SchweizUnd fort der Stolz

In zwei Jahren verlor das Dorf Luterbach die Hälfte seiner Arbeitsplätze. Nach den Stellen werden nun die Maschinen abgebaut. von Olivia Kühni

Als Norbert Briefer an diesem Abend im Rössli sein Schnitzel isst, sitzt er abseits des Stammtischs. Briefer ist Österreicher, 900 Kilometer fern seiner Heimat. Ein Fremder mit knochigem Gesicht, strähnigen Haaren, wachen Augen. Tagsüber schraubt und hievt und schwitzt er unten an der Aare. Er ist hier, um eine Maschine abzubauen, an der manche im Dorf ihr Leben verbracht haben. Briefer blickt lange hinüber zum runden Tisch. Sieben Männer sitzen dort, alles Monteure. Dann sagt er leise: "Wir sind die Bösen hier. Ja sicher sind wir die Bösen."

Luterbach im Kanton Solothurn – Gemeindehaus, Bäckerei, Beiz, an den Rändern des Dorfes lehmiges Ackerland, Wellblechgebäude und die Straße in die Stadt –, dieses Luterbach hat es schwer gehabt in den letzten Jahren. Im November 2008 schloss die norwegische Firma Borregaard die 127jährige Zellulosefabrik Attisholz unten an der Aare. Die Schwyzer Sägerei Schilliger, die neben die Fabrik ziehen und ihr Restholz dort verarbeiten lassen wollte, zog zurück und kaufte stattdessen ein Werk im Elsass. Fast gleichzeitig entschloss sich die Firma Schaffner, ihre Elektronikteile nur noch in Ungarn zu produzieren. Und Step-Tec, die auf der anderen Seite des Dorfes Präzisionsspindeln herstellt, entließ unter dem Druck der Wirtschaftskrise ein Drittel der Belegschaft.

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540 Stellen verschwanden innerhalb von zwei Jahren, gut die Hälfte aller Arbeitsplätze im Dorf. 1,5 Millionen Steuerfranken schmolzen weg. "Wir können uns nichts mehr leisten", sagt ein Gemeinderat. "Wenn jetzt ein paar Wasserleitungen platzen, dann haben wir ein Problem."

Der nächste Tag bringt Luterbach eine helle Frühlingssonne. Es ist kurz vor 12 Uhr mittags. Der Asphalt vor der ehemaligen Zellulosefabrik Attisholz glitzert in den Augen. Der Österreicher Briefer hievt mit fünf Kollegen Lüftungsschächte auf die Ladefläche eines Lastwagens. Hinter ihm ragen ein rundes, silbernes Silo und ein blauer Turm 50 Meter hoch in die Luft. Daneben steht ein graues Backsteingebäude. In der Wand klaffen große, dunkle Löcher. Sechs Betonpfeiler vor dem Gebäude deuten an, wo noch vor Kurzem 24 Meter hohe Behälter standen. In ihnen wurde einst dem Abfall aus der Zelluloseproduktion das Wasser entzogen, damit die eingedickte Lauge verbrannt werden konnte. Aus den Höhlen in der Wand führten Rohrleitungen die Flüssigkeit in die Türme.

Der Chauffeur fährt los. Wenn er noch vor 17 Uhr am nächsten Tag in Österreich sein will, muss er sich beeilen. Sie warten dort in der Zellulosefabrik Lenzing – einer Leitzentrale von Fabriken in Asien, Europa, Amerika –, bis er die letzten Teile der Maschine aus Luterbach bringt. Briefer hat Pause. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und zündet eine Zigarette an. Er starrt in die dunklen Wunden der Backsteinwand. "Wenn man sich das anschaut", sagt er, "dann tut das weh." Briefer hat schon in Rumänien Maschinen abgebaut und in Norwegen. Aber noch nie, sagt er, sei eine Fabrik so unversehrt und neu gewesen wie diese. Die Jungen sind schon auf dem Weg in den Pausenraum. Sie werden gleich Bergkäse aus dem Coop essen, Peperoni, Aufschnitt, Cervelats. Sie machen nur ihre Arbeit. Aber er, der seit 23 Jahren Monteur ist und einiges gesehen hat, runzelt die Stirn.

Als Borregaard zumachte, verlor Sepp Rüetschli auf einen Schlag 40 Prozent seines Umsatzes. "So etwas kann man nicht wieder wettmachen", sagt er. "Das fehlt für immer." Rüetschli handelt mit Brennstoffen in Luterbach, wie sein Vater und sein Großvater vor ihm. Als "das Attisholz" noch produzierte, holte er jeweils zwei Stapel Holz aus dem Wald zwischen Dorf und Autobahn: Einen verkaufte er als Brennholz weiter, den anderen lieferte er der Zellulosefabrik. Heute holen fremde Transporteure die Fichtenstämme und schaffen sie in die Spanplattenfabrik Menznau, 60 Kilometer weit durch die Landschaft. Rüetschli kann auch ohne das Holzgeschäft überleben. Aber seine Bürohilfe, die hat er entlassen.

Er ist damit nicht alleine: An jedem Arbeitsplatz, der bei den Werkschließungen verloren ging, hing eine weitere Stelle, schätzt der regionale Wirtschaftsförderer Max Wittwer. Zulieferer, Chauffeure, Bauarbeiter, Reinigungsdienste, Beizen – wenn die Größeren wanken, straucheln sie mit. Wie viele von ihnen ihre Leute entließen, wird erst die nächste Volkszählung zeigen.

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