Vorsicht: Genaueres kann man nicht wissen. Nicht über Künstler wie Tom Waits, die stets einen Vorhang zwischen ihren Auftritt und ihr privates Leben ziehen. Was eine Haltung sei, für die er größtes Verständnis habe, betont Barney Hoskyns, der britische Musikjournalist, in der Einleitung seiner Tom-Waits-Biografie Ein Leben am Straßenrand. Doch die Gefahr der Verwechslung der Ebenen ist gegeben, schon der Songtitel Lowside of the Road, der als Titel für das Buch dient, fördert die Verwechslung von Leben und Rolle.

Der Barde der Trunksucht, schillernd zwischen einer amerikanischen Version von Charles Baudelaire und einem jüngeren Charles Bukowski – das mag für den Tom Waits der siebziger Jahre stimmig sein, der in Los Angeles in einem schmuddeligen Motel wohnte, Texte schrieb, die von den Menschen im Straßengraben der Wohlstandsgesellschaft erzählten, heftig trank und seine Stimme zu dem dunklen Stumpf ruinierte, der zu seinem Erkennungssound wurde. Aber seit 30 Jahren lebt Waits in aufgeräumten Verhältnissen, hat mit seiner Frau Kathleen Brennan drei Kinder großgezogen und seine Kreise bis in die gepflegten Theatersäle Europas ausgeweitet.

Straßenrand? Allenfalls wenn man ihn als Gegenbild zur Straßenmitte auffasst, denn die hat Waits mit seiner Kunst als Musiker und Schauspieler in Film und Theater konsequent gemieden. Als ein Musiker, der seine Musik immer wieder radikal vom branchenüblichen Schönklang abgrenzt, der mit Kontrabass und Saxofon einen coolen Jazzsound herbeischreibt oder ein Vaudeville-Instrumentarium mit Marimba, Akkordeon und verstreuten Perkussionsinstrumenten einsetzt, während auf der Überholspur sorgfältig polierte Hightech-Sounds dahingleiten, hat sich Waits einen Sonderstatus erschaffen: als Popstar, für den die Marktgesetze des Pop außer Kraft gesetzt sind.

Was man weiß und was Hoskyns mit großer Liebe fürs Detail nacherzählt: Thomas Allen Waits, geboren im Dezember 1949, war das Kind zweier Lehrer. Der Vater ein Nachtschwärmer und Trinker, die Mutter häuslich und religiös. Nach der Trennung der Eltern verbringt Waits seine Jugend bei der Mutter in einem Vorort von Los Angeles; die explodierende Beatszene der sechziger Jahre bleibt ihm fremd. Eher bevorzugt er die alten Meister der amerikanischen Songkunst, er mag den coolen Jazz der Fünfziger und Beat-Poeten wie Jack Kerouac und William S. Burroughs.

Als Waits seine ersten Auftritte in einem Nachtklub in San Diego hat, wo er sonst als Türsteher jobbt, scheint er einer unter vielen. Doch Waits war anders, er mied alle Hippie-Assoziationen und schien es zu lieben, die Songs mit gesprochenen Geschichten zu umrahmen. Dazu kam diese Stimme, mit der Waits spielen konnte, die Wörter zu einer genuschelten Melodielinie verschleifen und schließlich wie betrunken ausspucken konnte. Die dann jedoch blitzschnell in den Hellwach-Modus wechselte, plötzlich scharf wurde und präzise und deutlich machte, dass es sich hier um einen begabten Performer und nicht um einen taumelnden Trinker handelte.

Ein Leben am Straßenrand ist ein Brocken, darin stecken 40 Jahre Karriere als Sänger, Komponist, Schauspieler auf 700 Seiten. Hoskyns musste seine Erzählung entwickeln aus Zeitungsartikeln, alten Interviews sowie aus den vielen Songs, die Waits im Laufe der Jahrzehnte geschrieben hat. Waits hat das Projekt nicht unterstützt, sein Leben ist Schutzzone. Hoskyns ist Fan genug, seine Verehrung für den Künstler dadurch nicht schmälern zu lassen. Auch wenn er den Abschirmring um Waits nicht durchdringen konnte und spektakuläre Enthüllungen ausbleiben, selbst wenn er das umfangreiche Material nicht an jeder Stelle widerspruchsfrei zu sortieren vermag, muss man ihm hoch anrechnen, dass er die Geschichte so erzählt, dass man direkt zum Plattenspieler durchstartet und die alten Alben hervorzieht.