Mädchen und Jungen Neue Rollen lernen
Mehr Männer in Kindergärten und Schulen täten allen gut – den Jungen wie den Mädchen.
© kallejipp/photocase.com

Bewegte Zeiten. Muss sich die Rolle des Mannes in unserer Gesellschaft verändern?
Die Krise der kleinen Männer ist mindestens so alt wie der erste Pisa-Schock. Vor fast zehn Jahren zeigte der internationale Leistungsvergleich, dass deutsche Schülerinnen ihren männlichen Mitschülern überlegen sind, nicht nur beim Lesen und Verstehen von Texten. Sie können sich besser ausdrücken, sind sozialer, einfühlsamer, angepasster. Sogar in klassischen Jungendomänen wie Mathematik und Naturwissenschaften sind sie auf der Überholspur.
Besonders deutlich wird das Zurückbleiben der Jungen an den Rändern des Bildungssystems. Je geringer qualifizierend die Schulform, desto höher ist ihr Jungenanteil. 56 Prozent aller Hauptschüler sind männlich, in Förder- und Sonderschulen steigt die Quote auf 62 Prozent. Fast jeder zehnte Junge in Deutschland bleibt ohne Schulabschluss.
Sind vor allem die Schwächsten betroffen, oder müssen wir uns um alle sorgen? Was brauchen Jungen, und wer ist für ihre Benachteiligung verantwortlich? Seit vielen Jahren wird um diese Fragen gestritten. Von einer neuen »Jungspädagogik«, die zunächst gefordert wurde, redet heute kaum jemand mehr, auch die Rückkehr zur Monoedukation ist vom Tisch. »Eine eigene Pädagogik für Jungen würde eine klare Trennlinie zwischen den Geschlechtern ziehen. Das wäre völlig falsch«, sagt Hannelore Faulstich-Wieland, Erziehungs- und Geschlechterforscherin an der Universität Hamburg. »Viel wichtiger ist es, sich genau anzusehen, welche Jungen wirklich gefährdet sind und wie wir mit ihnen arbeiten können.«
Auch Bildungsforscher Jürgen Budde von der Universität Halle-Wittenberg fordert einen besseren und stärker auf jedes Kind ausdifferenzierten Unterricht, jedoch nicht nach Geschlecht: »Wir brauchen Lehrer, die die unterschiedlichen Neigungen im Blick haben und sich auf das Lerntempo jedes Einzelnen einstellen.«
Geschlechtsspezifische Unterrichtsmaterialien werden dem einzelnen Schüler nicht gerechter. Gefragt ist mehr »Genderkompetenz« der Pädagogen, mehr »Geschlechtersensibilität«. Sie müssten ihre eigenen Rollenbilder verstärkt überprüfen. Möge ein Schüler Gedichte, dann solle man das nicht hervorheben, weil es untypisch für Jungen sei, fordert Hannelore Faulstich-Wieland. Auch der Boys’ Day könne unter Umständen eher »geschlechterdramatisierend« wirken, wenn die Jungen die präsentierten Berufe – etwa in Krippen oder Pflegeheimen – als frauentypisch genannt bekämen. Dann gerieten Jungen »unter Rechtfertigungszwang und fühlen sich aufgefordert, sich zu positionieren«.
Dass Jungenförderung ihren Exotenstatus verloren habe und es Jungenbüros und -beauftragte gebe, sei ein konkretes Ergebnis der Debatte, sagt Jürgen Budde. Er wertet gerade die Effekte des Boys’ Day aus. Kurzzeitige Angebote wie Mofa-AGs oder Kurse zur Berufs- und Lebensplanung stellten zwar noch keine Weichen, aber sie könnten Jungen zeigen, »welche Kompetenzen in ihnen stecken, die sie zuvor gar nicht kannten«. Sie müssten darauf vorbereitet werden, dass sich traditionelle Männer- und Berufsbilder verschieben, dass ihre Lebenswege anders verlaufen werden als die ihrer Väter.
Oft wird beklagt, dass Jungs an der Frauenübermacht in Kindergärten und Schulen litten. Empirisch gibt es zumindest für die Schule keine Belege dafür, dass sich das Geschlecht des Lehrers auf Fähigkeiten und Noten auswirkt. So ergab eine Studie vom Wissenschaftszentrum Berlin über Leistungen von Grundschülern, dass Jungen weder im Leseverständnis noch in ihren Mathekompetenzen von einem höheren Anteil männlicher Lehrkräfte profitieren. Eine Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung zeigte, dass weder Jungen noch Mädchen bei einem jeweils gleichgeschlechtlichen Lehrer bessere Noten in Deutsch, Mathematik oder Sachkunde erzielten. In Sachen Lesekompetenz erwies sich ein männlicher Lehrer sogar als Nachteil für Jungen.
Ist der Ruf nach mehr männlichen Erziehern und Lehrern also hinfällig? Nein, sagt Jürgen Budde. Da die Erziehung der Kinder zunehmend an Institutionen übergehe, sei es Pflicht, sie beiden Geschlechtern zu übertragen. Mehr Männer in Kindergärten und Schulen kämen allen zugute, Mädchen und Jungen.
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- Datum 21.04.2010 - 20:12 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.04.2010 Nr. 17
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"Mehr Männer in Kindergärten und Schulen kämen ALLEN zugute, Mädchen und Jungen." >>>>> Wirklich? Welche repräsentativen Erfahrungswerte belegen das?
Nach den zuvor erwähnten Studien klingt dieses Fazit eher nach politischer Proporzverpflichtung der Institutionen, als nach tatsächlicher pädagogischer Notwendigkeit.
Eine ziemlich armselige Begründung, der dieser bislang nicht belegten pauschalen, deshalb "leeren" Behauptung vorangestellt wird.
Es ist schon ungewohnt, wenn man als Vater 10 Jahre lang die einzige offizielle männliche Bezugsperson ist. Man kann schließlich nicht alles anbieten und Freunde sucht man sich ja nicht aus gemäß Kindeswohl.
Und wenn dann eine Lehrerin zugibt, dass sie Mädchen bevorzugt, denn "die sind ja nicht so unruhig", fragt man sich schon mal, was Pädagogik eigentlich sein soll.
Es ist schon ungewohnt, wenn man als Vater 10 Jahre lang die einzige offizielle männliche Bezugsperson ist. Man kann schließlich nicht alles anbieten und Freunde sucht man sich ja nicht aus gemäß Kindeswohl.
Und wenn dann eine Lehrerin zugibt, dass sie Mädchen bevorzugt, denn "die sind ja nicht so unruhig", fragt man sich schon mal, was Pädagogik eigentlich sein soll.
Lieber Herr Budde, Sie sagen, weil die Erziehung der Kinder zunehmend an Institutionen übergehe, sei es Pflicht, sie beiden Geschlechtern zu übertragen. Und hiermit haben Sie - vermutlich unbeabsichtigt - die Sache auf den Punkt gebracht: auch die Erziehung soll neuerdings "outgesourct" werden. Was aber schon bei der Produktion von Steiff-Tieren nicht klappt, kann bei so einer elementaren wie schwierigen Aufgabe wie Erziehung erst recht nicht funktionieren. Da sind und bleiben die Eltern gefordert! Wenn mittlerweile die Einstellung vorherrscht, den Erziehungsauftrag könne man an Kitas und Schulen abwälzen, überrascht es nicht, dass trotz all der "genderkompetenten" Pädagogen immer mehr Kinder zu Problemfällen werden. Und sorry, aber das kann dann gerade bei den Jungs auch kein noch so gut gemeinter "Boys' Day" mehr richten!
Ergänzende Artikel dazu, die u.a.lt. anglo-amerikanischer Studien besagen, dass Frauen besser unterrichten:
http://www.tagesspiegel.d...
"Erziehungswissenschaftler der englischen Universität Cambridge WARNEN Lehrerinnen und Lehrer nachgerade davor, vermeintlich jungsfreundliche Unterrichtsformen einzusetzen. Sie hätten in vielen Unterrichtsreihen festgestellt, dass sich schwache Jungen bei den pädagogischen Maßnahmen am meisten verbesserten, die „Jungen wie Mädchen gleichermaßen ansprechen“.
http://www.tagesspiegel.d...
Was unsere schwarz-gelbe Regierung aber nicht gecheckt hat, die jetzt horrende Steuergelder für eine wissenschaftlich sehr fragwürdige Art der "Jungenförderung" rausschmeißt:
http://www.tagesspiegel.d...
"Jungs – das neue schwache Geschlecht
Union und FDP wollen Jungen und Männer stärker fördern. Jetzt hat das Familienministerium ein eigenes Referat dafür eingerichtet."
Dazu Jürgen Budde: Offenbar habe es aber einen höheren Sensationswert, „die Jungen“ in Gefahr zu sehen, anstatt sich den abgehängten Migrantenjugendlichen BEIDER Geschlechter zuzuwenden. Budde, der selbst mit Jungengruppen arbeitet, sieht in der Debatte aber auch „antifeministische Züge“. Es gehe um Verteilungskämpfe, etwa um Geld für die Jungenförderung."
http://www.tagesspiegel.d...
„Männer verstärken sogar eine geschlechtstypische Erziehung“,
sagt der Entwicklungsforscher Wassilios Fthenakis in einem ausführlichen Interview, in dem er u.a. auch die bedeutende Rolle der Eltern in der Frühphase der kindlichen Entwicklung hervorhebt.
Sehr empfehlenswert wegen der sehr differenzierten fachkompetenten Darstellung zu lesen:
Unter:
http://www.tagesspiegel.d...
dass an Schulen heute hart und oft voreilig geahndet wird, was früher als Rüffelei oder kleiner Streit abgetan worden wäre. Wenn ein Junge einem Mädchen heute an den Haaren zieht, weil dieses ihn vorher provozierte, dann folgen darauf oftmals schon disziplinarische Maßnahmen wie Missbilligungen wegen Gewaltanwendung für den Jungen. Extrovertierten Jungen wird es beim Schulübergang mit ihrer unangepassteren Art wesentlich schwieriger gemacht. Sie werden nicht vorwiegend an ihrer Intelligenz gemessen, sondern an ihrer Disziplin (und das mit 10), weil ja schließlich das Gymnasium keine Rücksicht auf Individualitäten nehmen kann. Unbequeme Jungen werden somit abqualifiziert, weil hierzulande die Kinder für die Schule zu funktionieren haben und nicht die Schule für die Kinder gemacht wird. Der Fehler liegt im System.
Hat mal jemand über den Zusammenhang zwischen körperlicher und seelischer Entwicklung und Leistungsfähigkeit in der Schule nachgedacht? Es ist doch allgemein bekannt, dass während einer bestimmten Entwicklungsphase, nämlich von der Pubertät an, die Entwicklung der Jungen ein paar jahre lang hinter der der Mädchen um einiges zurückbleibt. Dies läßt sich anfänglich sogar bei der durchschnittlichen Körpergröße beobachten. Später holen die jungen Männer dann wieder auf.
Leider fällt aber ein wichtiger Teil der Schulzeit ausgerechnet in diese Phase. Unterrichtet man Jungen und Mädchen während dieser Zeit gemeinsam, und vergleicht ihre Leistungen, dann ist es klar, wer im statistischen Durchschnitt die Nase vorn hat, und das hat nichts mit "Gender" oder "Sex" zu tun. Ein solcher Vergleich mag aber vielleicht genauso ungerecht sein, wie eine gemeinsame Benotung der Leistungen von Jungen und Mädchen beim Gewichtheben.
Merkwürdig, dass sowas einfach nicht berücksichtigt wird.
Es ist schon ungewohnt, wenn man als Vater 10 Jahre lang die einzige offizielle männliche Bezugsperson ist. Man kann schließlich nicht alles anbieten und Freunde sucht man sich ja nicht aus gemäß Kindeswohl.
Und wenn dann eine Lehrerin zugibt, dass sie Mädchen bevorzugt, denn "die sind ja nicht so unruhig", fragt man sich schon mal, was Pädagogik eigentlich sein soll.
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