Partyknabbereien Deutschland in Häppchen

Vom Mett-Igel zur Wasabi-Nuss: Was Partyknabbereien über das Jahrzehnt verraten, in dem sie erfunden wurden von Elisabeth Raether

Possierliches Tierchen aus Schweinehack: der Mett-Igel

Possierliches Tierchen aus Schweinehack: der Mett-Igel  |  © Adelemackerel/Flickr

Über den Mett-Igel, das Tierchen aus Schweinehack, das in den fünfziger Jahren auf den Buffets in einem Nest aus Gurkenscheiben saß, spricht man heute im Tonfall der Entronnenen. Gott sei Dank haben wir es besser! Die Geschichte der Partysnacks erscheint uns wie der Beleg unseres kulinarischen Aufstiegs. Dabei unterliegen Partysnacks einfach dem Wandel der Zeit, und ein Buffet erzählt nur von den Sehnsüchten und Erschwernissen einer Epoche.

Wir finden heute den Humor unreif, der einen dazu bringt, aus rohem Hackfleisch einen Igelkörper zu kneten, in den man rohe Zwiebelstücke als Stacheln steckt, oder aus einer Gurke ein Schiffchen zu basteln, dessen Segel aus Jagdwurst sich im Wind bläht. Und hat man nicht überhaupt diese ausgestellte gute Laune am Buffettisch im Verdacht, nur verbergen zu wollen, dass man keine zehn Jahre vorher noch versucht hatte, die Welt ins Verderben zu stürzen? Der Mett-Igel steht nicht nur für ungesunde Ernährung, sondern für die gruselige Frivolität der fünfziger Jahre.

"Dabei war der Mett-Igel auch der Beginn der kreativen Küche", sagt Peter Peter, Mitglied der Deutschen Akademie für Kulinaristik und Autor der Kulturgeschichte der deutschen Küche: der linkische Versuch, den Normenkanon aufzulösen, und somit der Beginn der Moderne in der deutschen Küche.

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In den sechziger Jahren hatte man das gegenständliche Dekorieren dann überwunden. Man experimentierte jetzt – mit ein paar Jahren Verzögerung auch in der DDR – mit Rezepten aus den Nachbarländern, Frankreich, Ungarn und Italien. Es gab Birne Helene, Pasteten und Schaschlik.

Der klassische Party-Beitrag in den Siebzigern: Nudelsalat in der Plastikschale

Der klassische Party-Beitrag in den Siebzigern: Nudelsalat in der Plastikschale  |  © DieKatrin/Flickr

In den siebziger Jahren machte der Obstsalat aus Dosenfrucht klar, dass die westdeutsche Gastgeberin sich vom Patriarchat keine wertvolle Lebenszeit rauben ließ, indem sie eine Ananas schälte. Fürs Buffet brachte jeder etwas mit. Beliebtes Rezept: der Nudelsalat, transportiert in einer Plastikschale. Man zog die Schuhe aus und setzte sich hin, wo Platz war. Jemand anderes brachte ein Nasigoreng mit oder eine indonesische Reispfanne, und schon ergab sich eine Diskussion über den Kommunismus in Südostasien.

Die kulinarische Gegenbewegung der achtziger Jahre traf sich beim Nobelitaliener und ließ sich ein Partybuffet einiges kosten: eine willkommene Gelegenheit zur Distinktion. Der Partyservice brachte Lachs, Kaviar, Garnelen, danach trank man rubinroten Barolo. "Reisekundig und luxuslastig" nennt Peter Peter diese Küche.

In den Neunzigern wird es exotisch: mit Sushi konnte man damals beeindrucken

In den Neunzigern wird es exotisch: mit Sushi konnte man damals beeindrucken  |  © Puamelia/Flickr

Eine Idee vom Essen, die man sich in den Neunzigern beibehielt, als das Geld auf der Straße zu liegen schien, man Sushi und Straußensteaks aß und Speisen schließlich im Labor zubereiten ließ – die Molekularküche war die exaltierte Neuerfindung des Kochens.

"Heute mag man lieber ehrliche Produkte", sagt Alexej Oberoi, Geschäftsführer beim Käfer Partyservice in München. Kaviar verkauft er kaum noch, Bärenkrebse aus dem Südchinesischen Meer werden gar nicht mehr angeboten. Über so viel Firlefanz lacht er heute, sagt er. Stattdessen gibt es rheinischen Sauerbraten und Kartoffelsalat. Als alle Normen des Buffets aufgelöst waren, blieb nichts, als sich auf schon Dagewesenes zu besinnen.

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Leserkommentare
  1. Hallo,

    aus meiner Erfahrung als Hausfrau und Mutter kann ich nur sagen: auch heute ist der Mett-Igel noch ein Partykracher auf den Kindergeburtstagen meiner Söhne Nikolai und Lukas. Die beiden stört das etwas angestaubte 50'er Jahre image gar nicht.

    Kleiner Tipp: Salzstangen an Stelle der Zwiebeln lassen die Igel noch etwas stacheliger aussehen! Probierts mal aus!

  2. ALso ich mochte als Kind sicher nich Mett essen.
    Haben SIe also primsa sozialisiert! Glückwunsch!

    • nsustr
    • 23. April 2010 17:31 Uhr

    ...wenn jemand einen Igel aus Mett macht. Sehr gut gefällt mir auch der aus Mett gebasteltete Schweinekopf an der Fleischtheke meines örtlichen Supermarktes.

    • sauce
    • 23. April 2010 18:38 Uhr

    Geschmäcker und Moden ändern sich.... das macht sie aus!
    Was heute total "in" ist, wird in 20 Jahren Grusel-Gänsehaut hinterlassen ..... bei all denen, die so arrogant sind, ihren augenblicklichen Geschmack für festzementiert in alle Ewigkeit zu halten.
    Ich würde heute niemandem mehr Toast Hawaii als kulinarischen Höhepunkt vorsetzen - vor 30 Jahren bei meiner Oma fand ich ihn sehr lecker und schäme mich nicht dafür.
    Bißchen mehr Toleranz den früheren Zeiten gegenüber ist auch ein Beitrag zum Frieden ;)

  3. Der Igel ist echt cool!
    Den mach ich auch mal.

    Natürlich ist es etwas fies, das Fleisch erst zu töten, kleinzumüllern, um dann wieder ein Tier draus zu kneten, aber die Assoziation wär mir ja nie im Leben gekommen, wär ich nicht durch den Text so draufhingewiesen worden.

    • mogatu
    • 24. April 2010 1:36 Uhr

    Kompliment an die Redaktion, schön gebastelt!
    Den mache ich als Vegetarier sogar noch für Partys, um die Fleischesser auf die Probe zu stellen. Aber auf dem Kindergeburtstag? Das ist Körperverletzung!

  4. Ich habe so etwas nie gegessen, allerdings war ich stets ein Fan von Beef Tatar! Mjam.

  5. Wieso ist ein Mettigel am Kindergeburtstag Körperverletzung? Und wenn jweismann als Kind kein Mett essen wollte, so gilt das jetzt ebenfalls als absolut? Wahrscheinlich haben Eure Kinder auch nicht im Matsch spielen dürfen, sich die Knie aufgeschürft, noch nie Milch beim Bauern getrunken (wahrscheinlich auch noch nie einen Bauernhof, eine Metzgerei, eine Bäckerei von Innen gesehen), sind noch nie barfuß über Wiesen, Kies und Sand gelaufen, finden Tiere nicht nützlich sondern süüüüß und sind deshalb vollkommen intolerant gegenüber NichtvegetARIERN und vor allem: Jedes einzelne ist mit mindestens einer Allergie gesegnet.

    Um jweismann nochmal zu zitieren: Haben Sie also prima sozialisiert! Glückwunsch!

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  • Schlagworte Ananas | DDR | Sushi | Frankreich | Italien | Ungarn
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