Lisa Zickler hat ein freundliches Lachen, eines, das anspornt und ansteckt. Vor allem ihren Sohn Arian. Der sitzt gerade am Schreibtisch und zieht Buchstaben mit einem Filzstift nach. Erst ein A, dann ein B und ein C. Immer wenn er mit einer Reihe fertig ist, lobt die zierliche Frau ihren Sprössling. Es ist früh am Nachmittag. Andere Kinder kommen gerade von der Schule heim, bekommen ihr Mittagessen und kritzeln dann Hausübungen in die Hefte. Doch Arian erteilt niemand Hausaufgaben, er hat nicht einmal eine Klassenlehrerin. Ihren Sohn hat Frau Zickler noch nie in eine Schule geschickt.

Wenn sie morgens Buchstaben ausschneidet oder bunte Plastikperlen zu Rechenschiebern zusammensteckt, dann tut sie das, weil sie Arian selbst unterrichtet. »Die Institution Schule finde ich deshalb so schlimm, weil man nichts auswählen kann«, sagt die 36-Jährige, »weil alle Kinder zur selben Zeit dasselbe können müssen.« Schon der Kindergarten habe dem heute Sechsjährigen derart zu schaffen gemacht, dass er nicht mehr hinwollte. Dem Schulbetrieb wollte sie ihren Sohn erst gar nicht aussetzen. Sie selbst habe nur zwei Jahre in einem Büro gearbeitet, und das fand sie furchtbar. Heute betreibt Frau Zickler in ihrem Haus am Stadtrand von Wien eine Praxis für alternative Heilmethoden. Die Wohnräume gleichen einer farbenfrohen Kindertagesstätte. Weltkarten und Zeichnungen hängen an den Wänden. Dort soll auch Arians fünfjähriger Bruder im nächsten Jahr die Schulbank drücken.

Ponys, Hunde und Katzen bestimmen den Stundenplan

Seit den Zeiten der Kaiserin Maria Theresia gilt zwar die allgemeine Schulpflicht in Österreich, doch genau genommen besteht nur Bildungspflicht. Wer sein Kind keiner Schule überlassen will, kann diesem Gebot durch häuslichen Unterricht nachkommen, sofern der zuständige Landesschulrat die Ausbildung als gleichwertig beurteilt. Eltern mit Matura fällt der entsprechende Befähigungsnachweis meist leicht. Wie viele Kinder ausschließlich zu Hause büffeln, ist den Behörden allerdings nicht bekannt. Im Unterrichtsministerium gibt es keine genauen Zahlen. Allein in Wien, Niederösterreich, der Steiermark und Oberösterreich werden, laut Angaben der Landesschulräte, mehr als 500 Kinder in den eigenen vier Wänden unterrichtet. Im ganzen Land dürften es beinahe 1000 sein.

Die Renaissance des homeschooling begann vor 30 Jahren in den USA. Verantwortlich dafür sind zwei Motivationsstränge: auf der einen Seite tiefreligiöse Beweggründe, anderseits die Überzeugung von Eltern, die von alternativen Lernmodellen beseelt sind. In Österreich überwiegen Letztere; idealistische Väter und Mütter, die ihren Bildungsweg erfolgreich meisterten und nun das Schulsystem herausfordern.

Nur manche pauken am eigenen Küchentisch den staatlichen Lehrplan durch. Im Geiste reformpädagogischer Konzepte versuchen immer mehr Eltern, ihren Kindern kleine Anstöße zu geben, damit sie sich den Lernstoff in ihrem eigenen Tempo erschließen. »Die Übungsblätter mache ich nach Gefühl«, berichtet Heilpraktikerin Zickler. »Wenn ich spüre, dass die Kinder in einer mathematischen Phase sind, gibt es Rechenaufgaben.« Am Morgen legt sie ihnen Arbeitszettel hin, manchmal Plastilin oder Bastelsachen. Erst wenn die Kinder eine Aufgabe den ganzen Tag ignorieren, wird am Abend nachgeholfen. Zuweilen unterstützt der Haushalt die zweifache Mutter: Wenn sie Kuchen bäckt, darf Arian Mehl wiegen. Gibt es Kekse, werden Buchstaben ausgestochen.

Während Frau Zickler morgens Übungsblätter aus dem Internet ausdruckt, legt Joya Marschnig den Unterricht noch liberaler an. Die Steirerin unterrichtet ihre Tochter mittlerweile nicht mehr, vielmehr soll die elfjährige Lisa vom Leben lernen. Marschnig verlässt sich darauf, dass Kinder lernen wollen und dank ihrer Neugier alles Nötige im Alltag mitbekommen. Bildungsforscher nennen diese Methode unschooling . »Kinder lernen selbst gehen und sprechen. Plötzlich sollen sie dann die Schule zum Lernen brauchen?«, sagt die 38-jährige Marschnig, die mit Mann und Tochter vor sechs Jahren aufs Land zog.

Lisas Tagesablauf diktiert keine Pausenglocke sondern Ponys, Hunde und Katzen bestimmen ihren Stundenplan. Ein Jahr lang ging Lisa zur Schule, dann war Schluss mit »Bulimie-Lernen«, wie ihre Muter den Regelunterricht nennt: »Drei Tage lang sollen die Kinder alles Wissen reinfressen, und bei der Schularbeit kotzen sie es wieder raus.« Lisa lerne heute selbstständig, manchmal einige Tage lang scheinbar nichts, dann wieder schaffe sie in wenigen Wochen mit einer Lernsoftware den Jahresstoff in Englisch.