ZEITmagazin: Herr Kroetz , Sie sagten mal, Sie seien ein Mensch ohne Schranken. Wie meinten Sie das?

Franz Xaver Kroetz: Ein Künstler, der Grenzen anerkennt, kann kein leidenschaftlicher Künstler sein. Kamikaze, Mord, Selbstmord – das gehört alles zum Beruf eines Dramatikers.

ZEITmagazin: Hatten Sie schon mal Selbstmordgedanken?

Kroetz: Sehr oft. Vielleicht wäre ich schon tot, wenn ich nicht mit dem Schreiben ein Ventil gehabt hätte. Mit zwölf habe ich damit begonnen. Das war ein Segen für mich. Beim Schreiben habe ich alles losgekriegt. Was mir privat nicht geglückt ist, habe ich in den Stücken abgeladen.

ZEITmagazin: Schreiben war zugleich Kamikaze?

Kroetz: Schreiben ist Qual, Selbstzerstörung, Vernichtung. Vermutlich wäre ich im Irrenhaus oder in der Trinkerheilanstalt, wenn ich nicht damit aufgehört hätte. Dramatiker werden meistens nicht sehr alt. Walser, Grass, Lenz – die werden uralt. Denn Prosa ist Labern. Und Labern geht im Leerlauf. Aber beim Drama-Schreiben musst du im Stand Vollgas fahren. Das macht das Auto und den Menschen kaputt.

ZEITmagazin: Trotzdem sind Sie nicht kaputtgegangen.

Kroetz: Weil ich einen ganz starken Lebenswillen habe. Ich war von Anfang an angepfahlt. Meine Mutter stammte aus Tirol , da waren alle Bauern. Meine Großeltern väterlicherseits waren Schmiede in Niederbayern. Da hat’s keine Künstler gegeben. Ich bin nicht als Spinner geboren, sondern habe eine gesunde Grundausstattung mitbekommen. Ich bin sozusagen gesund bis an den Abgrund gegangen.

ZEITmagazin: In welche Abgründe haben Sie gesehen?

Kroetz: Als ich mit 17 bei der Schauspielschule rausgeschmissen wurde, hatte ich keine Zukunft und musste mich als Bau- und Hilfsarbeiter durchschlagen. Nach dem Tod meines Vaters hat meine Mutter das Haus vermietet, weil wir Schulden hatten. Ich musste im Keller schlafen, ohne Heizung. Dort unten habe ich dann geschrieben. Es war eine sehr, sehr harte Zeit, bis ich 25 war. Da hätte ich gerne die Welt ausgerottet, weil sie mich nicht anerkannt hat.

ZEITmagazin: Manche Schriftsteller begeben sich extra in Abgründe, um Stoff fürs Schreiben zu finden.

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Kroetz: Mir hat das Leben glücklicherweise so viel Scheiße hingeschaufelt, dass ich nicht reinspringen musste. Die Katastrophen sind alle von selber gekommen.

ZEITmagazin: Welche zum Beispiel?

Kroetz: Es gab dauernd Katastrophen. Das war ein durchwachsenes, schreckliches Leben. Ich habe mein Leben lang gesoffen. Und es gab Verzweiflungen, wenn ich nicht schreiben konnte. Einmal habe ich deshalb in meiner Wut eine Küche zerlegt, bis keine Tasse mehr heil war. Das sind Explosionen gewesen. Aber ich hatte irgendeinen Schutzengel und habe nie einen Menschen erschlagen. Anders ist es erst geworden, als ich die Marie-Theres kennenlernte. Bis dahin war ich ein widerliches Kerlchen. Ich bin über Leichen gegangen, habe die Frauen schlecht behandelt. Mich hat nichts interessiert außer Schreiben.