Fußball-WM Wie gefährlich ist Südafrika?Seite 3/3
© STEPHANE DE SAKUTIN/AFP/Getty Images

Ein Junge spielt im Township Alexandra mit einem Fußball
Doch nicht alle ließen sich von der negativen Presse abschrecken. Immerhin reisten rund zehn Millionen Ausländer im vergangenen Jahr zwischen Kapstadt und Krügerpark herum. Die meisten sind laut Umfragen der Touristikverbände begeistert und wollen unbedingt wiederkommen, manche haben beschlossen zu bleiben und kaufen Häuser, Jagdfarmen, Weingüter oder Grundstücke mit Meerblick.
In jüngster Zeit sind die Besucherzahlen allerdings deutlich zurückgegangen. Die Panikmache vor dem Weltcup zeigt Wirkung, und die Südafrikaner müssen damit rechnen, dass zur WM nicht die erwarteten 450000 Gäste aus aller Welt kommen werden, sondern vermutlich nur die Hälfte. Das liegt vor allem an der Angst vor Gewaltverbrechen, aber auch daran, dass das Fußballfest ausgerechnet im Juni und Juli stattfindet, in der südafrikanischen Winterzeit also, wenn es in den höher gelegenen Regionen grimmig kalt werden kann. Hinzu kommen die Wucherpreise, die manche Hotels, Safari-Unternehmen und Fluglinien während des vierwöchigen Turniers verlangen. Unterkünfte können oft nur für drei oder mehr Tage gebucht werden. Wer also zwischen den bis zu 1800 Kilometer voneinander entfernten Spielorten pendeln will, muss tief in die Tasche greifen. Das Geld jedoch sitzt in Zeiten der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise nicht mehr so locker. Folglich sind die WM-Buchungsraten bislang enttäuschend, und sie werden niedrig bleiben, wenn Touristen und Fußballfans beim Lesen der Gruselgeschichten über Südafrika den Eindruck gewinnen, dass sie erschossen werden, sobald sie ihr Hotel verlassen.
"Eine Unverschämtheit!", schimpfte ein Freund aus Deutschland, der während der WM-Gruppenauslosung vorigen Dezember in Kapstadt Urlaub machte. Wir hatten gerade eine fröhliche Party in der Long Street erlebt, 60000 Menschen waren zum Public Viewing gekommen, Schwarze, Weiße, Farbige, Asiaten, ein buntes Völkchen, das gemeinsam die schillernde Zeremonie bejubelte. Anschließend sahen wir per Satelliten-TV die Tagesthemen. Das Volksfest wurde nur ein paar Sekunden lang gezeigt. Dann fokussierte die Kamera in einer neuen Einstellung eine stockdunkle Township. Man sah ein flackerndes Feuer, davor eine verstörte Mutter mit Kind, neben ihr ein Kreuz – die Stelle, an der ihr Mann ermordet worden war. Eine gespenstische Szene aus dem ARD-Archiv. Die Zuschauer konnten den Schluss selber ziehen: Wer möchte so ein mörderisches Land besuchen?
Unser Freund zog damals einen provokanten Vergleich: Man stelle sich die Empörung in Deutschland vor, wenn das südafrikanische Fernsehen bei der Gruppenauslosung für die WM 2006 in Leipzig ein sächsisches Dorf bei Nacht gezeigt hätte, in dem eine Horde von Neonazis einen Obdachlosen totgeprügelt hat. Na ja, hätte man gesagt, so berichten eben Afrikaner. Die wissen es nicht besser.
Manche Südafrikaner spielen allerdings selber gerne mit dem Klischee vom »gefährlichsten Land der Welt«, man muss nur in einem Kleinbus von Jimmy’s Face to Face Tours nach Soweto fahren. Auf dem Weg dorthin erzählt der Reiseunternehmer Jimmy Ntintili höchstpersönlich von den fürchterlichsten Verbrechen, die in der Township verübt werden, und er freut sich, wenn seinen Kunden kalte Schauer über den Rücken laufen. Übertreibungen gehören zum Geschäft, und am Ende können die tapferen Reisenden sagen: We have survived Soweto – wir haben Soweto überlebt.
- Datum 30.04.2010 - 15:59 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.04.2010 Nr. 17
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Bezüglich der im Artikel erwähnten Übergriffe auf Flüchtlinge:
Ich arbeite in einem Flüchtlingsbüro in Kanada und lese häufig Schilderungen von der Lebenssituation in der sich Flüchtlinge zur Zeit in Südafrika befinden. Afrikanische Flüchtlinge leiden weiterhin unter einem, auch im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern, extrem hohen Maß an Diskriminierung. Tätliche Übergriffe sind an der Tagesordnung, Menschen werden mit Messern, Äxten und Steinwürfen attackiert. Da sie keine sogenannte "Green Identity Card" besitzen, erhalten sie kaum Schutz von der Polizei. Ein Flüchtling schrieb neulich in seinem Antrag, dass ein Einheminscher ihm gedroht habe (Übersetzung): "Warte nur bis nach der WM, dann bringen wir euch alle um."
Ich finde daher, dass die Weltmeisterschaft eine große Möglichkeit ist die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf diese Probleme zu lenken. Nicht Südafrika als ein gefährliches Verbrecherland, kurz vor einem Bürgerkrieg abzustempeln, dass ist wahrlich aus der Luft gegriffen, sondern stattdessen auf die Probleme hinzuweisen, wie das auch 2008 im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen in China zumindest versucht wurde.
"Ich kenne nur ein paar Fälle von ermordeten Touristen in den letzten zehn Jahren."
Ach so, nur ein paar, na dann mal los. Ich finde, Ulli Hoeness hat Recht. Dieses Land ist noch nicht soweit, ein solches Grossereignis auszurichten. Der eigentliche Skandal ist aber die Tatsache, dass es die jetzigen schwarzen Machthaber nach Abschaffung der Appartheid nicht geschafft haben 9oder nicht schaffen wollten?), ihrem Volk eine lebenswerte Existenz zu organisieren. Was hat sich denn in Suedafrika geaendert, ausser das in der Regierung jetzt die Schwarzen das Sagen haben. Im Grunde nichts. Nur das sich jetzt die schwarzen Machthaber die Taschen fuellen und ihre Brueder und Schwestern in den Townships verkommen lassen.
@Labskaus: diesen Blick auf die Dinge finde ich richtig.
@Rainererich: Es ist falsch, Gefahren herunter zu spielen, aber die Darstellung in dem Bericht entspricht dem, was mir Freunde und Bekannte erzählen, die häufig nach Südafrika fliegen. Wie würden denn die Alternativen heißen? Selbst in den USA müssen sie aufpassen wo und wann sie unterwegs sind. US-Amerikaner schildern immer wieder, wie sicher sie sich hier in Europa fühlen. Oder Brasilien? Was halten sie denn von FIFA-Weltmeisterschaften in Ägypten oder Kolumbien?
Danke, endlich mal ein neutraler Artikel über Südafrika. Und nicht so ein gehetze wie in anderen Zeitungen. Vielen Dank! :)
@Rainererich "Fünf tote Touristen seit 2006. Drei starben eines natürlichen Todes, einer infolge eines Verkehrsunfalls, einer stürzte vom Tafelberg." Hast du auch diese Statistik wahrgenommen? Diese ganzen Horrormeldungen über Südafrika kann ich nicht mehr hören. Ja, natürlich ist Südafrika nicht Westeuropa. Ja, natürlich hat Südafrika eine andere Kultur und die SüdafrikanerInnen ein anderes Temperament. Und ja in Südafika ist auch nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen! Aber deshalb ihnen die Fähigkeit abzusprechen ein sportliches Großereignis auszurichten, finde ich sehr fragwürdig. In den letzten Jahren hat Südafrika bewiesen, dass sie sollche sportlichen Großereignisse hervorragend Organisieren können - und jetzt die Überraschung, ohne tausende Tote und ohne Bürgerkrieg!
Zu der Entwicklung Südafrikas seit dem Ende der Apartheid. Du hast recht, wenn in Südafrika noch viele Probleme existieren und mit Sicherheit auch viele Fehler gemacht wurden. Aber die Unterschiede in Südafrika waren auch viel Größer als z.B. in Deutschland nach der Wiedervereinigung! Und bei uns ist auch noch nicht alles Top! In Südafrika verändert sich einiges und hat sich auch schon einiges verändert! Schwarze und Weiße gehen zusammen zur Schule, werden Freunde, reden auf Augenhöhe miteinander, etc...
Es gab eine recht erfolgreiche Aufarbeitung der Apartheidszeit durch die Truth and Reconciliation Commission (natürlich kann man über die viele Punkte der Ausführung der Kommision streiten) ...etc.
Lasst uns Südafrika und ganz Afrika differenzierter betrachten! Genau so, wie wir von Bayern nicht auf Preußen schließen! ;)
Ich war 2008 in Kapstadt 3 Wochen im Urlaub und habe dort ca. 1500km lang Touren durchs Land gemacht. Ich lebe noch. Als weißer Tourist der mit zwei anderen weißen Touristen unterwegs war. Angst vor Verbrechen/Gewalt hatte ich nur einmal als wir in eine Polizeikontrolle kamen... ;-)
Ich denke das mit dem richtigen Verhalten gibt es wirklich keinen Grund zur Sorge. Das Land, die Natur ist wirklich ein Traum. Wer sich für Landschaften und Tiere interessiert sollte sich das Land nicht entgehen lassen.
Die WM wird dort bestimmt sehr gut mit vielen vielen Feiern. Schlimme Ecken gibt es überall. Auch in Köln, Berlin, Duisburg etc. würde ich mich extrem ungern in bestimmten Vierteln auf Sightseeingtour begeben.
Wenn man Olympia in China stattfinden lassen kann, dann auch Fußball in Südafrika. Da herrscht wenigsten offiziel noch eine Demokratie.
Was mich persönlich an der Berichterstattung ziemlich wundert ist, dass niemand darauf hinweist das es in Südafrika nun Winter ist. Was zumindest für die südlichen Ecken Temperaturen um die 10 bis 15° bedeutet. Am Strand liegen und in FlipFlops rumlaufen ist da nicht.
Ich habe inzwischen so viele Artikel über Südafrika gelesen und zweifle inzwischen daran, dass ich dieses Land selbst vor einigen Jahren bereist habe- mit Freunden im Auto von Kapstadt nach Durban nach Lüderitz (Namibia) und wieder zurück nach Kapstadt. (>es ist übrigens nichts schlimmes passiert).
Ich verstehe zum einen nicht, warum große Zeitungen nicht realistisch über dieses Land berichten können und wer von dieser ganzen Panikmache profitieren soll?
Zum anderen ärgert es mich ungemein, wenn Weltmänner wie Uli Hoeneß oder andere Lichtgestalten über ein Land urteilen, das sie abgesehen von ihren Golfplätzen nie ernsthaft bereist haben.
Sicherlich ist in Südafrika nicht alles zum Besten bestellt, aber war das 1986 in Mexiko anders und wird das in Brasilien 2014 anders sein?
Die Schlechtmacherei und die Panikmache vor der WM in Südafrika sind wirklich abstoßend. Am dümmsten waren die Reaktionen nach dem Anschlag auf die Nationalmannschaft Togos im angolanischen Cabinda (nördlich der Kongmündung, ca. 2000 km Luftstrecke von Kapstadt). Hat da von denjenigen, die ein Sicherheisrisiko für die WM in Südafrika konstatiert haben, mal jemand auf die Landkarte geschaut? Angesichts der unmittelbaren Nähe der Krisengebiete Kosovo, Kurdistan und Israel/Palästina hätte die WM 2006 auch niemals nach Deutschland vergeben weren dürfen!
Warten wir doch in Ruhe die WM ab, analysieren hinterher und hüten uns mit Vorverurteilungen. Vielleicht wird's ja ein südafrikanisches Wintermärchen.
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