Atomkraft So jung – und schon dagegen

Die Anti-AKW-Bewegung plant ein Protestwochenende. Drei Generationen gehen auf die Straße

Silke Freitag war schon als Kind mit ihren Eltern in Brokdorf, damals bei den großen Demonstrationen gegen die Atomkraft in den 1980er Jahren. Aber erst der Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 habe sie nachhaltig geprägt, sagt sie: »Mit vierzehn macht man sich eigene Gedanken.« Heute ist sie Mediatorin, hat zwei Kinder und lebt in der Nähe des Pannenreaktors Krümmel. Als sie vor Kurzem eine kleine Summe von der Großmutter erbte, da war für sie klar: Ein Teil des Geldes soll dem Kampf gegen die Atomenergie zugutekommen. 5000 Euro spendete Silke Freitag der »Bewegungsstiftung«, die Initiativen wie das atomkritische Netzwerk »ausgestrahlt« unterstützt.

Jahrelang war die Antiatombewegung so gut wie verschwunden. Ihr Anliegen schien erledigt nach 2001, dem Jahr des rot-grünen Ausstiegskompromisses. Mit der Klimadebatte schrumpfte sogar, wenn auch nur vorübergehend, die stabile Mehrheit der Gegner. Die Versuche der Industrie hatten gefruchtet, mit den geringen CO₂-Emissionen der Meiler von deren Risiken abzulenken.

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Aber es gibt die Anti-AKW-Bewegung noch. Für das kommende Wochenende plant sie spektakuläre Proteste gegen den »Ausstieg aus dem Ausstieg«. Eine »Kettenreaktion« soll an drei Schauplätzen ablaufen: Dem ältesten Reaktor Biblis, dem atomaren Zwischenlager Ahaus, und im Norden wollen Demonstranten sogar eine 120 Kilometer lange Menschenkette zustande bringen, von Krümmel über Hamburg, Pinneberg, Elmshorn bis zum Risikomeiler in Brunsbüttel.

Gelänge es, so einen Lindwurm in der Landschaft zu bilden, dann wäre das zwei Wochen vor der nordrhein-westfälischen Landtagswahl womöglich ein Störfall für die neuen Atompläne von Union und FDP. Die Demonstranten wollen Stimmung gegen Schwarz-Gelb machen – würde die Landesregierung in Düsseldorf kippen, dann wäre die Mehrheit im Bundesrat dahin und damit die Laufzeitverlängerung für Atommeiler vom Tisch, so das Kalkül der Veranstalter von Robin Wood bis zur Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad. Die bange Frage treibt sie allerdings um: Gehen überhaupt noch genug Menschen auf die Straße? Denn dass zwei Drittel der Bevölkerung aus der Atomkraft aussteigen wollen, heißt noch nicht, dass sie dafür auch einen Samstag opfern. Augenzwinkernd haben die Organisatoren der Menschenkette vorgesorgt: Gelbe Spruchbänder sollen die Spannweite der einzelnen Demonstranten verlängern, damit die Reihe in den Fernsehnachrichten geschlossen aussieht.

Doch Jochen Stay, hauptberuflicher »Bewegungsarbeiter« der Organisation ausgestrahlt, ist optimistisch. Seine Zuversicht rührt vor allem daher, dass die Aktion nicht bloß ein Remake der achtziger Jahre sei. »Eines der größten Bündnisse in der Geschichte der Anti-AKW-Bewegung ist zustande gekommen«, sagt er. Und mit dieser typischen Veranstalterfloskel könnte er sogar recht haben. Es sind vor allem die schlechten Nachrichten der vergangenen Monate, die der Bewegung neuen Zulauf beschert haben. Die Pannenserie in den Vattenfall-Meilern Krümmel und Brunsbüttel. Die Enthüllungen über die jahrzehntelange Vertuschung der Gefahren in der einsturzgefährdeten Atommülldeponie Asse II. Zuletzt dokumentierte Greenpeace einen lange gehegten Verdacht: Auch beim atomaren Endlager in Gorleben hatte die Regierung Kohl in den achtziger Jahren störende wissenschaftliche Erkenntnisse verschwiegen und den Standort aus rein politischen Motiven festgelegt.

Da kommt die Absicht der CDU/CSU-Fraktion nicht gut an, einige Reaktoren noch bis zu 60 Jahre lang am Netz zu halten. Selbst Umweltminister Norbert Röttgen, der eigentlich für eine schwarz-grüne Perspektive steht, will den Atomkonzernen acht Jahre Verlängerung gewähren. Und den umstrittenen Salzstock in Gorleben wieder als nationales Endlager erkunden lassen. »Ergebnisoffen« zwar, doch exklusiv. Anderswo gäbe es nur Riesenärger mit den Parteifreunden.

An den Straßenrändern des betroffenen Landkreises Lüchow-Dannenberg sieht man hölzerne X-Zeichen; Symbole für den Tag, an dem der nächste Castor-Transport ins bisher oberirdische Endlager in Gorleben rollt. Dessen Riesenhallen liegen wie Raumschiffe im Kiefernforst. Hier, im Land der Klapperstörche und Heuhotels, hat der Traditionskern der Bewegung seine ganz eigene Ökokultur aus »bäuerlicher Notgemeinschaft« und Zweitwohnsitz-Avantgarde entwickelt. »Ein Tritt vors Schienbein« sei Röttgens Kurs, sagt Asta von Oppen von der örtlichen Bürgerinitiative. Ein paar Jahre lang pendelte auch die Lehrerin nur am Wochenende aus Hamburg ins Wendland, wie so viele hier. Jetzt lebt sie ganz in ihrem alten Fachwerkhaus und fördert den regionalen Tourismus. Sie sagt, nach dem Skandal um die Asse habe sie eine Zeit lang Hoffnung geschöpft. Nun rücke der Widerstand »wieder in den Mittelpunkt des Lebens«.

Leser-Kommentare
  1. Wohl kaum...

    Erst einmal muss das Uran "ausgebubdelt" werden, dann angereichert...
    Und so einen Reaktor bauen... der Stahl der Beton

    Erst der Reaktor "vor Ort" läuft relativ CO2 frei - der Atomstrom als ganzes ist es nicht.

    (Wo genau er anzusiedeln ist weiß ich jetzt nicht - aber so "umweltfreundlich" wie ihn die Industrie vorstellt ist er nicht)

    Und CO2 - immer diese CO2 Fixierung wobeiCO2 als "Umweltgas" vermutlich das harmloseste ist und von Pflanzen "verbraucht" wird.
    Methan das entweicht ist schädlicher - oder Stickoxide... Flour (Uranhexaflourit wird bei der Anreicherung benutzt wenn ich mich nicht irre - wenn da mal was entweicht...)...

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    Sie haben natürlich völlig Recht, dass auch bei AKWs durchaus CO2 anfällt, wenn man den gesamten Produktionszyklus etc. einrechnet.
    Ich habe mal gelesen dass bei Atomstrom daher etwa 30g CO2/kwh anfallen.

    Allerdings ist das wirklich ziemlich wenig, bei Photovoltaik-Anlagen lag der Wert bei etwa 180g/kwh, bei Kohlekraftwerken glaube ich sogar über 1000g/kwh.

    Sie haben natürlich völlig Recht, dass auch bei AKWs durchaus CO2 anfällt, wenn man den gesamten Produktionszyklus etc. einrechnet.
    Ich habe mal gelesen dass bei Atomstrom daher etwa 30g CO2/kwh anfallen.

    Allerdings ist das wirklich ziemlich wenig, bei Photovoltaik-Anlagen lag der Wert bei etwa 180g/kwh, bei Kohlekraftwerken glaube ich sogar über 1000g/kwh.

  2. 2. Leider

    ist es nunmal so, dass nicht genügent alternativen vorhanden sind, um die Grundlast des Systems zu fahren (immerhin 2/3 im Vergleich zur maximalen Last). Windparks sind nicht genug vorhanden und bevor noch mehr Kohlekraftwerke gebaut werden, will ich doch eher, dass die Atomkraftwerke noch was länger rödeln bzw. von mir aus auch neue gebaut werden, wenn die alten zu "unsicher" erscheinen.

    An Kommentar 1: Windparks bauen sich auch nicht von alleine. Für deren Errichtung wird auch viel CO2 hochgepustet.

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    Suchen sie mal im Internet nach dem Stichwort Erntefaktor. Sie werden herausfinden dass WKA ihre zum Bau benötigte Energie in einigen Monaten wieder geerntet haben.
    Nun schauen Sie mal bei Kohle u. Atom: Hier wird das Kraftwerk NIEMALS wieder die Energie zurückholen denn jede Kohle die verfeuert wird verursacht nochmals einen Verlust von 60-70%.

    Die "Grundlast" ist nur deshalb bei 50-70% weil nachts Niedertarife gelten und Pumpspeicher aufgeladen werden. Es ist kein Wunder wenn die Nachfrage steigt wenn Strom zu Schleuderpreisen verkauft wird weil eben die Nachfrage nachts fehlt.
    Übrigens werden von den 600 TWh Bruttostromverbrauch Dtls ca 80TWh für Stromheizungen und die Warmwassererwärmung verschwendet.

    Es ist schon armselig wenn man Kohle in Kraftwerken mit einem Wirkungsgrad von 30-40% verfeuert, mit den Verlusten von 60-70% Flüsse erwärmt, Wolken erzeugt und diesen Strom dann auch noch in Stromheizungen verschwendet.

    Suchen sie mal im Internet nach dem Stichwort Erntefaktor. Sie werden herausfinden dass WKA ihre zum Bau benötigte Energie in einigen Monaten wieder geerntet haben.
    Nun schauen Sie mal bei Kohle u. Atom: Hier wird das Kraftwerk NIEMALS wieder die Energie zurückholen denn jede Kohle die verfeuert wird verursacht nochmals einen Verlust von 60-70%.

    Die "Grundlast" ist nur deshalb bei 50-70% weil nachts Niedertarife gelten und Pumpspeicher aufgeladen werden. Es ist kein Wunder wenn die Nachfrage steigt wenn Strom zu Schleuderpreisen verkauft wird weil eben die Nachfrage nachts fehlt.
    Übrigens werden von den 600 TWh Bruttostromverbrauch Dtls ca 80TWh für Stromheizungen und die Warmwassererwärmung verschwendet.

    Es ist schon armselig wenn man Kohle in Kraftwerken mit einem Wirkungsgrad von 30-40% verfeuert, mit den Verlusten von 60-70% Flüsse erwärmt, Wolken erzeugt und diesen Strom dann auch noch in Stromheizungen verschwendet.

  3. Vor manchen Chefsessel hat die Zeitnotwendigkeit nun den Kinosessel gestellt. (Jedenfalls sofern das Unternehmen sich einer wirklicher Zukunftsgestaltung nicht versagen will.)
    Daher sollte der Besuch von "Energy Autonomy" , insbesondere in Kreisen sogenannter "Entscheider", ein vorrangiges Anliegen sein.
    100% Erneuerbare sind machbar! Der Film zeigt, wie es geht! Daher sind die 90 Min. im Kinosessel bestens investiert.

    • HaDeTe
    • 23.04.2010 um 9:48 Uhr

    Der Versuch dem Atomstrom C0 2 anzudichten ist wohl ein
    bisschen weit hergeholt. Zum Betreiben von Windkraftanlagen
    oder Solarstrom hat man die gleichen Probleme wie beim Bau
    von Atomkraftanlagen oder aller anderen angeblich C0 2 freien
    Anlagen wie Wasserkraftwerke etc. Überall wird Stahl oder
    Beton oder wie bei Solarzellen Silizium benötigt. Deren Gewinnung und Abbau ebenso C0 2 freisetzt wie beim Bau von
    Atomkraftwerken. Also ein Nullsummenspiel. Daher ist diese
    Argumentation vordergründig falsch und poolemisch. Oder man
    denke nur an den massiven Landverbrauch - Ackerflächen - für
    die Installation von Solaranlagen auf freien Feldern.
    Äußerst ineffizient. Ohne Atomstrom ist auf lange Sich eine
    gesicherte und auch C0 2 freie Stromgewinnung nicht möglich.
    Die geplante Menschenkette ist Volksverdummung,Kasperles-
    theater und führt nicht zu vernüftigen Lösungen. Die Träumer
    sollten endlich den Realitäten ins Auge sehen. Oder Will man
    Deutschland deindustriealisieren. Der Morgenthauplan nach dem 2. Weltkrieg läßt grüßen.

  4. Ich finde es ehrlich gesagt erschreckend, was heutzutage alles als "grün" bezeichnet wird. In meinen Augen findet eine ziemliche Perversion des Begriffes statt bzw. hat bereits stattgefunden. Energiesparlampen werden als "grün" bezeichnet obwohl sie in horrendem Maße die Umwelt belasten (werden). Atomstrom wird uns als "grüne" bzw. (um ein noch perverseren Begriff zu verwenden) "saubere" Form der Energie verkauft obwohl Atom-Müll so ziemlich das dreckigste und un-grünste ist, was man sich heute vorstellen kann. Und das (nur) wegen des "Klimawandels" verursacht durch das "Todesgas" CO2.

    Atomstrom ist nicht "grün" egal was uns von CO2 erzählt wird!

    Aber genau das scheint die Absicht zu sein, Leute wie Al Gore werden von der Atomlobby finanziert, sogar der Gründer von Greenpeace spricht sich für Atomenergie aus?! (http://www.newsweek.com/i...)

    • hagman
    • 23.04.2010 um 10:05 Uhr

    Atomstrom ist keine risikofrie Energieform - soweit stimme ich meinen Vorrednern zu. Aber es erstaunt mich immer wieder, dass der Ausbau erneuerbarer Energien vorrangig dafür genutzt werden soll, AKW abzuschalten. Während unsere sauberen CO2-Schleudern - z.B. "Kohlekraftwerke" - munter weiter die Atmosphäre verpesten dürfen. Mir scheint, dass die Populisten aus dem grünen Lager vergessen haben, dass der Klimawandel dank CO2 ein akutes Problem ist, dass wir jetzt haben und jetzt eine Lösung verlangt. Während die Gefahr durch AKW zwar besteht, aber durchaus als abstrakt und theoretisch, zumindest in unserem Land, betrachtet werden darf. Zumal wir die Probleme mit Endlagerung und Co. bereits haben, egal ob jetzt oder in 20 Jahren abgeschaltet wird. Wieso muss immer wieder diese ins nichts führende, polemische Debatte um Atomstrom geführt werden? Wir sollten erst einmal ein dringendes Problem mittels erneuerbarer Energien und Atomstrom lösen: Das Abschalten unserer Kohledreckschleudern. Dann rede ich gerne über das Aus der AKW.

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    • farn
    • 23.04.2010 um 10:44 Uhr

    "Mir scheint, dass die Populisten aus dem grünen Lager vergessen haben, dass der Klimawandel dank CO2 ein akutes Problem ist, dass wir jetzt haben und jetzt eine Lösung verlangt. Während die Gefahr durch AKW zwar besteht, aber durchaus als abstrakt und theoretisch, zumindest in unserem Land, betrachtet werden darf."
    Es geht in meinen Augen Weniger um die Gefahr eines Gaus, sondern um die Begrenzung der Lasten, die durch den Atommüll anfallen. Das Zeug strahlt länger, als es Menschen heutzutage sicher einlagern können - da liegt der Hund begraben. Gegen die Drecksschleudern Kohlekraftwerke helfen, was giftige Abgase angeht, Filteranlagen. Das CO2, das sie produzieren, ist allerdings auch nicht zu vernachlässigen. Alles in Allem vergleicht man hier Pest mit Colera - beides Mist, jedes auf seine Weise...

    • farn
    • 23.04.2010 um 10:44 Uhr

    "Mir scheint, dass die Populisten aus dem grünen Lager vergessen haben, dass der Klimawandel dank CO2 ein akutes Problem ist, dass wir jetzt haben und jetzt eine Lösung verlangt. Während die Gefahr durch AKW zwar besteht, aber durchaus als abstrakt und theoretisch, zumindest in unserem Land, betrachtet werden darf."
    Es geht in meinen Augen Weniger um die Gefahr eines Gaus, sondern um die Begrenzung der Lasten, die durch den Atommüll anfallen. Das Zeug strahlt länger, als es Menschen heutzutage sicher einlagern können - da liegt der Hund begraben. Gegen die Drecksschleudern Kohlekraftwerke helfen, was giftige Abgase angeht, Filteranlagen. Das CO2, das sie produzieren, ist allerdings auch nicht zu vernachlässigen. Alles in Allem vergleicht man hier Pest mit Colera - beides Mist, jedes auf seine Weise...

  5. Sie haben natürlich völlig Recht, dass auch bei AKWs durchaus CO2 anfällt, wenn man den gesamten Produktionszyklus etc. einrechnet.
    Ich habe mal gelesen dass bei Atomstrom daher etwa 30g CO2/kwh anfallen.

    Allerdings ist das wirklich ziemlich wenig, bei Photovoltaik-Anlagen lag der Wert bei etwa 180g/kwh, bei Kohlekraftwerken glaube ich sogar über 1000g/kwh.

    Antwort auf "Atomstrom CO2 Neutral?"
  6. 100% Erneuerbare sind bis 2050 OHNE Mehrkosten machbar laut der ECF-Studie von McKinsey. Mitgewirkt haben EON, RWE u. DUH.
    http://www.heise.de/tp/bl...

    Es gibt da nichts mehr zu diskutieren!

    Neben dem horrenden CO2 Ausstoß von AKWs/Uran gibt es auch noch Atommüll. Wer zahlt die Kosten für Asse u. Morsleben von 10 Mrd Euro?
    Diese Subventionen müssen alle zahlen, nicht nur Atomstrombezieher sondern auch die die für Ökostrom zahlen. Selbst wenn ich Lebensmittel kaufe geht ein Teil davon als Subvention dafür ein.

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