In Krefeld will das Publikum eine »Maschinensteuer für Unternehmen«, weil die Bosse dann menschliche Arbeitskraft nicht mehr durch Maschinen ersetzen würden. In Münster eine »Solidaritätserklärung mit den griechischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern«. In Dortmund fordern einige »ein Recht auf Rausch«.

Willkommen bei der Linken in Nordrhein-Westfalen, jenem Landesverband, der von der Bundespartei als Sammelbecken für »Spinner« bezeichnet wird und dessen Mitglieder auf Parteitagen T-Shirts mit dem Aufdruck »Radikalinsi« tragen. Dieser Landesverband wird nun über die Zukunft der Linken im Westen entscheiden – und über die künftige Regierungskonstellation in Nordrhein-Westfalen, dem Schlüsselland für den politischen Großtrend. Zieht die Linke nach der Wahl am 9. Mai in den Düsseldorfer Landtag ein, reicht es dort wohl weder für ein schwarz-gelbes noch ein rot-grünes Regierungsbündnis. Dann kommt die SPD, will sie ohne die Rüttgers-CDU regieren, an den Linken nicht vorbei.

Wer sind also diese Linken? Zu Besuch bei einer heterogenen Partei, die ihre Identität zwischen programmatischer Radikalität und politischer Wirklichkeit sucht. Zu Besuch bei drei Linken, die als Landtagskandidaten das Bild ihrer Partei nach außen prägen.

Es ist ein besonderer Tag für Carolin Butterwegge, Ehefrau von Christoph Butterwegge, Politik-Professor an der Uni Köln, ehemaliger Sozialdemokrat und in der linken Szene eine große Nummer. Carolin Butterwegge hat heute den Vorabdruck ihrer Dissertation über Kinderarmut bei Migranten abgegeben. Eigentlich ein Grund zum Feiern, doch weil Wahlkampf ist, feiert die schlanke Frau mit dem roten Mantel nicht, sie diskutiert. Seit 2005 gehört sie zur Partei, sie ist in die WASG eingetreten, als klar war, dass west- und ostdeutsche Linke eins werden wollen. »Politisch engagiert bin ich immer gewesen«, sagt Butterwegge. Zur SPD oder den Grünen wollte sie aber nicht, »weil die keine wirklich linke Politik machen«.

Butterwegge, die als Sozialarbeiterin in Kenia Straßenkinder und in Köln Obdachlose betreut hat, sah in der Fusion von WASG und PDS die Chance, eine Partei mitzugestalten, die ihrem politischen Anspruch gerecht würde. Und so hat sie in Köln geholfen, der Linken Struktur zu geben, Ortsverbände aufgebaut und versucht, resistente Trotzkisten wie Fusionsverweigerer einzubinden. Nun hat ihre Partei sie auf Platz drei der Landesliste gewählt.

Carolin Butterwegge gehört zur Sozialistischen Linken (SL), die zusammen mit der Antikapitalistischen Linken (AKL) zu den beiden Strömungen zählt, die in NRW das Sagen haben – und deren interne Machtkämpfe lange die Partei beherrscht haben. Die AKL ist radikal, die SL beschreibt sich als radikal und realistisch. Hört man Butterwegge zu, scheint das zu stimmen. Sie sagt Sätze wie: »Unsere Gegner sind CDU und FDP, nicht die Sozialdemokraten.« Oder: »Abseits des Wahlkampfgetöses ließen sich genug Gemeinsamkeiten zwischen SPD, Grünen und Linken finden.«

»Wenn man ideologiefrei miteinander umgeht, sind Bündnisse möglich«

Das ist wenige Stunden später in Krefeld bei einer Diskussionsrunde über Sozialpolitik zu beobachten. Auf dem Podium sitzen Butterwegge, der SPD-Bundestagsabgeordnete Anton Schaaf und sein CDU-Kollege Ansgar Heveling. Der CDU-Mann sagt, er sei gelernter Jurist und Sozialpolitik eigentlich nicht sein Thema. »Was will er dann hier?«, fragt ein älterer Mann aus dem Publikum. Heveling scheint sich das auch zu fragen. 

»Da kann ich nur zustimmen« – so beginnt SPD-Mann Schaaf viele seiner Sätze, wenn er auf die Ausführungen von Butterwegge antwortet. Und so beginnt auch Butterwegge viele ihrer Sätze, wenn sie Schaafs Ansichten kommentiert. Ob bei der Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn oder nach einer solidarischen Rentenversicherung – zumindest auf diesem Podium sind sich Linke und SPD einig. Als ein Referent für ein bedingungsloses Grundeinkommen plädiert, erklärt Butterwegge dem linken Mainstream zum Trotz: »Ich halte nichts davon, nach dem Gießkannenprinzip zu alimentieren.« Schaaf nickt heftig mit dem Kopf, so wie ein Wackeldackel auf der Autorückbank. Am Ende sagt er: »Wenn man ideologiefrei miteinander umgeht, sind Bündnisse durchaus möglich.« Butterwegge lächelt verlegen.