ZEITmagazin: Herr Eliasson, Ihre Ausstellung »Innen Stadt Außen« im Berliner Martin-Gropius-Bau wird erst am 28. April eröffnet, aber schon seit Monaten sind Objekte von Ihnen, kommentarlos, in der Stadt verteilt. Einige davon haben Sie vorige Woche im ZEITmagazin zu einer Bilderstrecke zusammengestellt, ebenfalls kommentarlos. Warum?

Olafur Eliasson: Es hat mit den Erfahrungen zu tun, die ich bei meinen letzten Ausstellungen gemacht habe: in San Francisco vor drei Jahren, dann im New Yorker MoMA, Chicago, Dallas, Sydney. In Japan ist gerade eine zu Ende gegangen, eine andere läuft jetzt in China. Was die Museen an allen diesen Orten gemeinsam haben, ist eine sehr traditionelle PR-Arbeit. Ihr einziges Ziel ist, mehr Besucher ins Museum zu locken.

ZEITmagazin: Was ist daran so schlimm?

Eliasson: Diese Kommunikation von Kunst beschäftigt sich vor allem mit Berühmtheit, mit zählbaren Erfolgen – es ist die klassische Mythologisierung der künstlerischen Person. Damit wird aber nicht unbedingt eine bessere Ausstellung ermöglicht. Eher im Gegenteil, wenn man nicht aufpasst, werden unglaublich blöde Sachen erzählt, weil man eben um jeden Preis mehr Zuschauer anziehen will. Die Museumsleiter wollen den Politikern ihre Besucherzahlen zeigen, um das nächste Budget und ihr nächstes Jahresgehalt zu sichern.

ZEITmagazin: Aber Sie wollen doch auch, dass Ihre Kunstwerke gesehen werden?

Eliasson: Natürlich, jedes Objekt, jedes Kunstexperiment braucht Betrachter. Aber Museumsbesucher bringen immer auch ihre Erwartungen mit, und die können durch Kommunikation stark beeinflusst werden. Wir haben uns überlegt: Wie können wir dieses Projekt in einem Medium präsentieren, das sich normalerweise sehr stark mit Personen beschäftigt? Daraus entstand die Idee, das ZEITmagazin zum Teil des öffentlichen Raums zu machen. Denn es ist ja ein sehr öffentliches Medium.

Innen Stadt Außen: Olafur Eliassons Arbeiten in Berlin © Olafur Eliasson

ZEITmagazin: Sobald man weiß, dass im öffentlichen Raum Berlins mehr oder weniger unauffällige Objekte von Ihnen verteilt sind – und spätestens seit voriger Woche wissen es sehr viele –, nimmt man die Stadt etwas anders wahr: Man hält Ausschau nach diesen Objekten oder verdächtigt ganz normale Alltagsgegenstände, auch eine Installation von Ihnen zu sein. Hat dieses Spiel mit der Wahrnehmung für Sie eine Bedeutung über das Ästhetische hinaus? Hat es auch eine moralische Funktion? 

Eliasson: Definitiv. Ästhetik und Moral sind für mich keine getrennten Bereiche. Ästhetik ohne Moral gibt es nicht. Aber ich würde normalerweise nicht das Wort »moralisch« verwenden, sondern sagen: politisch, sozial, gesellschaftlich. Was Sie gerade beschrieben haben, kenne ich selbst sehr gut: Ich habe mich eine Zeit lang so stark mit Spiegeln beschäftigt, dass ich in Fensterscheiben nur noch die Spiegelungen sah und kaum noch durch sie hindurchgucken konnte. Was daran so fantastisch ist: Wir glauben immer, unsere Wahrnehmung sei objektiv. Das ist sie aber überhaupt nicht, sie ist manipulierbar. Wahrnehmung ist ein Kulturprodukt. Je besser man das erkennt, desto mehr kritisches Potenzial entwickelt man gegenüber seiner Umgebung. Der »objektive« Mensch wird schnell zum passiven Konsumenten.

ZEITmagazin: Er nimmt die Dinge als gegeben hin.

Eliasson: Ja, als unveränderlich. Nur wenn man die Welt als relativ ansieht, kann man sich vorstellen, selbst auf die Gesellschaft einzuwirken, als Einzelner oder im Kollektiv. Schon dadurch hat die Wahrnehmung immer auch politische Konsequenzen.