Von der letzten Rasur sind ein paar weiße Bartstoppeln übrig geblieben. Ein kantiges Kinn, eine breite Stirn. Während der neun Monate, in denen der Körper des Toten in einem mit Formalin gefüllten Tank haltbar gemacht wurde, ist das Gesicht leicht aufgedunsen. Es ist ganz gut, dass jetzt ein feuchtes Tuch darüber liegt.

Sechs Medizinstudenten im ersten Semester, die meisten Anfang 20, stehen in ihren OP-Kitteln und Gummihandschuhen vor dem bis auf das Tuch nackten Körper auf Tisch eins im großen Präparationssaal des anatomischen Instituts Lübeck . Vorige Woche haben sie diese erste Leiche ihres Lebens angeschaut und betastet. Das war die Vorbereitung auf den heutigen Tag, an dem sie zum ersten Mal hineinschneiden müssen in den 73 Jahre alten Körper. »Hautschnitte an der vorderen Rumpfwand und am Bein«, steht in ihren Manuskripten, dem »Präparierprogramm zu den Übungen der Makroskopischen Anatomie«.

In diesem Jahr lernen mehr als zweihundert Lübecker Studenten, wie der Mensch von innen aussieht. Diese Erfahrung könne kein Modell, kein Präparat ersetzen, sagt der Institutsleiter. Während zweier Semester werden die Studenten immer tiefer in die Körper vordringen, die jetzt noch unversehrt auf den OP-Tischen im Neonlicht liegen. Sie werden Muskeln und Nerven aus dem Gewebe herauspräparieren, werden Brustkörbe und Bauchdecken öffnen, damit sie die Leichen Schicht für Schicht studieren können wie die anatomischen Atlanten, die auf den im Saal verteilten Pulten stehen.

Je sechs Studenten lernen an einem meist 70 bis 80 Jahre alten Körper. Die Dozenten nehmen Rücksicht auf die Anfänger und wählen keine Leichen von allzu jungen Menschen aus. Was die Medizinanfänger hier tun, würde jenseits des Anatomiesaals als Störung der Totenruhe unter Strafe stehen. Dass die meisten Studenten ihrer Leiche irgendwann einen Namen geben, ist erlaubt. Jemand hat gehört, dass es im vorigen Kurs eine Leiche namens Rosie gab.

Reinhard Eggers trägt Vollbart und Birkenstock. Er ist seit mehr als dreißig Jahren Dozent in Lübeck. In den nächsten beiden Semestern unterrichtet er die Studenten an Tisch eins. »Sie werden fasziniert sein, wie unterschiedlich die Körper von innen aussehen«, verspricht er ihnen. Noch vor dem ersten Schnitt wird eine blaue Flüssigkeit in den Oberarm der Leiche gespritzt. Mirja Reinsberg soll das machen. Aber die zwanzig Jahre alte Pastorentochter aus Hamburg würde die Spritze gerne weitergeben. »Du schaffst das!« und: »Du musst da durch!«, rufen ihre Kommilitonen. Mirja setzt die Nadel an, durchsticht die Haut und drückt den Kolben durch. Die anderen klopfen Beifall, als sie die Spritze wieder herauszieht. Erst jetzt merkt Mirja, dass ihre Hände zittern.

Als sie die Leiche untersuchte, hat sie eine Narbe am Bauch und eine an der rechten Hüfte entdeckt. Ähnliche Narben kennt sie von den Körpern von Freunden und Familienmitgliedern. »Mir ging das doch nahe«, sagte sie in der Runde nach dem ersten Kurstag, in der die Anfänger über ihre Gefühle und Erwartungen reden konnten. Eine Kommilitonin hatte plötzlich dieses Bedürfnis, dem Toten zu helfen. »Obwohl ich doch weiß, dass schon alles vorbei ist.« Im Präparationskurs erfahren die Studenten zum ersten Mal, dass auch ihrer Kunst Grenzen gesetzt sein werden.

»Wenn Sie das nicht abkönnen, können Sie diesen Beruf gleich vergessen«, hatte Reinhard Eggers von seinem Professor zu hören bekommen, als er selbst vor seiner ersten Leiche stand. Die Studierenden in Lübeck dagegen haben viel Zeit, sich auf den ersten Schnitt vorzubereiten. Schon vor Wochen hat Eggers die Neuen in die Räume hinter der Tür mit der Aufschrift »Leichenbereich! Zutritt verboten« geführt. Er hat ihnen den stählernen Tank gezeigt, in dem zwanzig Leichen neun Monate lang im Formalinbad haltbar gemacht werden. Eine über der anderen, auf durch Ketten miteinander verbundenen Bahren. Er hat den über dem Tank schwebenden Motor gestartet, der eine Leiche nach der anderen aus der süßlich riechenden Flüssigkeit zog. »Ich fand diesen Anblick unmenschlich«, sagte eine Studentin später. Eggers dagegen betrachtet seine Führung als eine Art Therapie gegen irrationale Ängste.

2009 haben sich 110 Menschen am anatomischen Institut Lübeck als Körperspender angemeldet. Im selben Jahr wurden die Leichen von 100 gerade verstorbenen Körperspendern zum Institut gebracht und für den Präparationskurs vorbereitet. Ist der Kurs zu Ende, bezahlt die Uniklinik die Einäscherung und die Beisetzung im anonymen Urnengrab. Den Spender selbst kostet das 1050 Euro. Die Körperspende ist auch ein Weg, zu einer vergleichsweise billigen Beisetzung zu kommen. Viele Körperspender wollten nach dem Tod aber einfach noch zu etwas nütze sein, sagt Eggers. Dass die meisten Angehörige leiden, wenn die Körper ihrer Lieben nicht sofort beerdigt, sondern monatelang zergliedert werden, sagt er auch.

 

Am Ende wird das Gesicht nur noch aus freigelegten Muskeln bestehen

Am Tisch von Mirja Reinsberg macht Reinhard Eggers den ersten Schnitt. Und den nächsten und den übernächsten. Hannes Freibrodt schaut ihm eine Weile zu, dann fragt er, ob er auch mal darf. Bei den meisten Studierenden siegt die Neugier bald über die Angst. Nur wenige schneiden so zaghaft, dass die Dozenten selbst Hand anlegen müssen. Bald ist nur noch das leise Murmeln der Studenten zu hören. Und das noch leisere Schaben der Klingen. Mit einer Pinzette in ihrer linken Hand zieht Mirja Reinsberg die Haut beiseite, während sie mit dem Skalpell in ihrer rechten behutsam zwischen die Haut und das gelblich glänzende Fettgewebe schneidet. Jeder hat die Augen auf die wenigen Quadratzentimeter Leiche gerichtet, die es zu bearbeiten gilt.

Morgen kommt die zweite Gruppe, die an dem Körper arbeiten wird und darauf angewiesen ist, dass die Vorgänger ihr Pensum geschafft haben. Die Hände beginnen zu schmerzen. Hannes Freibrodt hüpft auf und ab, um seine Waden zu lockern. Der Kommilitone neben ihm summt eine kleine Melodie wie aus einem Computerspiel vor sich hin. Am Tisch nebenan macht eine Studentin die erste Pause und streichelt geistesabwesend den kahl rasierten Schädel ihrer Leiche, während am anderen Ende des Saales die ersten mündlichen Prüfungen beginnen. Der älteste Dozent gefällt sich in der Rolle des freundlichen Exzentrikers und trägt das Bein eines Kunststoffgerippes über der Schulter, während er seine Studenten fragt, wie viele Schichten die Haut hat, die sie gerade durchtrennt haben. Oder was genau ein Knochen ist. Die Stimme einer Studentin flattert vor Aufregung, während sie den Stoff der vergangenen sechs Wochen herunterrattert und einen Gummihandschuh wieder und wieder um ihren Zeigefinger wickelt. Dass direkt neben ihr eine Leiche liegt, ist in diesem Moment völlig egal.

»Am Anfang war’s komisch, aber jetzt bin ich begeistert, wie viel ich heute schon gelernt habe«, sagt Mirja Reinsberg am Ende des Kurstages. Die anderen decken den Körper ab, um ihn vor der Luft zu schützen. Das feuchte Tuch, das die ganze Zeit auf dem Gesicht der Leiche lag, ist während des Kurses getrocknet. Jemand hat es weggenommen, um es in eine Mischung aus Wasser und Formalin zu tauchen. Der Student, der eben eine Computerspielmelodie vor sich hin gesummt hat, kommt vom Mülleimer zurück zum Tisch und stockt, als er plötzlich in das Gesicht des Toten blickt. »Ich will ihn gar nicht sehen«, sagt er. Sein Gesichtsausdruck verrät in diesem kurzen Moment eine leise Traurigkeit.

Am Ende des Kurses wird das Gesicht, in das der Student jetzt schaut, nur noch aus den freigelegten Muskeln bestehen. Jedes Jahr im Sommer, nach der Einäscherung und der Beisetzung, richten die Studenten in der kleinen Kirche neben dem Urnenfeld eine Gedenkfeier für die Angehörigen der Körperspender aus. Sie machen Musik, sprechen Fürbitten für die Toten und danken ihnen, dass sie an ihren Körpern lernen durften.

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