Großmutter Won-Ok Gil trotzt diesem harten Winter in Korea barhäuptig. So ist immer die Narbe unter ihrem dünnen Haar zu sehen, die sich über den Scheitel zieht. Ein japanischer Soldat hatte einst mit dem Säbel im Futteral zugeschlagen, als sie ihm nicht zu Willen sein konnte. Sie blutete schon, zu viele Männer hatte sie ohne Pause befriedigen müssen. 1943 war das. Jetzt legt die 83-Jährige die Linke im roten Fausthandschuh auf meine Schulter und schält sich aus der lila Decke. »Ich habe überall Schmerzen, quäle mich hoch. Aber ich sterbe nicht«, sagt sie, »bis diese Leute endlich Farbe bekennen.« Und weist in Seouls Zentrum auf den rostroten Klotz der japanischen Botschaft.

Dem verschanzten Gebäude gegenüber sitzen sechs zerbrechliche Greisinnen auf wackligen Plastikstühlen. Auf ihren gelben Umhängen steht: »Ehre und Menschenrechte für die Trostfrauen«. Sie erinnern an 200.000 ihrer Leidensgefährtinnen aus Korea und dem übrigen Asien, die Tokyos Heeresministerium seit 1938 aus den Dörfern in rund 2000 Militärbordelle der von Japan besetzten Gebiete verschleppen ließ. Die Yian-Fu, die Trostfrauen, waren praktisch Leibeigene des Kaiserreichs, Sexsklavinnen. Elf, zwölf Jahre die Jüngsten, mit Geschlechtskrankheiten verseucht, zu Tode missbraucht, exekutiert oder nach der Niederlage wie zerstörtes Kriegsmaterial an der Front gelassen.

Die Überlebenden fanden sich begraben im Schweigen ihrer verschämten Familien und der Staatengemeinschaft. 47 Jahre Einsamkeit. Bis sich die ersten Frauen am 8. August 1992 an die Öffentlichkeit und vor die japanische Botschaft wagten. Seither kommen sie an jedem Mittwoch zwölf Uhr mittags. Kaum mehr als 80 »Großmütter«, wie mitfühlende Koreaner sie nennen, leben noch im Land. Doch sie werden jetzt mehr als je zuvor zu Zeuginnen der Anklage. Denn es beginnt das »Jahr der Schande« – vor hundert Jahren, 1910, hatte Japan das Nachbarland unter seine Imperialherrschaft gepresst, der Korea erst 1945 entkam.

Hinter Won-Ok Gil und ihren fünf Leidensgefährtinnen stehen an diesem schneidend kalten Mittwoch drei Reihen vor allem junger Leute. Aktivistinnen, die sich um Obdach und Zuflucht für die einsamen Alten kümmern, donnern die Forderungen der einstigen Trostfrauen ins Megafon und lassen alle im Sprechchor wiederholen: »Entschuldigung!«, »Entschädigung!«, »Seid aktiv!« Da recken auch die Großmütter ihre Fausthandschuhe gegen die Botschaft. Von dort haben sie in all den Jahren kein Wort zu hören bekommen.

Über Jahrzehnte hat Tokyo alle Schuld der Armee bestritten – so wie Moskau die Massaker von Katyn durch Stalins NKWD. Als kein Leugnen mehr half, entschuldigte sich Ministerpräsident Murayama 1996 in einem Brief an Koreas Regierung und ließ einen Hilfsfonds einrichten. Schon das ging vielen Japanern zu weit. Die Opfer aber mussten erkennen, dass sich Murayama nicht an sie persönlich gewandt hatte, der Hilfsfonds vor allem privat finanziert wurde und Japan weiter Dokumente zurückhält.

In diesem Februar hat Won-Ok Gil deshalb mit den da noch 86 Überlebenden nach Japan geschrieben: »Lieber Außenminister … Wir kämpfen weiter darum, jeden Tag zu überstehen, um unsere zertretene Ehre wiederzuerlangen. Das kann nur durch die Öffnung aller Archive, durch eine offizielle Entschuldigung und Entschädigung geschehen.« Tokyos Antwort steht weiter aus.