Über den Mett-Igel, das Tierchen aus Schweinehack, das in den fünfziger Jahren auf den Buffets in einem Nest aus Gurkenscheiben saß, spricht man heute im Tonfall der Entronnenen. Gott sei Dank haben wir es besser! Die Geschichte der Partysnacks erscheint uns wie der Beleg unseres kulinarischen Aufstiegs. Dabei unterliegen Partysnacks einfach dem Wandel der Zeit, und ein Buffet erzählt nur von den Sehnsüchten und Erschwernissen einer Epoche.

Wir finden heute den Humor unreif, der einen dazu bringt, aus rohem Hackfleisch einen Igelkörper zu kneten, in den man rohe Zwiebelstücke als Stacheln steckt, oder aus einer Gurke ein Schiffchen zu basteln, dessen Segel aus Jagdwurst sich im Wind bläht. Und hat man nicht überhaupt diese ausgestellte gute Laune am Buffettisch im Verdacht, nur verbergen zu wollen, dass man keine zehn Jahre vorher noch versucht hatte, die Welt ins Verderben zu stürzen? Der Mett-Igel steht nicht nur für ungesunde Ernährung, sondern für die gruselige Frivolität der fünfziger Jahre.

"Dabei war der Mett-Igel auch der Beginn der kreativen Küche", sagt Peter Peter, Mitglied der Deutschen Akademie für Kulinaristik und Autor der Kulturgeschichte der deutschen Küche: der linkische Versuch, den Normenkanon aufzulösen, und somit der Beginn der Moderne in der deutschen Küche.

In den sechziger Jahren hatte man das gegenständliche Dekorieren dann überwunden. Man experimentierte jetzt – mit ein paar Jahren Verzögerung auch in der DDR – mit Rezepten aus den Nachbarländern, Frankreich, Ungarn und Italien. Es gab Birne Helene, Pasteten und Schaschlik.

In den siebziger Jahren machte der Obstsalat aus Dosenfrucht klar, dass die westdeutsche Gastgeberin sich vom Patriarchat keine wertvolle Lebenszeit rauben ließ, indem sie eine Ananas schälte. Fürs Buffet brachte jeder etwas mit. Beliebtes Rezept: der Nudelsalat, transportiert in einer Plastikschale. Man zog die Schuhe aus und setzte sich hin, wo Platz war. Jemand anderes brachte ein Nasigoreng mit oder eine indonesische Reispfanne, und schon ergab sich eine Diskussion über den Kommunismus in Südostasien.

Die kulinarische Gegenbewegung der achtziger Jahre traf sich beim Nobelitaliener und ließ sich ein Partybuffet einiges kosten: eine willkommene Gelegenheit zur Distinktion. Der Partyservice brachte Lachs, Kaviar, Garnelen, danach trank man rubinroten Barolo. "Reisekundig und luxuslastig" nennt Peter Peter diese Küche.

In den Neunzigern wird es exotisch: mit Sushi konnte man damals beeindrucken

Eine Idee vom Essen, die man sich in den Neunzigern beibehielt, als das Geld auf der Straße zu liegen schien, man Sushi und Straußensteaks aß und Speisen schließlich im Labor zubereiten ließ – die Molekularküche war die exaltierte Neuerfindung des Kochens.

"Heute mag man lieber ehrliche Produkte", sagt Alexej Oberoi, Geschäftsführer beim Käfer Partyservice in München. Kaviar verkauft er kaum noch, Bärenkrebse aus dem Südchinesischen Meer werden gar nicht mehr angeboten. Über so viel Firlefanz lacht er heute, sagt er. Stattdessen gibt es rheinischen Sauerbraten und Kartoffelsalat. Als alle Normen des Buffets aufgelöst waren, blieb nichts, als sich auf schon Dagewesenes zu besinnen.