Integration Das neue Wir

Deutschlands erste türkischstämmige Ministerin wird ihrer Community einiges zumuten: Integration, findet Aygül Özkan, sei vor allem Sache der Einwanderer

Sie wird irritieren, das steht wohl außer Frage. Vielen in ihrer eigenen Partei, der CDU, wird Aygül Özkan zu viel von allem sein: zu türkisch, zu tough, zu selbstbewusst. Den anderen wird sie zu wenig sein: zu wenig Migrantin, zu wenig hilfsbedürftig, zu wenig Opfer der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Aber sie ist die erste. 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, 50 Jahre nach Beginn der türkischen Migration wird in Deutschland erstmals ein Gastarbeiterkind Ministerin. Aygül Özkan, 38 Jahre alt, Juristin, Managerin, Bürgerschaftsabgeordnete in Hamburg – und nun Sozialministerin des Bundeslandes Niedersachsen. Ihr Name steht schon jetzt im Geschichtsbuch.

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Nicht, dass sie darauf Wert legte. Aygül Özkan ist eine Frau der Wirtschaft. Sie wägt Optionen ab, um am Ende das beste für die Firma herauszuholen. Ob die Firma CDU, Niedersachsen oder TNT heißt; bei dem Logistikkonzern ist sie in Hamburg seit 2006 Vertriebsleiterin für Norddeutschland und führt 500 Mitarbeiter.

Für ihren neuen Chef, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), hat sie schon vor ihrem Amtsantritt einiges erreicht. Wulff will seinem ermatteten Kabinett neues Ansehen verschaffen, vier neue Minister hat er berufen, und der Coup mit der jungen Deutschtürkin gilt weithin als gelungen, auch wenn Wulff ihn nonchalant herunterspielte: »Werder Bremen hat ja Mesut Özil auch nicht wegen seines Migrationshintergrunds verpflichtet, sondern weil er gut Fußball spielen kann.« Das mag sein; aber es ist keine Selbstverständlichkeit, was da gerade im schwarz-gelb regierten Niedersachsen passiert. 50 Jahre – ist das jetzt schnell oder langsam?

Für sie als CDUlerin ging es schnell. »Gerade noch haben wir diskutiert, dass es Zeit wäre, einen Bundestagskandidaten mit Migrationshintergrund zu haben«, sagt sie, selbst leicht erstaunt. In der CDU gab es keine aussichtsreichen Plätze für Migranten, weder bei der Bundestags-, noch für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai. Weil es keine qualifizierten Kandidaten gab? Doch. »Ich habe gemerkt, wir müssen und können da noch mehr bewegen,« sagt Özkan.

»Wir« ist ein Wort, das sie flexibel benutzt. Zum Beispiel sagt sie »wir«, wenn sie von der CDU spricht. Erst 2004 trat sie der Partei in Hamburg bei. Der damalige Landeschef Dirk Fischer hatte sie entdeckt. Özkan fiel in der Hansestadt auf, es gab und gibt hier kaum auffällige türkischstämmige Frauen in der Wirtschaft. Immer häufiger meldete sie sich zu Wort, auf Podien zu Integrationsthemen oder als Vorstandsvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft türkischer Unternehmer und Existenzgründer. 2008 kandidierte sie für die Bürgerschaft. Im selben Jahr schlug sie Fischers Nachfolger Michael Freytag, bis vor Kurzem Finanzsenator, als stellvertretende Landesvorsitzende vor. Und die Partei wählte sie.

Hat die CDU nun endlich ihre Vorzeige-Türkin? Aygül Özkan würde das kaum mit sich machen lassen. Während Migranten in anderen Parteien die Integrationspolitiker abgeben, wurde sie wirtschaftspolitische Sprecherin. In Niedersachsen wird sie Sozial-, nicht bloß Integrationsministerin. Aber wie kommt man als gläubige Muslimin überhaupt auf die Idee, einer Partei beizutreten, die das C im Namen trägt? »Das C hat mich gar nicht gestört«, sagt sie und benutzt das Wort »stören« so völlig ohne böswilligen Unterton, wie es wohl nur eine Seiteneinsteigerin tun kann. »Für mich steht die CDU für Werte wie Familie, Gemeinschaft, Solidarität und Nächstenliebe. Wer einen Glauben hat, geht auch anders mit Mitmenschen um – das habe ich in der Partei gefunden.«

Leser-Kommentare
  1. "Aygül Özkan ist eine Frau der Wirtschaft. Sie wägt Optionen ab, um am Ende das beste für die Firma herauszuholen."

    Ich hoffe ihr ist wenigstens bewusst, dass es gerade die Wirtschaft war um deren Willen wir die ’Community’ zu uns geholt haben und die sich heute für keinen Cent mehr darum schert, was aus ihnen wird und ich hoffe bei ihrem neuen Job bleibt nicht wieder jemand auf der Strecke. Es wird ganz darauf ankommen wer ’die Firma’ ist (gab es da nicht ein Buch eines Bestseller-Autors drüber).

    "Aber ich kann es nicht akzeptieren, wenn Jugendliche nicht die Chancen ergreifen, die ihnen geboten werden."

    Ich würde jede Chance nutzen die sich bietet. Aber ich muss hier in einem Callcenter vor mich hingammeln (zu dumm, dass ich nie ein vorzeige-Türke sein werde).

    "Wir müssen uns wieder darauf besinnen, warum unsere Eltern nach Deutschland gekommen sind: Damit die Kinder es einmal besser haben."

    Also wenn es darum ginge müsste sie sich ja eher um die Deutschen kümmern.

    "Ob ihr bewusst ist, dass sie viele überfordern wird, nicht nur CDU-Wähler?"

    Da wird allenfalls meine Fantasie überfordert mir vorzustellen, dass das in die richtige Richtung geht.

  2. Wer eh nur nach Staatsknete schreit, wird kaum motiviert sein, aber die vielen anderen, die hier arbeiten Unternehmer sind, etwas bewegen, sie wissen, dass es so besser ist als andersrum.

  3. Als Einwanderer trift man fast ueber all auf geschlossene Tueren. Die Frau Ministerin hat Glueck gehabt. Herr Wulf weiss der Zukuenftigen Bedeutung der Einwanderer und deren
    Ihnen Frau Ministerin. Endlich hat sich fuer eine einzige Einwanderkind die Tuer eroeffnet und sie wird gleich euphorisch. Ich finde es toll, dass sie Ministerin geworden ist. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie sich die Gesellschaft gegenueber der Einwanderer weiterhin verhaelt. Von einem Wir Gefuehl wuerde ich sprechen, wenn ein Einwandererkind wie in America, Canda, England, Australian mit selbststaendigkeit sagen kann " Ich bin Deutsche" ohne sich gleich anhoeren zu muessen " Nein, Nein, du verwechselt was. Wo kommen deine Eltern denn her? da kommst du auch her, Kind!

  4. Und dann, nach einem Jahr oder zwei über den Wert ihrer Leistung befinden?

    • Aglim
    • 27.04.2010 um 0:24 Uhr

    "Wer einen Glauben hat, geht auch anders mit Mitmenschen um – das habe ich in der Partei gefunden." Dieses Zitat von Frau Özkan (vermutlich einfach so dahin geredet) erlangt nun ganz neue Bedeutung. Auch wenn Frau Özkan Kruzifixe und Kopftücher an staatlichen Schulen mit ihrer wahren Meinung nicht vereinbaren kann, wenn es Herr Wulf sagt, dann muss es wohl stimmen. Ist das der Umgang den Frau Özkan als Gläubige so sehr schätzt? Gehorsam, die Hinterfragung unterdrücken? Ganz sicher nicht, das hoffe ich sehr. Spätestens jetzt wird klar, das die Hamburger Zeiten vorbei sind. C steht nicht einfach nur für Glauben, nicht in Niedersachsen. Willkommen in der Provinz.

  5. Wer sich seiner eigenen Community so zugehörig fühlt wie sie betreibt Klientelpolitik.
    Wo bleiben dabei Migranten anderer Nationen?
    Wäre ein Richter mit polnischen Wurzeln auch eine fremde Autorität für die Community?
    So wie der Autor Aygül Özkan in einer Selbstverständlichkeit türkischen Rassismus beschreibt (Von einer Vertreterin der Mehrheitsgesellschaft würden sich Deutschlands Türken das kaum sagen lassen.)ist stark davon auszugehen.

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