LeihmutterschaftVerbotene Kinder

Das Drama eines Kinderwunsches: Die indische Frau, die sie zur Welt gebracht hat, will die Zwillinge nicht. Die deutschen Eltern, die sie bestellt haben, dürfen sie nicht mit nach Hause nehmen. Denn in Deutschland ist Leihmutterschaft illegal von 

Wie an jedem Samstagnachmittag schaltet Claudius Pankert den Computer an. Erst schnarrt es ein bisschen, dann ertönt ein "Ping". Die Kinder kennen das Geräusch. Sie rennen ins Wohnzimmer: Jetzt kommt die Mama. Jonas schleppt sein Lieblingsbuch heran, Philipp hat sein Kuscheltier dabei. Für drei Stunden gehört ihre Mutter jetzt ihnen. Sie singt mit ihnen Lieder, liest vor, spielt Kasperletheater. Und wenn man für einen Moment die Augen schließt, kann man glauben, einem normalen Familiennachmittag in einem deutschen Wohnzimmer beizuwohnen.

Doch normal ist nichts in der Familie Pankert*. Nicht an diesem Samstagnachmittag, nicht an irgendeinem anderen Tag. Während Mutter Ines in Tübingen in die Kamera auf ihrem Computer schaut, sitzen ihr Mann und ihre beiden Kinder in Jaipur, Indien , vor dem Rechner. Immer wieder vergisst das einer der beiden Jungen und versucht, der Mutter auf dem Bildschirm ein Auto zu geben oder die Kasperlepuppe zu berühren. Dann stößt er hart gegen die flache Scheibe.

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8000 Kilometer trennen die Pankerts voneinander – und die Gesetze zweier Länder. Seit mehr als zwei Jahren. Ihre Geschichte zeigt, wie weit Menschen bereit sind zu gehen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen – und wie ein einziges Wort das schon nicht mehr für möglich gehaltene Familienglück innerhalb einer Sekunde zerplatzen lassen kann: Leihmutterschaft.

Weil sie selbst nicht auf natürliche Weise Eltern werden konnten, haben Ines und Claudius Pankert mithilfe zweier indischer Frauen Zwillinge gezeugt. Die eine Frau spendete ihre Eizellen, die andere lieh ihre Gebärmutter. Claudius Pankert gab seinen Samen dazu. Neun Monate später kamen zwei Kinder zur Welt, Jonas und Philipp. Zwei eingerichtete Kinderzimmer warteten in Tübingen auf die Zwillinge. Sie stehen bis heute leer.

In Deutschland, der Nation mit den weltweit strengsten Regeln zur Fortpflanzungsmedizin , sind die Leihmutterschaft wie auch die Eizellspende verboten. In Indien, das auf dem Gebiet der Kinderwunschbehandlung keine Gesetze kennt, ist beides erlaubt. Nun streiten sich die zwei Länder, wohin die Kinder gehören. Für die indische Seite sind die Pankerts die Eltern, die Kinder also Deutsche. Für die deutschen Behörden gehören die Zwillinge der Frau, die sie geboren hat. Sie sind Inder. Weder die eine noch die andere Regierung ist bereit, die Zwillinge mit einem Pass zu versorgen. Jonas und Philipp Pankert sind seit ihrer Geburt staatenlos.

Weit über tausend deutsche Paare reisen jedes Jahr zur Fruchtbarkeitsbehandlung ins Ausland, schätzt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, Claudius-Steffen Krüssel. In Belgien ist es möglich, Embryonen auf genetische Krankheiten zu testen. In Spanien oder Tschechien stellen junge Frauen ihre Eizellen zur Verfügung. Wie viele Deutsche sich ihren Kinderwunsch mithilfe einer ausländischen Leihmutter erfüllen, weiß niemand. Mindestens ein Dutzend im Jahr dürften es sein. Auch aus Indien wird es die eine oder andere Familie mit ihrem Kind nach Deutschland geschafft haben. Um nicht aufzufallen, behaupten die Frauen meist, bereits in Deutschland schwanger gewesen zu sein und ihr Kind im Ausland bekommen zu haben.

Auch die Pankerts hatten sich eine Lügengeschichte ausgedacht. Claudius sollte sagen, er habe eine indische Freundin, die ihm die Kinder geboren habe. Warum haben sie diese Version nicht erzählt? "Wir wollten die Wahrheit sagen", sagt Ines Pankert. Zudem hatten sie die Prozedur doch in Indien vollzogen, wo die Mietmutterschaft gestattet ist. Das deutsche Recht, so glaubten sie, sei auf ihren Fall nicht anwendbar. Als Claudius Pankert gegenüber dem Konsularmitarbeiter am Telefon das Wort Leihmutterschaft erwähnt, herrscht kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann ist es aus mit der professionellen Freundlichkeit. "Das ist ein Verbrechen", erregt sich der Beamte. "Hierfür werden Sie niemals die Unterstützung der deutschen Behörden bekommen!" Damit ist das Schicksal der Familie besiegelt. "Wir waren blöd, einfach nur blöd", sagt Ines Pankert heute. 

Eine Baby darf keine Ware sein, eine Schwangerschaft keine Dienstleistung

Der Fall der Pankert-Zwillinge ist einzigartig in der internationalen Rechtsgeschichte. Vier Ministerien, zwei Adoptionsstellen, drei Ämter und vier Gerichte haben sich in beiden Ländern mit ihm befasst. In Indien gelangte er bis zur obersten Instanz, dem Supreme Court in Neu-Delhi. Alle großen indischen Medien haben darüber berichtet. "Alles wegen zwei Kindern, die niemandem etwas getan haben", sagt Claudius Pankert.

Der 47-Jährige, ein gelernter Kunsthistoriker, ist ein kleiner Mann mit hängenden Schultern, leiser Stimme und angegrauten Schläfen. Wie an jedem Tag verbringen er und seine Kinder den frühen Abend auf der Dachterrasse ihres Apartmenthauses. Hier jagen die Zwillinge Tauben, planschen mit Wasser oder buddeln in Blumenerde. Sand gibt es hier oben nicht. Die Terrasse ist ihr Zufluchtsort in diesem Land, in dem die drei seit 2008 wider ihren Willen festgehalten werden.

Leserkommentare
  1. Ich finde, der Staat Deutschland muss hier klar differenzieren zwischen den Fehlern, die die Eltern begangen haben und was man jetzt schon seit 2 Jahren den Kindern zumutet. Je länger sich die Geschichte heraus zögert desto schlimmer für die Kinder.

    Zum Nachdenken:
    1. Deutschland ist das Land mit der geringsten Geburtenrate in ganz Europa (http://www.welt.de/politi...).

    2. Deutsche Gesetze schützen Eizellen und ungeborenes Leben, aber was ist mit den Kindern, die nun geboren sind?

    3. Wie soll sich jemand, der keine Probleme hatte, Kinder zu bekommen in jemanden hinein versetzen dessen sehnlichster Wunsch ein Kind ist?

    • Crest
    • 22. April 2010 17:33 Uhr

    Organe auch nicht, könnte man sagen. Dennoch gibt es in letzterem Fall juristische Regelungen, die eine Organspende prinzipiell zulassen (auch eine Lebendspende).

    Wenn sie also wollten, dann würden unsere Herren Juristen doch auch für die Leihmutterschaft einen modus vivendi finden.

    Herzlichst Crest

    • Pjotah
    • 22. April 2010 19:50 Uhr

    Aus der Allegemeinen Erklärung der Menschenrechte:
    Artikel 15 [Recht auf eine Staatsangehörigkeit]

    1. Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Staatsangehörigkeit.

    Es ist eine Schande, wie die deutsche Bürokratie hier über die Rechte unschuldiger Kinder hinwegsetzt!

  2. ... sollte man es herausholen!
    Ein traurige Geschichte, in der es nur Verlierer gibt:
    - die Eltern, die nun getrennt leben müssen und deren dringlichster Wusch, eine Familie zu werden, sich nicht erfüllt hat
    - die Kinder, die zwei Mütter haben, aber nur eine "Tele-Mutter" kennen
    - die biologische Mutter, die das Pech hat, in einem Land zu leben, in denen Frauen ihren Körper (in welcher Form auch immer) verkaufen müssen, um wenigstens ihren eigenen Kindern eine Chance auf ein besseres Leben zu bieten.
    Damit das Ganze wenigstens einen postiven Ausgang findet, kann man wirklich nur hoffen, dass die deutschen Behörden bald ein Einsehen haben!

  3. Nun, wenn die Kinder in Deutschland nicht gewollt sind, kann man der Familie nur raten sich ein neues, gemeinsames Leben in Indien aufzubauen. Das ist keineswegs zynisch gemeint, sondern vielmehr der Versuch, der aussichtslosen Situation eine akzeptable Lösung abzugewinnen. Ich verstehe durchaus den Standpunkt der Bürokraten, aber verwunderlich finde ich in diese Zusammenhang immer wieder, warum es keine individuellen, fallbezogenen Entscheidungen geben kann. Es liegt doch wohl in niemandes Interesse der Familie derart zu schaden? Ich wünsche ihnen jedenfalls, dass die Geschichte einen positiven Ausgang findet.

  4. Deutsche Beamte zucken anscheinend nicht einmal mit der Wimper, wenn sie im Namen der Menschenwürde das Leben einer Familie zerstören. Kinder dürfen keine Ware sein, aber in diesem Fall behandelt der deutsche Staat die Kinder wie Hehlerware.

    • ox
    • 23. April 2010 11:32 Uhr

    Gibt es einen Weg, der Familie evtl durch eine Petition o.ä zu helfen?
    Diese Situation ist doch auf die Dauer unhaltbar!! Was für eine Zukunft sollen denn diese unschuldigen Kinder haben, wenn es nach dem deutschen Staat geht?

  5. Bei allem Mitgefühl und Verständnis für den Wunsch nach eigenen Kindern und dem Versuch, sich diesen mit allen Mitteln zu erfüllen: die Situation ist verursacht durch fahrlässiges Verhalten der Eltern, die sich Kinder in Indien "bestellt" haben, ohne sich vorher über die rechtlichen Konsquenzen zu informieren. Wer auf diese Weise an weniger lebensentscheidende Geschäfte heranginge, gälte zu Recht als naiv.
    Dennoch wird an dieser Stelle ausschließlich auf "die Bürokratie", "die Beamten" und "die Juristen" eingeprügelt, die gefälligst die entstandene Situation aufzulösen und die Gesetze zu ändern haben. Auch wenn im konkreten Fall Familie -vor allem den Kindern - von Herzen zu wünschen ist, dass sie zusammen glücklich sein kann, ist zu hoffen, dass über diese komplexe ethische und gesellschaftliche Frage in Deutschland auch in Zukunft durch die dafür zuständigen Instanzen entschieden wird und nicht durch Einzelne, die die geltenden Gesetze schlicht ignorieren.
    Wer übrigens ethische Bedenken bei der Leihmutterschaft in Indien nicht sieht, möge sich den Film "Google Baby" von Zippi Brand Frank ansehen.

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    der deutschen Beteiligten kann ich bei allem Verständnis für den vehementen Kinderwunsch nicht erkennen.

    Was die Machbarkeits- Medizin mit ihrer wirtschaftlichen Profitgier heute alles zustande bringt, wird nicht hinterfragt, sondern der Befriedigung eigener egozentrischer Wünsche untergeordnet.

    Derartige Kinderwunschprojekte, wie sie gegen besseres Wissen privaterseits - koste es, was es wolle, - durchgezogen werden, haben eher mit grandioser Selbstliebe zu tun. Die Probleme der indischen Leihmutter und schon gar die der armen gezeugten Kinder stehen bei derartigen Entscheidungen überhaupt nicht im Blickfeldt.

    Schlimm, diese altmodischen Ethik-Kommissionen und deren herzlose politische, bürokratische Lakaien, die es wagen, überhaupt noch ethische Grenzen zu setzen! Mit Recht, finde ich.

    Aber sie sollten im Gegenzug dringend dafür sorgen, dass das absurde deutsche Adoptionsgesetz menschenwürdig,(z.B. die unsägliche Altersdiskriminierung muss weg) angepasst wird, um dieses jämmerliche Rechtfertigungs-Argument aus der Welt zu schaffen!

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