Martenstein"Gender-Politik und Voodoo laufen auf das Gleiche hinaus"

Harald Martenstein probiert aus, welche Thesen wirklich weh tun. von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Vor ein paar Wochen durfte ich einen Vortrag zum Thema "politische Korrektheit" halten, die Zuhörerschaft bestand zu einem großen Teil aus Sozialdemokraten. Ich trage, aus dem Zusammenhang gerissen, fünf Thesen des Vortrages vor. Vier Thesen wurden vom Publikum zustimmend akzeptiert, nur bei einer gab es Proteste und einen wütenden Zwischenruf. Quizfrage: Welche These zur politischen Korrektheit ist die provokanteste?

1. Ohne Vorurteile können wir nicht leben. Unser Gehirn wäre überfordert, wenn wir jede Situation und jeden Menschen, der uns begegnet, völlig neu einschätzen müssten, ohne Rückgriff auf unsere Erfahrungen und das Reservoir an Meinungen, das in unserem Kopf vorhanden ist. Das Beste, was man tun kann: sich seiner Vorurteile zumindest halbwegs bewusst sein. Menschen, die ernsthaft von sich behaupten, sie hätten keinerlei Vorurteile, sind gefährlich, weil sie sich selbst nicht infrage stellen.

2. Wir sind nicht alle gleich. Emanzipation sollte nicht bedeuten, die Unterschiede zwischen verschiedenen Menschensorten zu leugnen. Emanzipation sollte bedeuten, dass wir uns so, wie wir halt sind, gegenseitig akzeptieren. Für entscheidend halte ich nicht die Frage, ob es vielleicht – ich weiß es wirklich nicht – im Durchschnitt begabtere und weniger begabte Menschensorten gibt, aggressive und weniger aggressive, so wie es ja zweifellos größere und kleinere gibt. Entscheidend ist die Frage, was aus dem Wissen um unsere Ungleichheit folgt. Folgt daraus Unterdrückung oder nicht? Und ist das, was auf Jahrhunderte sexistischer und rassistischer Unterdrückung folgt, ein Nelson-Mandela-Regime oder ein Robert-Mugabe-Regime?

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3. Es gibt neue Ungleichheit. Dem Schriftsteller Philipp Roth wird zum Beispiel seit Jahren in vielen Rezensionen seiner Romane sein Lieblingsthema vorgeworfen – er ist ein alter Mann, inzwischen fast achtzig, und er schreibt oft über die sexuellen Fantasien alter Männer. Wäre Philipp Roth eine gleichaltrige Frau, die offenherzig über ihre Sexualität schreibt, dann würde er von genau diesen Rezensenten gelobt werden.

4. Es gibt neue Religionen. Zwischen Männern und Frauen existieren, auch im Verhalten und im Alltag, eine ganze Reihe Unterschiede, die biologisch bedingt sind und nichts mit Gesellschaft zu tun haben, sie können auch nicht wegerzogen werden. Diejenige Strömung der Gender Studies, die diese offensichtliche Tatsache leugnet, hat etwa so viel mit Wissenschaft zu tun wie der Voodoo-Kult auf Haiti . Gender-Professorinnen sollten folglich nicht aus dem Wissenschaftsetat finanziert werden, sondern aus der Kirchensteuer.

5. Witze können ein Liebesbeweis sein. In der Paarforschung gibt es die These, dass Paare, indem sie übereinander spotten oder den anderen auf den Arm nehmen, eine Probe auf die Stabilität ihrer Beziehung machen. Paare, die gemeinsam über einen Fehler oder ein Defizit eines der beiden Partner lachen können, trennen sich, laut Paarforschung, nicht so bald.

Deshalb ist es in einer Gesellschaft wie unserer meist ein gutes Zeichen, wenn über eine Gruppe, etwa Gender-Professorinnen, öffentlich Witze gemacht werden dürfen. Es bedeutet, dass diese Gruppe nicht wirklich gehasst wird. Natürlich kommt es auch darauf an, wie aggressiv der Witz im Einzelfall ist.

Am umstrittensten war meine Aussage, dass Gender-Politik und Voodoo aufs Gleiche hinauslaufen. Ich nehme dies, weil ich als ZEITmagazin- Kolumnist von Amts wegen zum Nonkonformismus verpflichtet bin, als Aufgabe und Verpflichtung, und vertrete das jetzt ununterbrochen.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. 1. Dass es Unterschiede in "Verhalten" und "Alltag" gibt, sagt gar nichts darüber aus, ob diese sozial oder biologisch determiniert sind.
    2. Ich wage zu bezweifeln, dass irgendjemand auch nur eine einzige(!) solche Eigenschaft nennen kann, die bei allen(!) Einzelexemplaren eines biologischen Geschlechts (und bei den anderen ausnahmslos nicht) vorhanden ist. Womit diese These widerlegt wäre (es sei denn, man erklärt ein solches abweichendes Individuum für "krank" - was bequem, unwissenschaftlich und gefährlich wäre).

    Außer einem "das ist halt so, weiß man doch!" habe ich bisher keien Argumente für die Behauptung natürlicher, geschlechterspezifischer Unterschiede gefunden. Vielleicht mag mir jemand helfen? Oder ein Beispiel bringen?

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    sondern nur um signifikante, d.h. statistisch erfassbare Unterschiede.

    PS: Frauen können nicht ejakulieren.

    • DerDude
    • 31. Januar 2011 18:30 Uhr

    NATÜRLICH dem Menschen), bei dem Männchen und Weibchen das gleiche Verhalten an den Tag legen. Das wäre dann wohl eine verhaltensbiologische Sensation.

    • ripuli
    • 21. April 2010 14:00 Uhr

    Also, farcevolt,

    Sie sind der Meinung, dass sich jugendliche Frauen genau so oft prügeln wie jugendliche Männer?
    Das Frauen und Männer genau gleich Auto fahren?
    Das Frauen und Männer schwanger werden können?

    Natürlich gibt es immer Ausnahmen - diese bestimmen ja bekanntlich die Regel. Und das in jeder Wissenschaft, ganz gleich ob Natur- oder Wirtschaftswissenschaften, vieles hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, das ein Fall eintritt.

    Es gibt weit weniger aggressive Frauen als Männer.
    Es gibt weit weniger Raserinnen als Raser.

    Frauen und Männer sind unterschiedlich, und das ist auch gut so.

    Ich gebe Herrn Martenstein vollkommen recht, dass Emanzipation nicht wie ein Gleichheitszeichen zwischen Mann und Frau gesehen werden darf.

    Ich will damit nicht sagen, dass Frauen in manchen Berufen nichts zu suchen hätten, oder anders herrum.
    Wie gesagt, es gibt immer Ausnahmen.

    Aber wenn man sich den Motorsport anschaut - da gibt es FAST nur Männer. Es gibt auch Frauen
    (Beispiel DTM:
    http://www.autobild.de/ar...)

    Aber jetzt von den Veranstaltern und den Teams der Formel 1 zu verlangen, auch mindestens eine Frau an den Start zu schicken wäre doch wohl maßlos.

    Jedoch sollte eine Frau unterstützt werden, falls diese Interesse hat, in der Formel 1 zu fahren!

    Es sollte weder kategorisch ausgeschlossen werden, noch sollte man es erzwingen!

    Und genau das ist es, was Herr Martenstein meiner Meinung nach genau so sieht.

    Lieben Gruß,
    ripuli

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt weit weniger aggressive Frauen als Männer.
    Es gibt weit weniger Raserinnen als Raser.

    ich bin mir sicher, dass sie da nicht gleiches mit gleichem vergleichen, es gibt auch wesentlich weniger Frauen, die zwangsweise zur Gewaltausübung bei der Bundeswehr genötigt werden es gibt auch wesentlich weniger Mädchen, die körperlich gezüchtigt werden als Buben, all das fördert natürlich die Gewaltbereitschaft von Männer, denn sie lernen es ja auch nicht anders bzw erfahren es in ihrem Leben nichts anderes

    und wie viele km werden von Männern im Auto zurückgelegt und wie viele von Frauen

    es leben die Vorurteile

  2. Als Wodu(Schreibweise nach "Duden")-Anhänger würde mich ein
    Vergleich mit Genderisten vielleicht auch wütend machen.

  3. Vielleicht, lieber Herr Martenstein, sollten sie These No. 5 auf den 4. Platz vorziehen. Dann würde mancher Zuhörer/Leser vielleicht darüber ebenso herzlich und humorvoll lachen, wie man es bei Mark Twains — Gott(in) habe ihn selig! — "Tagebuch von Adam" kann. Ihre Kolumen stehen dem wenn überhaupt, nur geringfügig nach. :)

  4. Weil Sie die ursprüngliche Aussage
    *Diejenige Strömumg der Gender-Studies, die eine ganze Reihe biologische bedingter Unterschiede leugnet, hat so viel mit Wissenschaft zu tun wie der Voodoo-Kult auf Haiti*
    verkürzen auf
    *Gender-Politik und Voodoo laufen auf das Gleiche hinaus*.
    Und diese Verkürzung bleibt hängen.

    Weil Sie auf eine Gruppe von Wissenschaftlern einschlagen, die sowieso schon ständig billig angefeindet werden.

    Lieber Herr Martenstein, wir ähneln uns in Vielem: gleiches Alter Geschlecht, beide erfolgreiche Freiberufler, ähnliches Lebensumfeld etc., häufig ähnliche Ansichten, aber auch Unterschieden. Einer davon: Ich habe eine Tochter, die sich in ihrem Politikstudium mit der Genderproblematik beschäftigt. Erst kam ich ihr mit Sprüchen ähnlich Ihren Kommentaren, die mir heute eher peinlich sind. Mittlerweile sehe ich die Welt etwas mehr durch die Augen meiner Tochter - es ist immer ein Gewinn, die Welt auch durch die Augen seiner Kinder zu sehen (..hach..). Und im Bereich "Gender" tun sich da Welten insofern auf, weil sich festgefahrene und keineswegs auf biologischen Unterschieden beruhende "gender"spezifische Verhaltensweisen und Gegebenheiten quasi ständig und überall finden lassen.

    Noch eines: Ich arbeite als freiberuflich in den LifeSciences. Dort gibt es den Begriff der Voodooforschung schon seit vielen Jahren für statistisch nicht haltbare Multiparameterexperimente, bei denen unendlich viele Forschungs- wie Anlegegelder verbrannt werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Noch eines: Ich arbeite als freiberuflich in den LifeSciences."

    Sachen gibt's...

    Lieber Herr Martenstein
    Lassen Sie sich nicht durch Exoten verunsichern die "freiberuflich in den LifeSciences" arbeiten, ...was immer das nun wieder für'n modischer Quatsch sein mag.

    "Weil Sie auf eine Gruppe von Wissenschaftlern einschlagen, die sowieso schon ständig billig angefeindet werden."

    Also erstens sind Genderlaberer keine Wissentschaftler weil sich nicht mal ansatzweise wissentschaftlich (objektiv, unvoreingenommen, alles beachtend,...) arbeiten.
    Und 2. wenn man bedenkt wie viel Geld in diese Pseudoreligion reingesteckt wurde und wie wenig auch nur ansatzweise sinnvolles oder nützliches dafür rauskam wäre alles was über eine billige Anfeindung hinaus geht auch eine Verschwendung.

  5. "Noch eines: Ich arbeite als freiberuflich in den LifeSciences."

    Sachen gibt's...

  6. Lieber Herr Martenstein
    Lassen Sie sich nicht durch Exoten verunsichern die "freiberuflich in den LifeSciences" arbeiten, ...was immer das nun wieder für'n modischer Quatsch sein mag.

  7. ...ist, daß seine Heldinnen demonstrativ zweidimensional sind. Wenn das mal keine Botschaft ist. An seinem Unvermögen, einem Charakter Tiefe zu verleihen, liegt es ja wohl nicht.

    Sowas als Frau zu lesen, ist eine Erfahrung, die Herrn Martenstein vorenthalten bleibt, und die er womöglich auch gerne entbehrt :)

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Alltag | Emanzipation | Gehirn | Kirchensteuer | Protest | Religion
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