Zickzackkurs regiert. Alle ihre Reformversuche sind gescheitert, der Haushalt war so schlecht geführt, dass Ungarn von der Weltwirtschaftskrise schlimm erwischt wurde. Aber eigentlich sind sie gar keine sozialistische Partei. Sie haben die Werte der Linken nicht mehr hochgehalten. Hinter der Maske sozialistischer Parolen steckte auch bei ihnen ein autoritäres Muster. Man hatte es vom Kádár-Regime geerbt: ein fürsorglicher Staat, der keine Gegensätze duldet. Und wiederum dahinter verbarg sich eine ungeheure Korruption, deren sich die Sozialisten an der Macht schuldig gemacht haben.

ZEIT: Waren nicht alle Parteien darin verwickelt?

Nádas: Der politische Wettbewerb ist zum Ringen um den Staat als Beute verkommen. Und die Sozialisten haben den Staat eben geplündert, als sie dran waren. Aber die Europäer sollten darauf nicht mit dem Finger zeigen. Denn mit dem EU-Beitritt 2004 wurde alles noch schlimmer, denn nun ging es um die begehrten EU-Gelder. Der parteipolitische Kampf wurde eine bloße Fassade für den Kampf um die Finanzen. Ohne eine nationale Bourgeoisie können die Transformationsgesellschaften Osteuropas sich nicht stabilisieren. Und hier liegt die wahre "große Wende", vor der wir jetzt stehen: Der Versuch Ungarns, zu den modernen Staaten in Europa aufzuschließen, ist im ersten Anlauf gescheitert.

Leserkommentare
    • ananam
    • 15. April 2010 20:21 Uhr

    ein interview, das einen ins nachdenken bringt! besten dank!!!!

  1. Péter Nádas sieht Frankreich und Deutschland in der Mitverantwortung für den Erfolg der extremen Rechten in Ungarn. In diesem Irrtum zeigt sich leider auch beim klügsten ungarischen Autoren der typische Hang zu nationalem Selbstmitleid. Sein Zentrum ist der Verlust riesiger Gebiete durch den Vertrag von Trianon 1920, den auch heute fast alle Ungarn lebhaft betrauern. Die im 1. Weltkrieg explodierten nationalen Konflikte in Österreich-Ungarn (sic!) blendet man gern aus. Sticker und T-Shirt-Drucke des verlorenen Groß-Ungarn gehören heute zum alltäglichen Stadtbild. Revisionistische Anklänge augenzwinkernd als liebenswert übertriebenen Patriotismus zu goutieren, gehört zum guten Ton. Die Saat, die jetzt aufgeht, hätte man auch mit noch mehr EU-Milliarden nicht ersticken können. Auch in Ungarn determiniert das Denken die so genannte Wirklichkeit: Unter wechselnden korrupten Politikern, in immer noch schockierend autoritären Sozialbezügen kann kein Vertrauen wachsen: in den ungarischen Geschäftspartner, den Roma-Nachbarn oder gar den Finanzbeamten. Die gespaltene Gesellschaft bringt keine Kleinbetriebe, keinen Mittelstand hervor, weil man einander nicht traut. Die Vetternwirtschaft, im Gulaschkommunismus ein zahnloser Tiger, ist brutal geworden und erstickt, was heute wachsen möchte, im Keim. Schuld sollen andere sein: wie immer. Es gehört Mut dazu, die Grundlage einer modernen Gesellschaft zu legen: Man müsste das Allerheiligste, die ungarische Nation, kritisieren. Bocs-Pardon!

  2. Nadas hat Recht:
    Es gibt keine stabilisierende Mittelschicht.
    Die Verwaltung ist immer noch absurd aufgebläht. Ein Drittel der Bevölkerung lebt vom Staat.
    Man hat sich nicht interessiert für den armen und langweiligen Osten.

    Etwas wesentliches vergessen:
    Für "bessere" Journalisten, Literaten, auch in Ungarn
    war LINKS immer besser, egal was sie gemacht haben.
    "Nach der berüchtigten "Lügenrede" des früheren sozialistischen Premiers Ferenc Gyurcsány,
    ....ungeheure Korruption, deren sich die Sozialisten an der Macht schuldig gemacht haben.

    Die letzten 8 Jahre haben die "bessere" Journalisten, Literaten, trotz Lügen und Korruption die sogenannten Sozialisten gestützt.

    Haben Herr Nadas und seine ungarische, berliner Freunde
    die "besseren" Literaten, ungarische und deutsche (linke) Journalisten eine Idee für
    die letzten 8 Jahre etwas Selbstkritik und Hilfe für die Zukunft?

    Für die 8 Jahre KORRUPTION OHNE KRITIK sind die "besseren"
    ungarischen und deutschen (auf die linke Auge Blinde) Journalisten verantwortlich.

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