Wie an jedem Samstagnachmittag schaltet Claudius Pankert den Computer an. Erst schnarrt es ein bisschen, dann ertönt ein "Ping". Die Kinder kennen das Geräusch. Sie rennen ins Wohnzimmer: Jetzt kommt die Mama. Jonas schleppt sein Lieblingsbuch heran, Philipp hat sein Kuscheltier dabei. Für drei Stunden gehört ihre Mutter jetzt ihnen. Sie singt mit ihnen Lieder, liest vor, spielt Kasperletheater. Und wenn man für einen Moment die Augen schließt, kann man glauben, einem normalen Familiennachmittag in einem deutschen Wohnzimmer beizuwohnen.

Doch normal ist nichts in der Familie Pankert*. Nicht an diesem Samstagnachmittag, nicht an irgendeinem anderen Tag. Während Mutter Ines in Tübingen in die Kamera auf ihrem Computer schaut, sitzen ihr Mann und ihre beiden Kinder in Jaipur, Indien , vor dem Rechner. Immer wieder vergisst das einer der beiden Jungen und versucht, der Mutter auf dem Bildschirm ein Auto zu geben oder die Kasperlepuppe zu berühren. Dann stößt er hart gegen die flache Scheibe.

8000 Kilometer trennen die Pankerts voneinander – und die Gesetze zweier Länder. Seit mehr als zwei Jahren. Ihre Geschichte zeigt, wie weit Menschen bereit sind zu gehen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen – und wie ein einziges Wort das schon nicht mehr für möglich gehaltene Familienglück innerhalb einer Sekunde zerplatzen lassen kann: Leihmutterschaft.

Weil sie selbst nicht auf natürliche Weise Eltern werden konnten, haben Ines und Claudius Pankert mithilfe zweier indischer Frauen Zwillinge gezeugt. Die eine Frau spendete ihre Eizellen, die andere lieh ihre Gebärmutter. Claudius Pankert gab seinen Samen dazu. Neun Monate später kamen zwei Kinder zur Welt, Jonas und Philipp. Zwei eingerichtete Kinderzimmer warteten in Tübingen auf die Zwillinge. Sie stehen bis heute leer.

In Deutschland, der Nation mit den weltweit strengsten Regeln zur Fortpflanzungsmedizin , sind die Leihmutterschaft wie auch die Eizellspende verboten. In Indien, das auf dem Gebiet der Kinderwunschbehandlung keine Gesetze kennt, ist beides erlaubt. Nun streiten sich die zwei Länder, wohin die Kinder gehören. Für die indische Seite sind die Pankerts die Eltern, die Kinder also Deutsche. Für die deutschen Behörden gehören die Zwillinge der Frau, die sie geboren hat. Sie sind Inder. Weder die eine noch die andere Regierung ist bereit, die Zwillinge mit einem Pass zu versorgen. Jonas und Philipp Pankert sind seit ihrer Geburt staatenlos.

Weit über tausend deutsche Paare reisen jedes Jahr zur Fruchtbarkeitsbehandlung ins Ausland, schätzt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, Claudius-Steffen Krüssel. In Belgien ist es möglich, Embryonen auf genetische Krankheiten zu testen. In Spanien oder Tschechien stellen junge Frauen ihre Eizellen zur Verfügung. Wie viele Deutsche sich ihren Kinderwunsch mithilfe einer ausländischen Leihmutter erfüllen, weiß niemand. Mindestens ein Dutzend im Jahr dürften es sein. Auch aus Indien wird es die eine oder andere Familie mit ihrem Kind nach Deutschland geschafft haben. Um nicht aufzufallen, behaupten die Frauen meist, bereits in Deutschland schwanger gewesen zu sein und ihr Kind im Ausland bekommen zu haben.

Auch die Pankerts hatten sich eine Lügengeschichte ausgedacht. Claudius sollte sagen, er habe eine indische Freundin, die ihm die Kinder geboren habe. Warum haben sie diese Version nicht erzählt? "Wir wollten die Wahrheit sagen", sagt Ines Pankert. Zudem hatten sie die Prozedur doch in Indien vollzogen, wo die Mietmutterschaft gestattet ist. Das deutsche Recht, so glaubten sie, sei auf ihren Fall nicht anwendbar. Als Claudius Pankert gegenüber dem Konsularmitarbeiter am Telefon das Wort Leihmutterschaft erwähnt, herrscht kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann ist es aus mit der professionellen Freundlichkeit. "Das ist ein Verbrechen", erregt sich der Beamte. "Hierfür werden Sie niemals die Unterstützung der deutschen Behörden bekommen!" Damit ist das Schicksal der Familie besiegelt. "Wir waren blöd, einfach nur blöd", sagt Ines Pankert heute. 

Eine Baby darf keine Ware sein, eine Schwangerschaft keine Dienstleistung

Der Fall der Pankert-Zwillinge ist einzigartig in der internationalen Rechtsgeschichte. Vier Ministerien, zwei Adoptionsstellen, drei Ämter und vier Gerichte haben sich in beiden Ländern mit ihm befasst. In Indien gelangte er bis zur obersten Instanz, dem Supreme Court in Neu-Delhi. Alle großen indischen Medien haben darüber berichtet. "Alles wegen zwei Kindern, die niemandem etwas getan haben", sagt Claudius Pankert.

Der 47-Jährige, ein gelernter Kunsthistoriker, ist ein kleiner Mann mit hängenden Schultern, leiser Stimme und angegrauten Schläfen. Wie an jedem Tag verbringen er und seine Kinder den frühen Abend auf der Dachterrasse ihres Apartmenthauses. Hier jagen die Zwillinge Tauben, planschen mit Wasser oder buddeln in Blumenerde. Sand gibt es hier oben nicht. Die Terrasse ist ihr Zufluchtsort in diesem Land, in dem die drei seit 2008 wider ihren Willen festgehalten werden.

 

Die Zeit des Wartens hat Claudius Pankert hart gemacht und verbittert. Immer wieder lacht er höhnisch auf, wenn er von seinen Niederlagen vor Gericht und den Demütigungen auf den Ämtern erzählt. Wie der Held einer griechischen Tragödie erscheint er einem, der das Schicksal herausgefordert hat und nun von den Göttern grausam bestraft wird. Nur wenn seine beiden Söhne sich wie jetzt auf der Terrasse an ihn klammern, dann schleicht sich so etwas wie ein Lächeln auf sein Gesicht. Jonas ist der Schmalere von beiden, sein Bruder kräftiger. Ihre hellbraune Haut verrät indische Gene. Die langen Wimpern stammen vom Vater. Schüchtern sind sie. Obwohl schon mehr als zwei Jahre alt, sagen sie bislang nur wenige Wörter. "Ist das normal?", fragt Claudius Pankert. Er schaut seine Kinder ängstlich an.

Dass Philipp und Jonas nicht so aufwachsen wie deutsche Kinder sonst, schmerzt die Eltern am meisten. In Jaipur, einer Stadt, 250 Kilometer von Delhi entfernt, gibt es weder Spielplätze noch ein öffentliches Schwimmbad. Einmal waren sie im Zoo. Doch der Anblick der vernachlässigten Tiere war so traurig, dass sie nicht wieder hingegangen sind. So verbringen die Kinder die meiste Zeit in der Wohnung, einem Zweizimmer-Apartment, das aussieht, als ob hier einer wohnt, der nur auf der Durchreise ist. Die Zwillinge blättern in Bilderbüchern, schauen deutsches Fernsehen aus dem Internet. Wenn die Kinder schlafen, setzt sich Claudius Pankert an seinen Schreibtisch. Er formuliert Briefe, übersetzt Dokumente, verschickt E-Mails, beugt sich über Gerichtsurteile, deren kompliziertes Englisch er nur schwer versteht.

Für Indien wie Deutschland geht es um Prinzipielles. Nach deutschem Recht darf eine Schwangerschaft keine Dienstleistung sein, ein Baby keine Ware. Die Leihmutterschaft verstößt nicht nur gegen die guten Sitten, sie verletzt die Menschenwürde. Weder die Wunschmutter noch ihr Ehemann können deshalb eine Elternschaft begründen, selbst wenn dieser der genetische Vater der Neugeborenen ist und in der Geburtsurkunde steht. So steht es auf der Internetseite des Auswärtigen Amts, als Warnung und Abschreckung zugleich.

Folgt man der Logik der deutschen Behörden, müssen die Kinder zur Leihmutter. Die jedoch weigert sich, die Zwillinge zu nehmen. Seit ihrer Geburt hat die Austragefrau die Jungen nicht mehr gesehen. Vor den Verwaltungsgerichten in Berlin und Köln hat der Rechtsbeistand des Paares, der Ulmer Anwalt Thomas Oberhäuser, gegen die deutsche Position geklagt. Bislang vergeblich. Nun will er sich mit einer Petition an den Bundestag wenden. Zugleich hofft er auf eine Entscheidung "von ganz oben", auf Ministerebene.

Es sei "menschlich verständlich", schreibt ein Vertreter des Auswärtigen Amts, dass der Vater die Lage als "höchst unbefriedigend" empfinde. Doch das Recht dürfe nicht ausgehebelt werden. Die Angst der Offiziellen vor einem Präzedenzfall ist groß. Erlauben sie den Pankerts die Einreise mit ihren Kindern, könnten andere Paare auf die Idee kommen, den gleichen Weg zu gehen. 

Die Mutter ist ihren Söhnen erst zweimal leibhaftig begegnet

Die Furcht vor einem Präzedenzfall beherrscht auch die Inder, nur umgekehrt. Jedes Jahr werden Hunderte Kinder mithilfe von Mietmüttern geboren. Erhalten diese Kinder automatisch indische Pässe, könnte es für die Auftragseltern schwer sein, mit ihnen das Land zu verlassen. Die Kinderwunschindustrie geriete in Gefahr, und plötzlich wäre Indien für die Kinder verantwortlich. Als das Obergericht des Bundesstaates Gujarat den Pankert-Zwillingen dennoch indische Papiere zusprach, focht die Regierung das Urteil sofort an.

Auch eine Adoption bietet bislang keine Lösung. Wie sollen die Pankerts zwei Kinder adoptieren, die nach indischem Recht bereits ihre sind? Und selbst wenn die Inder das ausnahmsweise zuließen: Die strengen deutschen Auflagen für Auslandsadoptionen lassen jeden Kompromiss unmöglich erscheinen. Die zuständige Bundeszentralstelle habe bereits signalisiert, sagt Anwalt Oberhäuser, dass sie keine positive Entscheidung treffen werde.

Während Claudius Pankert mit den Behörden kämpft, führt seine Frau unterdessen zu Hause ein Doppelleben. Am Tag muss die leitende Angestellte einer Bank als Vorgesetzte und Kundenberaterin funktionieren. Sie versteckt ihre Traurigkeit hinter einer Maske der guten Laune. Kaum zu Hause, eilt Ines Pankert zum Computer, um von ihrem Mann die neusten Nachrichten aus Indien zu hören. Jedes Mal hofft sie dabei, dass Claudius nichts Besonderes zum Erzählen einfällt. Das bedeutet dann: keine schlechten Nachrichten. Gute Nachrichten gibt es ohnehin keine. Gern würde sie jeden Tag ihre Kinder sehen. Doch die Zeitverschiebung lässt es nicht zu. So bleiben am Abend nur die Bilder und Videos, die ihr Mann übers Internet schickt. Jeden Abend schaut sie sich die kleinen Filme an und nimmt die ersten Spielsachen der Kinder in die Hand. Meist weint sie dabei. Manchmal fragt sie sich, bevor sie einschläft, was sie sonst am Tag gemacht hat. Sie kann sich nicht erinnern.

Einmal hat sie ihre Kinder nach der Geburt besucht, im letzten November für ein paar Wochen. Bevor sie losfuhr, hatte sie Angst, dass ihre Jungen sie nicht erkennen würden. Doch die haben sich sofort auf den Arm nehmen lassen. Mittlerweile sagen sie zum Gesicht auf dem Bildschirm manchmal "Mama". Für die Mutter ist es der Höhepunkt der Woche. Was würde sie nicht alles dafür geben, ihren Job hinzuschmeißen und nach Jaipur zu reisen. Doch an ihrer Stelle hängt die Existenz der Familie. Früher hatten sie zwei Jobs und eine Wohnung. Jetzt müssen sie mit einem Gehalt zwei Unterkünfte bezahlen. Dazu die Ausgaben für die Kinder, die Honorare der Anwälte, die Reisekosten zu den Ämtern und Gerichten.

 

Dass sie sich Geld von Freunden leihen musste, beschämt Ines Pankert. Seit zwei Jahren duscht sie sich nur mit eiskaltem Wasser. Um zu sparen. Ihr Mann und die Kinder in Indien sind nicht krankenversichert. Vor Kurzem wurde Claudius von einem Motorradfahrer angefahren. Für einen Augenblick war er bewusstlos, der Arm schmerzte stark. Zum Arzt ging er nicht. Das Geld hätte woanders gefehlt. Den Plan, der indischen Leihmutter zum Geburtstag der Zwillinge ein Geldgeschenk zu überweisen, mussten sie ebenfalls fallen lassen. Nun sind sie es, die für die Zukunft ihrer Familie jede Rupie benötigen.

Dabei dachte das Paar, die größten Bewährungen schon hinter sich zu haben. Damals, als sie sich damit abgefunden hatten, auf natürlichem Wege keinen eigenen Nachwuchs mehr zu bekommen. Sieben Jahre hatten sie es vergeblich versucht. Erst spontan mit Spaß im Bett, dann routiniert nach dem Kalender. Sie lasen Bücher, ließen sich mit Akupunkturnadeln stechen, konsultierten einen Geistheiler. Monat für Monat folgte die gleiche Enttäuschung. Zum Scheitern kam der Hohn. Der Urologe, den Claudius Pankert zwecks Spermatests aufsuchte, gab ihm den Rat: Suchen Sie sich doch eine 18-Jährige, dann klappt es bestimmt.

"Unfähig" kommt sich Ines Pankert vor und "irgendwie schuldig". Das fehlende Kind wird zur biografischen Leerstelle. Ihr zukünftiges Leben erscheint ihr so steril wie ihr eigener Körper. Dass Unfruchtbarkeit psychisch bedrohlich sein kann, daran gibt es keinen Zweifel. Studien aus den USA , die emotional besonders erschütternde Erlebnisse im Leben ermitteln, zeigen, dass Infertilität zu den stressvollsten Situationen eines Menschen gehören kann – vergleichbar mit dem Verlust eines Partners. 

Indien ist für viele kinderlose Paare das Land der letzten Hoffung

Den Tod kann die Medizin nicht rückgängig machen. Um Leben zu zeugen, hat sie mittlerweile viele Hilfsmittel ersonnen. Schon die Bibel kannte Bräuche, um die Schmach der Kinderlosigkeit zu mildern. So lässt Sarah ihre Magd von ihrem Mann Abraham schwängern, die das Kind auf den Knien Sarahs zur Welt bringt. So gilt der Säugling als Sarahs eigener. Ein Fall früher Leihmutterschaft.

Mehrmals scheint das Warten für die Pankerts ein Ende zu haben. Der Streifen auf dem Schwangerschaftstest verfärbt sich. Sie schauen sich nach Kinderwagen um, mieten eine größere Wohnung. Drei Monate währt die Seligkeit. Dann ist das Kind im Bauch tot. 12. Woche, 11. Woche, 9. Woche: Drei Fehlgeburten erleidet Ines Pankert. Als sich beim vierten Mal der Embryo in ihrem Eileiter einnistet und dort verendet, ist klar: Sie wird niemals Kinder bekommen. Über 40 Jahre alt sind beide nun. Für eine Adoption ist es zu spät.

Die meisten unfruchtbaren Paare geben an diesem Punkt auf. Sie versuchen, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Doch die Pankerts wollen sich mit ihrem Los nicht abfinden. Schon die Frage, warum sie unbedingt Kinder wollen, empört sie. "Fast alle Menschen wollen das, seit Hunderttausenden von Jahren", sagt Claudius Pankert. Und seine Frau sagt: "Nachwuchs zu haben, der Welt etwas zu hinterlassen, das ist etwas so Fundamentales. Diesen Wunsch kann man nicht einfach vergessen."

Wie elektrisiert reagieren die beiden deshalb, als sie eines Abends im Fernsehen diese Bilder sehen: Frauen in Saris mit dicken Bäuchen, westliche Paare mit Babys im Arm, dazwischen eine Ärztin, die mit strahlendem Lächeln ihren Service erklärt. Die Hoffnung hat plötzlich einen Namen: Leihmutterschaft. Sie mailen die Klinik an, prompt erhalten sie eine Antwort. Über die rechtlichen Hürden auf dem Weg zu einem Baby aus Indien machen sie sich wenig Gedanken. Wie eine Mutter, die für ihre Kinder in Gefahr alles tut, sind sie bereit, alles zu tun für die Kinder, die ihnen fehlen. "Wir sind da so reingegangen", sagt Claudius Pankert und hebt die Hände neben die Schläfen – mit Scheuklappen.

Am 25. März 2007 steigen sie ins Flugzeug nach Indien, in ein Land, das sie bis dahin niemals betreten haben. Nach 20 Stunden Reise finden sie sich vor einem zweistöckigen Bau wieder, dessen Farbe vor 20 Jahren einmal rosa war. Akanksha Infertility Clinic steht auf einem Schild und wer hier das Sagen hat: Dr. Nayna H. Patel. Gut eine Woche verbringt das Paar in Anand. Die fremde Umgebung ängstigt sie. Gleichzeitig schöpfen sie Hoffnung. Sie sehen Paare, die ihnen neun Monate voraus sind. Am Ende hinterlässt Claudius in einem Röhrchen sein Sperma. Vier Wochen später eine E-Mail: "Glückwunsch! Sie werden Eltern von Zwillingen."

Nayna Patel erinnert sich noch gut an die Pankerts. Sie waren ihr erstes deutsches Paar, sie werden vorerst ihr letztes sein. "Kein anderes Land macht es seinen Bürgern so schwer, als Familie glücklich zu werden, wie Deutschland", schimpft die 50-jährige Gynäkologin. Angetan mit einem eleganten Sari, thront die Gynäkologin hinter dem voll bepackten Schreibtisch ihres winzigen Büros. Drei Telefone stehen vor ihr. Ständig klappt die Tür auf und zu. Schwestern reichen Arztberichte herein, neue Leihmütter stellen sich vor, eine Helferin erinnert an die Kaiserschnittgeburt am Nachmittag. Als ein großer schwitzender Mann mit strahlendem Gesicht den Raum betritt, steht sie auf und umarmt ihn. Gerade ist er Vater einer Tochter geworden.

 

Wie die meisten ausländischen Kunden Patels stammt er aus den USA. Andere kommen aus Australien oder Japan, Irland oder Vietnam. Ihre Bilder und Dankeskarten hängen im Warteraum hinter Glas. In seiner Heimat, erzählt der Kalifornier, müsste er für sein Familienglück rund 80000 Dollar bezahlen. Ein Kind made in India ist für ein Drittel des Preises zu bekommen. Auch den umfassenden Service der Klinik lobt der Amerikaner. Nicht nur die Auswahl der Leihmutter sowie die Befruchtung und Entbindung übernimmt die Klinik. Auch bei der Suche nach einem Hotel, einem Fahrer oder mit Ausflugstipps ist sie behilflich. Patels Mann ist der Manager des Familienbetriebs. Immer wieder sieht man Paare dicke Bündel Travellerschecks auf seinem Schreibtisch abzählen. 

Seit 2003 hat die Akanksha-Klinik ihr Angebot von Jahr zu Jahr perfektioniert, erzählt Patel. Alles begann mit einer unfruchtbaren Inderin, deren Mutter das Kind ihrer Tochter (und damit ihr eigenes Enkelkind) austrug. Seitdem sind 225 Babys von Dritten ausgetragen worden. 53 Leihmütter sind zurzeit schwanger. Den internationalen Durchbruch brachte das Porträt eines glücklichen Paares in der Oprah Winfrey Show im US-Fernsehen. Mehrere Dutzend Anfragen verzweifelter Kinderloser erreichen die Babymacherin seitdem jede Woche.

Hier in Anand begann ein Boom, der Indien zum weltweit wichtigsten Standort für outgesourcte Schwangerschaften gemacht hat – zum Land der letzten Hoffnung für unfruchtbare Paare. Auch isländische Lesben oder schwule Israelis können hier ihren Kinderwunsch verwirklichen. Geschätzte 50 bis 100 Kliniken vermitteln Frauen, die ihren Uterus für andere Paare zur Verfügung stellen. Das Geschäft mit den Babywünschen zeigt die Widersprüche der aufstrebenden Nation: Einerseits ist Indien eines der Länder mit der höchsten Kinder- und Müttersterblichkeit in Asien. Andererseits sind die Ärzte oft gut ausgebildet, sie sprechen fließend Englisch, sind geschäftstüchtig. Und ihre Erfolgsquote in der Fortpflanzungsmedizin ist hoch. Jedes zweite Paar verlässt Patels Klinik beim ersten Versuch mit einem Kind. Der Grund ist, dass anders als in Europa in Indien stets mehr als drei Embryonen eingesetzt werden. Was viele Kinderwunschpaare nicht wissen: Kommt es zu Drillingen, wird einer der Föten abgetrieben. Oder, wie Patel sagt, die Schwangerschaft wird "auf Zwillinge reduziert".

Auch in Indien gibt es Kritik an der Leihmutterschaft. Seit zwei Jahren liegt ein Gesetzentwurf im indischen Parlament. Niemand weiß, wann er verabschiedet wird. "Der Markt ist völlig unreguliert", kritisiert Imrana Qadeer, Professorin für Medizinsoziologie an der Jawaharlal Nehru Universität in Delhi. Immer wieder werden Frauen um ihren Gebärlohn betrogen. Auch Unverheiratete vermieten ihren Uterus und nehmen in Kauf, dass sie nur noch schwer einen Mann finden. Andere Mietmütter verheimlichen ihre Schwangerschaft, verschwinden für neun Monate und lassen ihre leiblichen Kinder bei Verwandten oder im Heim zurück.

In der Akanksha-Klinik, versichert Patel, können solche Dinge nicht passieren. Nur verheiratete Frauen, die bereits zwei Kinder haben, dürfen den Leihmutterdienst antreten. Damit sie wissen, worauf sie sich einlassen – und um die Gefahr gering zu halten, dass sie das Kind nach neun Monaten behalten wollen. Die Auftragseltern wiederum müssen ein echtes Fertilitätsproblem vorweisen. "Leihmutter und Kinderwunschpaar geben dem anderen etwas, was keine Seite allein erlangen kann", sagt Patel.

Im Fall der Gebärfrauen bedeutet das Geld, viel Geld. Rund 6000 Euro erhält eine Leihmutter für ihre Körperarbeit. In Indien entspricht dies dem mehrfachen Jahreslohn eines Rikschafahrers oder Bauarbeiters. Die Leihmutter der Pankerts erhielt sogar noch 1500 Euro mehr, wegen der Beschwernisse der Zwillingsschwangerschaft. Martha heißt sie. Die Pankerts haben sie sich aus mehreren Kandidatinnen ausgesucht. Vielleicht, weil sie Christin ist. Vielleicht, weil sie auf dem Foto so gesund und energisch dreinschaut. "Es war ein Bauchgefühl", sagt Claudius. Über die Frau, welche die Eizellen spendet, erfahren sie nichts. Dabei ist die genetische Mutter ihrer Kinder für deren Zukunft sehr viel wichtiger als die Leihmutter. "Darüber haben wir uns keine Gedanken gemacht", sagt der Vater. Der Satz stimmt für vieles.

Als sie Martha später das erste Mal begegnen, fühlen sie sich erleichtert. Lebenslustig und selbstbewusst kommt die 31-Jährige ihnen vor. "Wir sind uns sicher, dass sie die Entscheidung eigenständig getroffen hat", sagen beide. Sie besuchen die Geburtsfrau ihrer Kinder zu Hause, in einer kleinen aufgeräumten Dreizimmerwohnung in einem Viertel der unteren Mittelklasse. Sie lernen die Nachbarn und Verwandte kennen und Marthas Onkel, einen katholischen Priester. Er segnet das kommende Familienglück. Ein Haus wird sich Martha mit dem Geld kaufen und in die Ausbildung ihrer Söhne investieren. Die staatlichen Schulen sind schlecht in Indien, private teuer. Wer will, dass seine Kinder es einmal besser haben, muss Opfer erbringen. Martha verleiht für neun Monate ihre Gebärmutter.

Die meisten Leihmütter stammen aus den Armenvierteln der Umgebung

Eine neue Unterkunft, Schulden abbezahlen, eine Zukunft für die Kinder – so lauten die Lebenswünsche, die sich Patels Leihmütter verwirklichen wollen. Das erfährt, wer das Schwangerenhaus der Klinik besucht. Hierher müssen die Frauen umziehen, sobald ihnen die fremden Embryonen erfolgreich übertragen worden sind. Zu dritt oder zu viert wohnen sie unter den wachsamen Augen einer Krankenschwester in einfachen Zimmern. Im Fernsehen läuft eine Bollywoodserie. Die meisten stammen aus den Armenvierteln von Anand und Umgebung, einige – wie Martha – aus der unteren Mittelschicht. 

Von der Familie so lange getrennt zu sein sei hart, sagt eine Schwangere. Aber das viele Geld lasse sie das am Ende vergessen. Außerdem tue man einem anderen Menschen etwas Gutes, sagt eine andere, die schon zum zweiten Mal hier ist. Das japanische Paar, dem sie ein Mädchen gebar, hat den vereinbarten Betrag sogar noch einmal kräftig aufgestockt. So glücklich waren sie über ihr Kind. Zudem schenkten sie ihr einen Laptop. Es fiel ihr anfangs etwas schwer, das Kind abzugeben. Das in ihr neun Monate gewachsen ist. Dessen Strampeln sie spürte. Sie selbst hat zwei Jungen. Das Kind der Auftragseltern war ein Mädchen. Das hätte sie sich auch gewünscht. "Aber es war ja nicht meins." Sie hat beobachtet, wie die neuen Eltern mit ihrem Baby umgehen. Sehr liebevoll seien sie gewesen. "Da war ich glücklich."

 

 Es ist klar, ohne die Bezahlung würde keine von ihnen anderer Leute Kinder austragen. Ebenso klar ist: Das Geld erlaubt ihnen, auf der sozialen Leiter mehrere Stufen nach oben zu springen. Patel spricht von einer Win-win-Situation. Damit die Frauen das Geld tatsächlich für sich behalten, bekommen sie ihren Körperlohn auf ein Konto, das die Klinik auf ihren Namen einrichtet. Seit drei Jahren zahlt der Anand Surrogate Trust, eine Stiftung, das Schulgeld für die leiblichen Kinder der Leihmütter.

Alle zwei Wochen müssen die Frauen zum gynäkologischen Check-up. Niemals zuvor wurde so sehr auf eines ihrer Babys geachtet wie auf dieses, das sie weggeben müssen. Die Daten werden den Bestelleltern per E-Mail auf die andere Seite des Erdballs übermittelt. Auch die Pankerts empfangen die Botschaften, als ob sie selbst beim Gynäkologen wären. Stundenlang begutachten sie jedes Ultraschallbild, jeden Blutwert prüfen sie, ob er sich im Normbereich befindet. Die Angst, dass fern in Indien mit ihren Kindern etwas schiefgehen kann, begleitet sie die ganze Zeit über.

Panik befällt sie, als nach acht Monaten die Nachricht kommt: Wir müssen die Kinder holen. Sie packen Koffer, kaufen schnell zwei Babyschalen ein. Als sie in Anand ankommen, sind die Zwillinge schon geboren. Untergewichtig, aber weitgehend gesund. Ein, zwei Wochen noch, denken die Pankerts, müssen sie in Indien bleiben, um die Kinder aufzupäppeln. Dann werden sie sie in ihre Bettchen in Deutschland legen. Es sollte anders kommen.

Morgen fährt Claudius Pankert wieder einmal zur deutschen Botschaft nach Delhi. Vielleicht gibt es ja doch ein juristisches Schlupfloch – oder einfach nur Gnade. Auch andere Regierungen, die eine Leihmutterschaft gegen Geld ablehnen, haben am Ende ihre Staatsbürger samt Nachwuchs in die Heimat einreisen lassen. Gerade wegen des Kindeswohls und des Schutzes der Familie. Gleichzeitig fürchtet sich Pankert vor dem Termin. Jedes Mal ist er enttäuscht worden. Mittlerweile fühlt er sich wie ein Staatsfeind. "Ich versuche jede Hoffnung niederzuprügeln."

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