Bedingt durch die zahlreichen deutschen Kriegsopfer in Afghanistan, gewann in den letzten Wochen und Monaten in der Bundesrepublik eine Debatte an Intensität, die bereits seit einigen Jahren schwelt. Sie dreht sich um den korrekten Einsatz des Wortes "Krieg", und sie offenbart, dass weite Teile von Öffentlichkeit und Politik mit diesem Wort fremdeln.

Das liegt vermutlich daran, dass der Krieg mit dem Ende des Ost-West-Konflikts gerade von Intellektuellen etwas hastig als geschichtsphilosophisch überholtes Phänomen angesehen wurde. In den neunziger Jahren machte diesbezüglich das Gerücht vom "Ende der Geschichte" die Runde. Die Tragfähigkeit des abgestandenen Bonmots hätte sich allein am Ende von Kriegen erweisen können. Doch obwohl sich abzeichnet, dass dem Ende der Geschichte keine Dauer beschieden war, zögern weite Teile des Westens, das Ende dieses Endes offiziell mit der Figur des Kriegs zu besiegeln.

Ihren vorläufig letzten Höhepunkt findet diese Zurückhaltung in der bundesrepublikanischen Unterscheidung zwischen einem rechtlichen und einem nichtrechtlichen Kriegsbegriff. Am Ostersonntag kommentierte der deutsche Verteidigungsminister zu Guttenberg auf einer Pressekonferenz in Bonn den Tod von drei deutschen Soldaten. Sie waren am Karfreitag in einen Hinterhalt der Taliban geraten. Der Minister setzte sich einmal mehr implizit von seinem viel gescholtenen Amtsvorgänger Jung ab, der bekanntlich bis zuletzt bestritten hatte, dass die Bundeswehr am Hindukusch in einen "Krieg" verwickelt sei. Jungs euphemistischer Begriff des "Stabilisierungseinsatzes" schien am Ostersonntag weitgehend abgewirtschaftet zu haben. Guttenberg, der kurz nach seinem Amtsantritt immerhin bereits von "kriegsähnlichen Zuständen" in Afghanistan gesprochen hatte, redete nun ausdrücklich von "Krieg". Ohne "Ähnlichkeit" und ohne "Zustände". Einen Zusatz oder eine Einschränkung hielt er indes auch diesmal für unverzichtbar: Lediglich "umgangssprachlich" hätten wir es in Afghanistan mit einem "Krieg" zu tun.

Erläuterungsbedürftig scheint seit Guttenbergs Auftritt mit dem Begriff des "Kriegs" nun unmittelbar auch der des "Umgangssprachlichen". Umgangssprachlich meint gemeinhin einen leicht nachlässigen, mitunter bildlichen, letztlich unpräzisen Sprachgebrauch. Wenn der Minister "umgangssprachlich" von Krieg redet, dann hält er das Wort "Krieg" zur Bezeichnung der Zustände in Afghanistan für passend, im strengen verfassungs- und völkerrechtlichen Sinne aber natürlich für falsch. Gerade der falsche Kriegsbegriff soll und darf nun im Gegensatz zum richtigen für Afghanistan aber offenbar benutzt werden. Alle dürfen jetzt von "Krieg" reden, und doch ist es nie ganz richtig, was sie sagen. Die Bedeutung des Wortes "Krieg" ist seit Ostern sein falscher Gebrauch in der Umgangssprache.

Bundeskanzlerin Merkel, die fünf Tage später zur Beerdigung der getöteten Soldaten anreiste, machte sich Guttenbergs Unterscheidung zwischen einem umgangssprachlichen und einem juristischen Gebrauch des Wortes "Krieg" in ihrer Trauerrede indirekt zu eigen. Merkel beteuerte, sie "verstehe" jene Soldaten, die lieber von einem "Krieg" als von einem "bewaffneten Konflikt" reden wollten, wies aber darauf hin, dass dies im völkerrechtlichen Sinne unzulässig sei. Dies konnte den Vorsitzenden der SPD freilich nicht davon abhalten, aus Merkels Worten auf die Notwendigkeit eines neuen Mandats vonseiten des Bundestags zu schließen.

Nun ist es vermutlich kein Zufall, dass sich die "Kriegs"-Frage in Afghanistan in der Öffentlichkeit bislang immer dann stellte, wenn es Tote zu beklagen galt. Damit die Toten benannt werden können, bedarf es eines Namens für den gesamten Konflikt. Unter juristischem Gesichtspunkt verhält es sich umgekehrt. Hier kann es streng genommen allein der Name des übergeordneten Konfliktes sein, der über die Bezeichnung für den toten Soldaten entscheidet. Der Isaf-Einsatz der UN lässt Soldaten "ums Leben kommen" – "Gefallene" hingegen machen ebendiesen Einsatz zum "Krieg".

Von solchen Unterscheidungen hängt viel ab. Die Hinterbliebenen etwa, um ein marginales, nichtsdestotrotz aber aufschlussreiches Beispiel zu nennen, können im Falle eines "bewaffneten Konflikts" oder eines "Einsatzes" immerhin von der Lebensversicherung des Toten profitieren. Im Falle eines "Krieges" ist dies bereits weit schwieriger. Über ihre ökonomische Reaktion auf den soldatischen Tod legen Versicherungspolicen diesen als eine Art höheren Arbeitsunfall fest. Damit behandeln sie ihn nachdrücklich als kontingentes Ereignis. Zur Verhandlung steht derzeit aber offenbar die Möglichkeit einer Sinndimension des Soldatentodes, die das klassische Tauschprinzip kategorisch überschießt. Daher rührt das gesellschaftliche wie auch das politische Ungenügen am Begriff des "bewaffneten Konflikts". 

Wenn der Verteidigungsminister und die Bundeskanzlerin Verständnis für das Wort "Krieg" an den Tag legen, so wollen sie kaum betonen, dass das afghanische Grauen umfassender ist, als es die Semantik des internationalen Rechts suggeriert. Ein "Krieg" soll die Leistung des einzelnen Soldaten und insbesondere die des soldatischen Todes überhaupt erst ins rechte Licht rücken. Dem Wort "Krieg" eignet damit – und dies stellt ein bundesrepublikanisches Novum dar – auch ein tröstliches Moment.