Tariq Ramadan, geboren 1962, Islamwissenschaftler © dpa

Wenn es mit der Welt einmal zu Ende geht, so lautet ein Bonmot von Heinrich Heine, dann muss man ins verschlafene Holland auswandern, denn dort passiert alles erst fünfzig Jahre später. Heine hatte recht, aber anders als er dachte. In den Niederlanden gehen die Uhren nämlich nicht nach, sie gehen vor, dort brechen Konflikte auf, die woanders erst in Umrissen zu erkennen sind. Ein Schlüsselkonflikt ist der radikalisierte Islam.

Vor sechs Jahren wurde in Amsterdam der Filmemacher Theo van Gogh von einem Muslim auf offener Straße buchstäblich hingerichtet; die aus Somalia stammende Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali hat nach jahrelangen Morddrohungen dem Land zermürbt den Rücken gekehrt. Die Niederlande scheinen tief gespalten: Das »Wir« der Aufgeklärten steht geschlossen gegen die Front der »anderen«. Es ist die Logik der Eskalation.

Wie kann man diesen Teufelskreis der Verfeindung unterbrechen? Das Groninger Lolle-Nauta-Forum hatte dieser Tage Rat suchend Ian Buruma und Tariq Ramadan in die Universitätsidylle eingeladen, und allein der Umstand, dass so unterschiedliche Denker Seite an Seite auftraten, war eine dramatische Botschaft an die Adresse der zerstrittenen europäischen Intellektuellen. Die Botschaft lautete: Freunde, es ist sinnlos, Muslime zu beschimpfen und sie mit den säkularen Waffen der historischen Aufklärung niederzuringen. Auch wenn man tausendmal im Recht ist – die Muslime erreicht man damit nicht, man nährt nur den Hass und vertieft das Schisma. Stattdessen komme alles darauf an, die europäischen Muslime aus ihrer Isolation zu locken und sie mit der liberalen Demokratie auszusöhnen.

Das sagte nicht nur der Kulturwissenschaftler Ian Buruma, das sagte auch Tariq Ramadan, Schweizer Bürger und Islamwissenschaftler in Oxford, Enkel von Hassan al-Banna, dem Gründer der ägyptischen Muslimbruderschaft und als Intellektueller das, was man gemeinhin »umstritten« nennt. Vor sechs Jahren verbot ihm Präsident Bush die Einreise in die USA, weil er einer Organisation Geld gespendet hatte, die Beziehungen zur Hamas unterhielt und von der US-Regierung später als terroristisch eingestuft wurde; im Januar hob Außenministerin Hillary Clinton das Verbot wieder auf. Der mildeste Vorwurf gegen Ramadan lautet, er sei ein Wolf im Schafspelz und rede mit gespaltener Zunge. Für die Welt ist er, so schreibt das Blatt im Kulturkampfdeutsch, eine »lächelnde Bombe«.

Aber in Groningen zählte nicht der Verdacht, sondern das Argument, und Ramadans wichtigstes lautete: Jeder Versuch, gläubige Muslime von außen »aufzuklären«, sei zwecklos, weil sie dies als Übergriff verstehen würden, als feindseligen Akt von Ungläubigen. Der Islam müsse sich vielmehr »von innen« reformieren, er müsse aus eigener Kraft, aus seinen eigenen Traditionen eine Antwort auf die Moderne finden. Ian Buruma, der ein eindringliches Buch über den Mord an Theo van Gogh geschrieben hat (Die Grenzen der Toleranz, Hanser Verlag), sah es ähnlich. Die Ideale der Aufklärung, sagt er, liefen Gefahr, zu einem westlichen Kampfmythos zu verkommen, zu einem nationalen »Wert«, der die Spirale aus Hass und Verfeindung bloß weitertreibe. Nicht irgendwelche Werte, allein Recht und Gesetz bildeten das Band, das eine moderne Gesellschaft zusammenhalte.

Auch Ramadan predigt seinen Glaubensbrüdern strikten Rechtsgehorsam, auch er weiß, dass Fundamentalismus und Demokratie unvereinbar sind. Deshalb müsse der Islam sich eine andere Geschichte über seine Stellung in der Moderne erzählen, nicht die Geschichte vom Kampf, sondern die von einer multiplen Identität, bei der man sowohl engagierter Bürger eines Gemeinwesens wie auch gläubiges Mitglied einer Religionsgemeinschaft ist. In diesem Sinn gehören Buruma und Ramadan zu einer neuen Avantgarde. Auch sie haben multiple Identitäten, und sie sagen: Muslime, macht es uns nach, versteht euch als Bürger, verlasst die soziale Isolation. Eine grundlose Hoffnung? Eine andere, so hieß es in Groningen, haben wir in Europa nicht.