"Alles klar, hahaha, ich werde draufhalten", funkte ein US-Soldat im Juli 2007, als er auf einer staubigen Straße in Bagdad über ein Dutzend Zivilisten aus der Luft erschoss. Unter den Opfern: Namir Noor Eldeen und Said Chmagh, Pressefotografen der Nachrichtenagentur Reuters. Die Piloten hatten die beiden großen Canons mit ihren langen Objektiven als Waffe identifiziert, kurz Rücksprache gehalten und gefeuert. Was die GIs durch die Zielkamera des Kampfhubschraubers sehen, was sie sagen – es wird zugleich als Video aufgezeichnet. Reuters hatte das Band im Rahmen seiner Aufklärungsbemühungen immer gefordert. Doch das US-Militär verschleppte die Herausgabe und beharrte darauf, die Journalisten seien als Kollateralschaden im Kampf gegen feindliche Kräfte gestorben. Diese Version ist nun nicht länger zu halten. Jeder kann sich das Video im Internet ansehen: Auf einer Seite namens wikileaks.org.

Seit 2006 gibt es das Projekt der Non-Profit-Organisation The Sunshine Press. Wikileaks gehört nicht zu Wikipedia, doch die Namensähnlichkeit soll auf eine vergleichbare weltverbessernde Grundidee deuten. Denn die Seite funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Menschen, die so brisante Informationen besitzen, dass sie Unrecht und politische Skandale aufdecken, können sie unerkannt im Internet hochladen.

Die Idee ist nicht neu. Der Chaos Computer Club betreibt seit Jahren eine deutsche Website für »Befreite Dokumente«. Doch Wikileaks’ Server verteilen sich über die ganze Welt, und der Name ist spätestens seit dem neuen Irak-Video in aller Munde. Dabei ist es beileibe nicht das erste erschütternde Material, das so an die Öffentlichkeit gelangte: Das Spektrum der über 1,2 Millionen geheimen Datensätze reicht von den Guantánamo-Handbüchern, die systematische Menschenrechtsverletzungen belegen, über Zensurlisten der chinesischen und iranischen Regierung bis zu 37.000 E-Mails der rechtsextremen NPD. Aber auch private E-Mails von Sarah Palin sickerten über Wikileaks kurz vor den US-Wahlen an die Öffentlichkeit – dabei hatte sie extra berufliche E-Mails über ihre Yahoo-Adresse verschickt, um eine automatische Archivierung zu umgehen.

Wer Wikileaks aufruft, trifft auf provozierend unspektakuläres Webdesign: eine einfache HTML-Seite in Grau und Blau mit schwarzer Serifenschrift. So sahen Gymnasiastenwebsites in den neunziger Jahren aus. Auf der langen Startseite findet man jeweils das neueste, »geleakte« Dokument und darunter die Liste älterer Veröffentlichungen. Ganz unten soll man spenden, denn hinter Wikileaks stecken angeblich nur fünf Hauptaktivisten und Hunderte Ehrenamtliche: Journalisten, Informatiker, Menschenrechtler, ganz normale Bürger. Bei Pressekonferenzen treten nur ein australischer Physiker namens Julian Assange und ein junger Berliner auf, der sich Daniel Schmitt nennt.

Um ein brisantes Dokument zu veröffentlichen, drückt man auf den Satz: »Click here to make a secure submission« – »Klicken Sie hier, um etwas sicher hochzuladen«. Die Sprengkraft des Projekts steckt in diesem einen Wort: »sicher«. Die Sicherheit der Anonymität macht Wikileaks mächtig, verändert die Strukturen von Öffentlichkeit, Quellenverständnis und Informantentum: Denn am Verschlüsselungsniveau der Seite beißen sich Geheimdienste bislang die Zähne aus.

Wer eine Datei von seinem Computer aus hochlädt, übermittelt tatsächlich nur deren Inhalt. Sonstige Spuren wie die Stammdaten und der Standort des Computers werden durch eine Eingangssoftware verwischt, weil die Dokumente auf ihrem Weg zu Wikileaks in einem solch gigantischen allgemeinen Datenstrom des Netzes getarnt werden, dass selbst den größten Abhördiensten bisher keine Rückverfolgung gelang. In knappen Worten bittet Wikileaks darum, nur Dokumente von großer »politischer, diplomatischer oder ethischer Sprengkraft« hochzuladen, die sonst zensiert würden. Zwischen dem Datum, an dem Wikileaks etwas zugespielt bekommt, und der möglichen Veröffentlichung liegen dann trotzdem manchmal Wochen, denn Wikileaks versucht durch technische und politische Kenntnisse zu prüfen, ob es sich um Originale handelt.

Wie genau das abläuft und welches Quellenverständnis die Aktivisten haben, ist eine schwierige Frage. Zumindest scheint es ihnen bisher zu gelingen, gezielt gestreute Fehlinformationen von wahrlich Brisantem zu unterscheiden: Wie wichtig die Plattform mittlerweile für die kommentierenden Medien als Informationsquelle und wie gefährlich sie für Firmen, Banken, Staaten als Informationsleck geworden ist, unterstreicht ein Strategiepapier des Counterintelligence Center des amerikanischen Militärs, das im März durchsickerte. Darin wurden Vorschläge diskutiert, wie man sich Wikileaks entledigen könnte, indem man gezielt Lügen verbreitete. Doch schlugen alle Versuche fehl, Wikileaks vor Gericht zu verklagen und Server schließen zu lassen, weil ständig neue Ehrenamtliche bereit sind, einen Datenschrank in ihrem Keller zu parken.