TV-Doku über Rudi Dutschke Heiliger Rudi
In dem Dokudrama über Rudi Dutschke wird der Revolutionär zum guten Gott von West-Berlin.
© Jochen Roeder/ZDF

Der gute Gott von West Berlin: Rudi (Christoph Bach) und Gretchen (Emily Cox) kommen mit dem neugeborenen Hosea Che nach Hause
So sauber haben wir sie noch nie gesehen, die wilden Jahre der Studentenbewegung. Selbst die Rauchschwaden in der SDS-Versammlung erscheinen clean, inszeniert als Grusel für eine zigarettenfeindliche Gegenwart. Und Hosea Che wirkt auf dem Wickeltisch keimfrei und macht seinem ungestressten Idealpapa Rudi beim Windelnwechseln keine antiautoritären Schwierigkeiten. Aber da ahnt der Kleine auch noch nicht, dass das Private politisch ist und Papa ihn wenig später im Kinderwagen mal eben auf Bomben betten wird. Schmutzig sind nur die anderen: die bedrohlichen Westberliner Spießer.
Der Revolutionär Rudi Dutschke marschiert am Dienstag in die moderne Walhalla der Deutschen: Er bekommt ein TV-Dokudrama zur besten Sendezeit. Doch während in diesem Genre ansonsten Brandt, Schmidt oder Kohl, jedenfalls Männer im Anzug auftreten, muss Rudi im Pullover hier vor allem gut aussehen und gut sein. Christoph Bach spielt ihn in einer verblüffenden Anverwandlung, inklusive Sprachfärbung. Aber es fehlt das Manische der historischen Gestalt. Und der Zuschauer hofft vergeblich, dass Rudi statt mit »Was heißt SDS?«-Gretchen (Emily Cox) mal mit der schönen Helga (Lisa Marie Janke) in die Kiste springt. Rudi bleibt der gute Gott von West-Berlin, um den die reale Helga Reidemeister vor der Kamera noch immer Tränen vergießt.
Die Filmemacher Stefan Krohmer und Daniel Nocke sind Nachgeborene, die wissen, dass die Revolte heute crazy und sexy zugleich aussieht: Hey, das waren völlig durchgeknallte Typen, aber schon cool auch, mit Idealen und so. Sie lassen perfiderweise die Zeitzeugen Bernd Rabehl und Gaston Salvatore – Letzterer eine Alt-68er-Karikatur, im antiken Sessel vor drei offenen Rotweinflaschen – als peinliche alte Revoluzzer-Säcke übereinander hetzen.
Joscha Schmierer und Peter Schneider geben bräsige Ex-Rebellen. Man fragt sich, warum gerade Eberhard Diepgen und der Journalist Claudius Seidl als Dutschke-Deuter auftreten. Optisch toben sich die Filmemacher aus. Immer wieder geraten Kachelöfen fürs Zeitkolorit ins Bild, vor denen sich junge Menschen tummeln, die aussehen, als wären sie für einen H&M-Werbespot gecastet und wüssten nicht sogleich, wer Ho Chi Minh war: Die Hemden liegen schön am Körper und sind auch beim Tischtennis in Hans Werner Henzes Villa bei Rom nie verschwitzt. Und der Gaston-Salvatore-Darsteller sieht aus wie Jürgen Drews (Ein Bett im Kornfeld): Die Zigarette lässig im Mundwinkel, übersetzt er beim Tellerabtrocknen Che Guevara, während Rudi mittippt. So schön kann Revolution sein.
Dieses Idyll mit integriertem Attentat kennt nur den heiligen Rudi, der nicht mal die Bomben des italienischen Verlegers Feltrinelli zünden will. Eine große Szene wie Dutschkes geballte Faust 1977 am Grab des RAF-Terroristen Holger Meins und seinen Ruf »Holger, der Kampf geht weiter!« lassen Krohmer und Nocke weg; sie passt nicht ins Bild. So manipuliert das siegreiche Schweinesystem. Rudi, der Kampf ist vorbei.
Dienstag, 27. April, ZDF, 20.15 Uhr
- Datum 27.04.2010 - 11:45 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.04.2010 Nr. 17
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immer diese mehr oder weniger feinen Seitenhiebe. Aber, ich freue mich bereits auf Dokus in welchen die eifrigsten Verfechter Neoliberaler Gesinnung als Karikatur mit ebensolchen Seitenhieben bedacht werden... Der Anfang ist ja schon gemacht und wenn es nur die mangelnde Bereitschaft ist anderen zuzuhören. Ein zartes Pflänzchen noch, aber wer weiss was daraus wird. Mit der richtigen Dosis von Verstehen, Ueberzeugen und Zuhören klappt es eventuell auch bei den ganz harten unter uns... und wenn nicht dann werden Sie immerhin noch als "alte Revoluzzer" in vergammelten Sesseln bei einem Glas roten sinnieren dürfen...
M.E. war Rudi Dutschke ein harter Arbeiter im Ringen darum, einen "dritten Weg" im Kampf gegen die Unterdrückung des Menschen zu finden. Seine Lebenslust hätte er vermutlich auch im Erfolgsfall nicht durch das Tragen teurer Anzüge und das Fahren teuer Autos dokumentieren müssen. Für solch Differenzierung war allerdings auch damals in der Presse kein Platz.
Es ging ihm um alle Menschen, jenseits kleinlicher Frauendiskussionen, deren Originalton eine treffende Beschreibung des damals Erlebten war, vorbehaltlich natürlich immer der Erscheinung einer Uschi Obermaier. Und die Folgen der Geringschätzng von Kindern erleben wir heute.
Seiner großzügen Attitude, dem Verzeihen des Unglücklichen Attentäters, standen vermutlich einige Attentäter der RAF näher als seine kleinbürgerlichen politischen Mitstreiter mit ihrer Anbetung des stalinistisch Revolutionären (Ein "vaterländischer" Krieg wäre mit denen allerdings trotzdem nicht zu gewinnen gewesen).
Hätte er weiter bei den Grünen arbeiten könen, hätten die K-Gruppen geschulten "Stalinisten", für die das Atom die Möglichkeit der Machtlegitimation war, nicht so leicht die Macht übernehmen können, und es gäbe vielleicht nicht nur einen grünen Bürgermeister in Deutschland.
Sein Holger "der Kampf geht weiter" ist ein spontanes bewegtes Symbol und keine inhaltliche Zustimmung zum Terrorismus.
Der Film ist nicht anders als andere Filme über verdiente Leute und eine Hinrichtung zur Befriedigung seiner linken Gegner ist unnötig.
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