Robert Åsbacka Mensch, werde seliglich
Robert Åsbacka schreibt einen schönen Roman voll melancholischer Lebensklugheit über das Unglück der "Estonia"
Dies, das spürt man ziemlich von Beginn an, ist einer jener – eher seltenen – Romane, die einem die Frage beantworten, warum man Romane liest.
Es fängt an mit einem, der beim Frühstück in einer Morgenzeitung auf ein Gedicht stößt, eines von Stig Dagerman, das er schon einmal gehört hat, von seiner Frau vorgelesen, die so etwas damals gern tat, so wie er ihr dabei gern zuhörte. Er selber hätte von allein nicht zu Büchern gegriffen. Jetzt lebt seine Frau nicht mehr, aber er hat immerhin ihre Liebe zu den Büchern übernommen, und Samuel Beckett ist jetzt tatsächlich ein Lieblingsautor von ihm.
Er ist ein alter Mann, bald achtzig, und seit seine Frau tot ist, hat er jedenfalls noch die Bücher mit ihren Wörtern, die man nicht vergessen kann, und er hat die Musik. Das macht das Altwerden leichter, das ja an sich eher etwas Schweres ist. Und dann merkt man auch schon, dass man Romane liest, weil man noch auf ein paar andere Fragen gern eine Antwort hätte, etwa wie man leben soll, oder, spezieller, wie man sich das Altwerden etwas leichter machen kann. Erst am Schluss dieses Buches weiß man wieder, dass die wirklich guten Bücher eher neue Fragen stellen als alte beantworten. Aber Antworten liest man lieber, das ist nun mal so, auch wenn die Bücher, in denen sie stehen, nicht ganz so gut sein sollten.
Der Mann heißt Johannes Thomasson, und er ist sicher kein Intellektueller, aber dumm ist er ganz und gar nicht. Er hat einen kleinen Laden gehabt in der Stadt, in der er immer noch lebt. Etwa zweitausend Einwohner hat sie, da kennt man manche davon, und dann wieder wundert man sich, dass man nicht weiß, wer das ist, der da über einem wohnt. Als das mit dem Laden sich nicht mehr rentierte, hat er sich als Lagerverwalter auf Fähren anheuern lassen, und zuletzt war er auf der Estonia, jener Fähre, die unter immer noch nicht ganz geklärten Umständen 1994 gesunken ist. Er war damals schon pensioniert, aber auf jener letzten Überfahrt war seine Frau Siri auf dem Schiff, und sie gehörte nicht zu denen, die überlebt haben. Von da an spricht Thomasson fast nur noch mit seiner Tochter Maja, die mit vollem Namen in den Roman eingeführt wird: Maja Maria Eleonora Thomasson, und mit ihren Lebensdaten: 24.März.1956–3.September.1988. Mit ihr, der toten Tochter, spricht er. Oder sie mit ihm.
Siri war die, die ihm vorlas, sie kannte sich aus bei Büchern, und sie kannte sich aus bei der Musik, der Kirchenmusik vor allem, denn sie war die Organistin der Stadt. Sie hat ihm also auch die Musik vermittelt, und dabei wurde Buxtehude für Thomasson der Größte, auch wenn Siri diese Meinung nicht teilte. Für ihn war das so: »Dietrich Buxtehude weilte über dem Kampfgetümmel, jenseits der großen Gesten. Das war, wie Thomasson es sah, größer als alle Genialität der Welt.« Und vor allem liebt er die Passionskantate Membra Jesu nostri, die über die sieben Teile des Körpers Jesu meditiert, die dann auch nicht von ungefähr die Überschriften der Kapitel dieses Buches sind: Füße, Knie, Hände, Seite, Brust, Herz, Gesicht.
Auch Thomasson ist kein Genialer, wir haben das schon gesagt, und er meint sogar, er sei ein schlechter Menschenkenner, aber das kann eigentlich nicht sein, denn die Menschen, die er dann durch die Umstände kennenlernt – und die wir mit ihm kennenlernen, weil immer so erzählt wird, dass man ganz an seiner Seite bleibt, ohne ihm doch ungehörig nahezukommen – diese Menschen sind sehr freundlich zu ihm, und er würde sie zu seinen guten Bekannten zählen, und gute Bekannte sind sie dann am Ende auch für uns.
Die eigentliche Geschichte geht dann so: Thomasson verstaucht sich bei dem Versuch, einem Jungen gegen seine Mitschüler beizustehen, den rechten Fuß. Nichts Schlimmes, aber doch ein Zeichen für jemanden, von dem es heißt: »Die Tage zogen sich von beiden Enden her zusammen, wie wenn man einen Sack zuknotet. Und unten am Boden des Sacks lag Johannes Thomasson mit einem Körper, der im Begriff war, nachzugeben.«
- Datum 28.04.2010 - 09:45 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 22.04.2010 Nr. 17
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Der im Buch "Das zerbrechliche Leben" erwähnte Roman "Schwedische Hozeit" von Stig Dagerman wurde in diesem Jahr neu aufgelegt. Vielleicht interessant für diejenigen, die schon länger auf eine Neuveröffentlichung von Dagermans Texten warten.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren