Was kann es Schöneres geben als einen Regisseur, der mit siebenundachtzig Jahren ein unfassbar jugendliches Alterswerk dreht?

Jugendlich ist der neue Film von Alain Resnais, weil er die Chuzpe hat, alle Erwartungen über den Haufen zu werfen. Die Erwartung des Zuschauers an ein Liebesmelodram, die Erwartung der Filmfiguren an sich selbst und sogar die Erwartung der Kinogeschichte an einen Alain-Resnais-Film.

Les Herbes FollesVorsicht Sehnsucht erzählt eine Liebesgeschichte unter reiferen Menschen. Bei einem Schuhkauf wird der Zahnärztin Marguerite (Sabine Azéma) ihre Handtasche gestohlen. Der Pensionär Georges (André Dussollier), findet ihre Geldbörse und verliebt sich in ihr Passbild. Zögerlich bringt er die Börse zur Polizei, ungeduldig, geradezu gereizt erwartet er den Dankesanruf. Aber weshalb beschimpft er Marguerite am Telefon? Warum beginnt er ihr nachzustellen wie ein Stalker und zersticht sogar die Reifen ihres Wagens? Und was ist das für eine Kamera, die einzelne Gegenstände – die neuen Schuhe, das Portemonnaie, ein Telefon – mit geradezu fetischistischer Zärtlichkeit filmt, so als folge sie den sprunghaften Gedankenwegen der Figuren?

Tatsächlich scheinen die Helden permanent von ihren eigenen Reaktionen überrumpelt zu werden. Georges wird getrieben von aggressiven Gedankenblitzen, die manchmal als cholerische Eruptionen nach außen dringen. Die zierliche Zahnärztin Marguerite wütet wie ein Folterknecht im Mund ihrer Patienten. Georges’ Frau wiederum ist offenbar gar nicht verärgert, sondern erleichtert, eine Konkurrentin zu haben. Auch die Nebenfigur eines Polizisten fällt aus der Rolle, geriert sich als Therapeut und Lebensberater. Selbst auf den sonoren Erzähler, der einiges erklären könnte, ist kein Verlass. Er wirkt unstet, schaltet sich nur sporadisch ein und scheint auch recht vergesslich.

Les Herbes Folles, der französische Originaltitel, bedeutet auf Deutsch Unkraut. Zu Beginn fährt die Kamera denn auch verschwörerisch an Gräsern entlang, die durch rissigen Asphalt gewachsen sind. Immer wieder wird sie im Laufe des Films über eine wilde Wiese gleiten. Das "Unkraut", das sich hier seinen Weg durch die Erzählung bahnt, sind die halb- und vorbewussten Regungen der Figuren. Ihre Impulse, Sehnsüchte, Aggressionen, Assoziationen, ihr Begehren. Und ihr Begehren nach dem Begehren. Wenn Kunst eine Art der Sublimierung ist, dann ist Vorsicht Sehnsucht der Versuch, diesen Prozess sichtbar zu machen – und teilweise umzukehren. Fast zärtlich beschützt Resnais die wuchernden Regungen und emotionalen An- und Ausfälle seiner Figuren vor den Rasenmähern und Heckenscheren des zivilisierten, will sagen: logisch geglätteten Erzählens.

Und so wird Vorsicht Sehnsucht nach und nach zu einem Werk der heiteren Anarchie. Je weiter der Film fortschreitet, desto surrealer, man könnte auch sagen: durchgeknallter wirken Handlung und Dialoge. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als uns lustvoll dem absurden Sog des Geschehens zu überlassen, statt wie ein Kriminalist auf die Suche nach Motiven, Logik oder gar Psychologie zu gehen.

Nur ein meisterlicher Film kann sich solche "Krautigkeiten" leisten

Es gehört zur schönen Dialektik dieses Projekts, dass sich solche "Krautigkeiten" nur ein Film leisten kann, der mit geschmeidiger Meisterschaft gemacht wurde. Zusammengehalten wird Vorsicht Sehnsucht durch das boulevardeske Spiel von Resnais’ Lieblingsdarstellern André Dusollier und Sabine Azéma. Es herrscht eine virtuose Überzogenheit des Ausdrucks, eine trotz des Liebesernstes heitere Atmosphäre der Künstlichkeit. Licht und Farben verbinden sich zu einem weich ausgeleuchteten studiohaften Kino-Ambiente. Wenn Georges mit Marguerite telefoniert, scheinen sein Schreibtisch und seine Haare grün zu glühen. Und wenn Marguerite ihre von bunten Neonlampen beleuchtete Wohnung betritt, wirkt es, als sprächen die Wände mit den Farben ihres Mantels. Die elegante Anarchie erfasst auch die Kamera. Manchmal versichert sie sich wie eine Sammlerin des Gefilmten, rückt die Gegenstände und Orte der Erzählung erinnernd ins Bild. Dann wieder schweift sie wie ein neugieriger Eindringling durch Häuser und Wohnungen und nimmt die Figuren aus irritierenden Untersichten auf. Mal scheint sie überdidaktisch, dann wieder kapriziös. Das Gesicht der Heldin etwa ist in der ersten Viertelstunde nicht zu sehen. Umso mehr erfreut sich die Kamera an Azémas Händen, Armen, dem von hinten gefilmten Rotschopf oder ihren beim Schuhkauf wohlig hingestreckten Füßen. Es ist eine Feier der Fragmentierung, des frei gewählten Ausschnitts, der von allen erzählerischen Mustern und Vorgaben befreiten Agilität.

Schon immer war Resnais der große Unberechenbare des französischen Kinos. Er erfand die Nouvelle Vague vor der Nouvelle Vague, verfilmte mit Hiroshima mon Amour und Letztes Jahr in Marienbad Ende der fünfziger Jahre Bücher von Marguerite Duras und Alain Robbe-Grillet, bevor sie zu literarischen Stars wurden. Er entdeckte in Mélo Mitte der achtziger Jahre die bühnenhafte Künstlichkeit des Theaters neu für das Kino und näherte sich in den letzten Jahren den populären Formen des Boulevards (Smoking/No Smoking) und des Chansons. In Das Leben ist ein Chanson übernahmen französische Schlager die Aufgabe, Sehnsüchte, Geheimnisse und Gemütszustände der Figuren auszudrücken. In seinem neuen Film braucht Resnais kein weiteres Medium, um Unbewusstes nach außen zu kehren. Wenn man so will, dann ist Vorsicht Sehnsucht ein filmisches Tourette-Syndrom im Gewand des Boulevards. Ein Film über die Freiheit, freudige Haltlosigkeit und den wunderbaren Leichtsinn des Kinos, die uns ein fast neunzigjähriger Regisseur vor Augen führt.