Vielleicht werden Historiker in Mentalitätsstudien einmal auf das Frühjahr 2010 zurückblicken. Da wurde plötzlich etwas öffentlich, was zuvor verborgen, ja ganz dichtgehalten wurde, obwohl es viele Beteiligte und Mitwisser gab: der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in den vornehmsten katholischen Einrichtungen und auch in der hoch angesehenen reformpädagogischen Odenwaldschule.

Die Vergehen von Lehrern und Erziehern sind schwer zu begreifen, aber Menschen können eben respektlos sein und manche treiben es verbrecherisch. Was allerdings so tief erschüttert, ist das Schweigen. Das anhaltende Schweigen vieler Opfer ist noch am verständlichsten. Sie schämen sich und neigen häufig dazu, Schuld, die sie nicht haben, auf sich zu nehmen. Auch das Schweigen der Täter verwundert nicht, außer dass es da nicht einen Aussteiger gab, der als Wiedergutmachung die Schweigemauer durchbrechen wollte. Aber nachhaltig irritierend ist das Schweigen der Päpste. Das jenes Papstes in Rom und auch das des deutschen Pädagogenpapstes Hartmut von Hentig .

Der Papst und seine Bischöfe können offenbar ihre ganz allgemein gehaltene Sprache über Sünde und Umkehr, über Reue und Gnade so wenig ablegen wie ihre spätantiken Trachten. Am Umgang des Vatikans mit den übergriffigen katholischen Priestern in Irland und den USA kann man studieren, wie am Nicht-wahrhhaben- und am Nicht-hingucken-Wollen festgehalten wurde. Der Ruf der Kirche war so viel wichtiger als das Leiden der Opfer. Das Ideengebäude durfte nicht beschädigt werden.

Schwierigkeiten mit der Genauigkeit und mit Sätzen in der ersten Person haben auch die säkularisierten Priesternachfolger, wie es beispielsweise die Funktionäre von Welterlösungsparteien waren und wie es manchmal Lehrer, auch Reformpädagogen sind, eben alle, die genau wissen, was richtig ist und wie es geht. Sie beherrschen die Kunst, ins Allgemeine auszuweichen. Ein bestürzendes Beispiel dafür ist die Erklärung von Hartmut von Hentig »Was habe ich damit zu tun?« (ZEIT 13/10), in der er die Übergriffe von Gerold Becker als »freundliche Annäherungen« verharmlost hat.

Gerold Becker ist sein Lebensgefährte. Hartmut von Hentig, der im September 85 Jahre alt wird, gilt als Nestor der deutschen Pädagogik. Er hat sich auch immer als Bürger und Intellektueller eingemischt und hervorgetan. Ich selbst bin ihm Mitte der sechziger Jahre das erste Mal begegnet, da war ich rebellischer Schüler in Göttingen und er junger Professor, engagiert für eine neue Schule. Seitdem ist er für mich ein wichtiger Mentor, bis heute. Das allerdings macht mir sein Schweigen, Ausweichen und Verharmlosen so unerträglich.

Gerold Becker, der in den siebziger und achtziger Jahren Leiter der Odenwaldschule war und der als Täter und Dulder des Missbrauchs in dieser Schule beschuldigt wird, hat sich inzwischen bei den Opfern entschuldigt, allerdings in einer Form, die an die Verspätungsdurchsagen der Bahn erinnert. Nichts von Selbstreflexion. Auf die Vorwürfe, die bereits 1998 erhoben wurden, war er zuvor nicht eingegangen, und die Fragen seiner Freunde und Bekannten hatte er mit der Gegenfrage pariert: »Traust du mir das zu?« Auch zu dieser Übertragung der Beschämung auf die Fragenden bisher kein Wort.

Schon vor Monaten hörte ich davon, dass ehemalige Schüler der Odenwaldschule, die von Gerold Becker und anderen Lehrern sexuell missbraucht worden waren, dieses zum 100. Geburtstag der Schule im Frühjahr an die Öffentlichkeit bringen wollten. Ein zweiter Versuch nach dem vor mehr als zehn Jahren versandeten. Auch ich fand bis vor Kurzem, dass da eine Sache hochgespielt würde. Ich habe gefürchtet, dass es zum Skandal kommt und dass auch Hentig mit hineingezogen wird. Ich wollte es nicht wahrhaben. Schweigen. Die Pädagogik sollte nicht beschädigt werden. Verleugnen. Lieber erst gar nicht hingucken.